dotproject

Morgens stelle ich Hélvio kurz die Demoversion der Software vor und erkläre ihm, dass sie auf dem Server installiert werden müsste, dafür aber nicht auf jedem einzelnen Rechner. Die Benutzer können sich mittels Browser einloggen, und da ja eh alle Rechner vernetzt sind, ist dieses eine praktische Sache. Hélvio ist zufrieden und erklärt: Bei Olsen gibt es zwei Informatiker: Sandro für die Hardware, und Marcelo für die Software. Letzteren ruft er an, Marcelo verspricht, er werde mir die Software installieren. Ein Linux-Server mit MySQL und PHP sei vorhanden, also kein großer Aufwand.
Bis dahin kümmere ich mich wieder um meine Vokabeln. Beim Mittagessen treffe ich Marcelo in der Kantine: Sorry, er müsse einen Rechner für die bevorstehende Gesundheitsmesse in Köln konfigurieren, und da müsste noch was programmiert werden, und das sei natürlich jetzt wichtiger als die Software für mich. Tja, und so kommt es, dass ich noch ein paar Vokabeln lerne, und heute und den gesamten Mittwoch ansonsten absolut gaar nichts zu tun habe.
Da ist es schon ein Höhepunkt, dass ich mir bei www.pauker.at, dem größten Online-Portugiesischwörterbuch, einen Login zulege und technische Vokabeln einspeichere. Hélvio hat eine Menge zu tun, und wenn ich nach dem zu unterzeichnenden Arbeitsvertrag frage, heißt es: „Tranqüile“. Das ist Hélvios Lieblingswort, wörtlich übersetzt Beruhig Dich, bei ihm universell eingesetzt immer wenn es heißen soll: Habe verstanden, geht in Ordnung, mach Dir keine Sorgen, alles zu seiner Zeit.

Erster Arbeitstag

Nach meiner Ankunft bei Olsen habe ich mich zunächst einmal allen Mitarbeitern im Büro, die schon da waren, vorgestellt. Morgens gab es gleich eine Besprechung zwischen Uilians (dem Arbeitsvorbereiter) und meinem Abteilungsleiter, Hélvio. Sie sind eine Liste mit Assuntos, Vorgängen, durchgegangen, die für den Start einer neuen Baureihe noch zu erledigen sind. Hélvio sagte mir: „Wenn du Fragen hast, etwas nicht verstehst, dann frag!“ Um ehrlich zu sein: Ich habe gar nichts verstanden, wollte aber auch nicht wegen jeder Kleinigkeit fragen. Uilians hat mir netterweise die 10-seitige Liste noch mal ausgedruckt, und ich habe mir nach der Besprechung mein Wörterbuch zur Hand genommen und an diesem Tag und in den Folgetagen mal schlappe 200 Vokabeln aus der Liste heraus geschrieben. Tja, wenn es da heißt: „Bei der Biegevorrichtung für die Wasserspender, aus denen der Patient seinen Becher gefüllt bekommt, gibt es Probleme mit der Materialzuführung“, dann ist das sicherlich nicht so einfach zu verstehen. Obwohl eigentlich gar nicht schwer: Denn der gemeinte Wasserspender heißt im Portugiesischen sehr treffend Bengala, Spazierstock. Irgendwann mittags heult eine Luftschutzsirene auf, Pause. Wir Praktikanten und viele andere Leute aus dem Büro lassen den Kollegen aus der Werkstatt den Vortritt am Buffet, und surfen die halbe Stunde bis halb 1, und gehen dann los. Das Essen ist wie im Kilorestaurant, nur zu meiner Überraschung kostenlos. Es sei zwar üblich, dass der Arbeitgeber eine Stütze zum Essen dazuzahle in Brasilien, aber kostenloses Essen kenne er auch erst, seitdem er bei Olsen arbeite, erzählt mir Kollege Diogo, ein junger Konstrukteur. Am Nachmittag konnte ich mich über einen Schreibtisch freuen, einen PC werde ich jedoch nicht bekommen. Also heißt es Rodízio de Computadora, setz Dich an einen Rechner, der gerade frei ist. Todos têm Internetschi. Hélvio kommt vorbei und erzählt mir, dass ihm das mit der bisherigen Praxis einer Tabelle für die Projektplanung nicht gefalle, ich hätte doch etwas Ahnung von PCs und wolle doch obendrein was Richtung Projektmanagemant machen – ob ich da nicht eine gute Software kennen würde? Bedingung: Sie darf nichts kosten, und alle müssen drauf zugreifen können. MS Project scheidet also aus. Das hört sich ja wirklich nach einer Sache an, die mich interessiert, und ich sage zu. Die nächsten Stunden verbringe am PC von Mitpraktikant Rodrigo, dem Werkstoffwissenschaftler, und suche bei SourgeForce und anderen Foren nach Open-Source-Programmen. [Anmerkung: ich schreibe mein Tagebuch in Word, und stelle gerade fest, dass die Word-Rechtschreibprüfung das Wort Open-Source nicht kennt. Hm, das ist ja typisch. Linux wird auch immer rot unterstrichen.] Bereits zu Feierabend habe ich eine vernünftige Software gefunden, sie heißt Dotproject. In eine Demoversion für jedermann kann man sich unter www.dotproject.net/demo einloggen (Benutzer: admin, Passwort: admin). Hélvio bietet mir Carona an, Mitfahrgelegenheit. Als ich nach Hause komme, ist Luiz aus Italien wieder da und wir schauen uns Bilder aus Turin und seinem Abstecher nach Assisi an, die er mit seiner Digitalkamera gemacht hat.

Leonors Geburtstag

Nachdem ich fast bis Mittags geschlafen habe, hat mich Michelle ins Auto gesteckt, heute ist doch der Geburtstag von Leonor, einer Freundin aus der Studentengemeinde, und wir wären zum Essen eingeladen. Nach einer Zwischenstation im Manhattan-Minimercado habe ich das Dessert (Eis) beigesteuert, außer uns waren noch Leonors Mann, Hallthmann (sprich: Hautschmann), und eine weitere Freundin anwesend. Leonor ist im fünften Monat schwanger und es gab viel Salat, ein bisschen Fleisch und Wackelpudding (hier: Gelantine) mit Eis. Leonor und Hallthmann wohnen übrigens im gleichen Condominho (abgeschlossenes Gebiet mit einigen Mietwohnungen) wie Verena.
Nach dem Essen rief Markus an, ob ich nicht Lust hätte, mit Carlos und ihm eine Inselrundfahrt zu machen. Gute Idee. So besuchten wir erneut Santo Antônio de Lisboa, und fuhren nach Jurêre im Norden der Insel weiter. Dort gab es eine Oldtimer-Ausstellung, niemals zuvor habe ich so viele gut erhaltene Karmann Ghias gesehen…

Ein VW-Brasilieira


Ein Karmann-Ghia, das Auto Osnabrücks…

Abends war ich mit Michelle in der Kirche, die aufgrund des Papsttodes gerammelt voll war. Nur mit Mühe konnten wir noch einen Sitzplatz ergattern. Nach der Messe haben wir uns von der Studentengemeinde anlässlich Leonors Geburtstag in einer italienischen Pizzeria im Zentrum getroffen, wo es ausnahmsweise mal kein Rodízio gab, was für den Laden spricht. Ich habe mir mit Michelle, Cássia und Karina eine Pizza geteilt. Cássia hat den ganzen Abend Lachkrämpfe gehabt, und als ich ihr erzählt habe: „Cássia, não esqueca de inhalar quando você está rindo“ (Cássia, beim Lachen das Luftholen nicht vergessen) war es dann ganz vorbei. Nebenbei fällt mir auf, dass Cássia bei der Organisation des Austausches hier auf brasilianischer Seite auf die Unterstützung durch Leute aus der Studentengemeinde zurückgreifen kann: Da wird mal hier ein Zimmer besorgt, und kennst du nicht dort noch einen, den man wegen eines Praktikumsplatzes fragen kann,…
Kritisch wird es noch, als 30 Brasilianer versuchen, die Rechnung zu teilen und jeder einzeln seinen 3-Euro-Anteil mit Kreditkarte zahlen will. Da brauchte der Kellner echt starke Nerven.

Vamos no Centro

Als wir aufwachen, ist das Wetter ziemlich schlecht in Cansasvieiras, so dass wir uns entscheiden, nicht baden zu gehen. Da bleibt man also gerne noch etwas länger im Bett. Als ich als erster aufstehe, sehe ich aus unserem dritten Stock, wie ein Zeitungsjunge auf dem Moped eine zusammengerollte Zeitung bei jedem Haus vor den Eingang wirft, in voller Fahrt und in hohem Bogen. Die Zeitung landet jedes Mal fast direkt vor der Eingangstür, und von der Straße bis zu den Häusern hat sie den Vorgarten von ca. 5 Metern überflogen. Respekt.
Als das Wetter nicht besser wird, brechen wir die Zelte in Casasvieiras ab und fahren mit dem Bus ins Zentrum von Florianópolis, das ich bis auf den lokalen Busbahnhof TICEN und die Rodoviária (Fernbusbahnhof) bisher nur vom Hörensagen kenne. Gegenüber des TICEN gibt es eine Markthalle, in der man günstig Klamotten und sonstigen Kleinkram kaufen kann, und einen Fischgroßmarkt. In ausreichender Distanz vom Fischgestank lassen wir uns in einer Lanchonette nieder und essen zu Mittag, leckere Burger mit asiatischem Einschlag.


Wir entdecken den großen Buchladen Livraria Catarinense, und den großen Baum im Zentrum. Danach versuchen wir noch die alte Hängebrücke, die Ponte Hercílio Luz, zu besichtigen. Diese ist aber aufgrund von Restaurationsarbeiten für einige Jahre gesperrt. Die Brücke ist mit einer Länge von 819 Metern die längste Hängebrücke Brasiliens und verbindet seit 1922 das Festland und die Ilha de Santa Catarina miteinander. Sie hatte aber nur zwei Fahrspuren, und daher verbinden seit etwa 25 Jahren zwei hässliche Betonbrücken mit insgesamt 8 Fahrspuren Florianópolis mit dem Kontinent. Ab Montag werde ich täglich darüber fahren.


Aus der Nähe und bei Tag betrachtet ist die Brücke leider in einem erbärmlichen Zustand…

Nach einer Runde Descansar am Nachmittag habe ich dann zum ersten Mal gesehen, dass bei meinen Gasteltern der Fernseher lief: Papst Johannes Paul II. war verstorben. Luiz hatte kurz zuvor aus Italien angerufen, dass sich schon Menschenmassen am Grabtuch in Turin versammelt hätten.
Abends haben wir uns am Beira-Mar Shopping Center getroffen, um den letzten gemeinsamen Abend in Florianópolis zu verbringen, und zwar im El Divino Club. Es war noch nichts los, so sind wir nach einer Zwischenstation in einem Billardcafé in der Bar vor der Disko gelandet, die aber auch zum Club gehörte. Da haben wir uns irgendwie fest gequatscht und nicht registriert, dass die Schlange draußen länger wurde. Nach endlosem Anstehen waren wir dann drin, aber es war wieder eine Disko, wie ich sie nicht brauche: Viel Eintritt, nur Techno, VIP-Bereich für die Wichtigtuer, also kein Hit.
Am Ende war dann großer Abschied angesagt, morgen gehen diverse Busse in den Norden von Santa Catarina…

Calme!

Heute war unsere letzte Portugiesischstunde. Wir haben Central do Brasil zu Ende geschaut und mittags waren wir mit Cássia essen. Leider hat die Uni für Markus und Ingmar noch immer keine Praktikumsplätze, und selbst Cássia ist sich inzwischen nicht mehr so sicher wie vor einer Woche, dass es noch bis Montag was wird mit den beiden, wenn alle anderen ins Praktikum starten. Ihre Worte: Calme! (Beruhig Dich!)

Markus und Christian mit Cássia in der Estrela, ein Kilorestaurant

Beim Essen erzähle ich Cássia, dass man in Deutschland Leute in den April schickt, so als Brincadera (Witz, Spielchen). Und erzähle ihr von Lorenz’ genialer E-Mail:

Hi folks,
entgegen aller beteuerungen und erwartungen habe ich einen der 18 young forward placement-plätze bei der new yorker headquarter office von standard & poors bekommen. Manchmal hat man eben doch glück. zwar ist der weg zur arbeit mit 60 minuten im auto recht lang, aber wenn die versprochene c-klasse für mich nächsten mittwoch da ist, sollte das doch auch ganz gängig sein.
ich werd übrigens keine urlaubs/praktikumsbilder homepage einrichten, es wird schlicht an der zeit fehlen. „you’ll be too busy for pussy“ – diesen satz aus den fluren des 6th floor sollte ich mir zu herzen nehmen, heisst es.
also, vielleicht sehen wir uns, schließlich wollen viele firmen gerated werden. auch euer praktikumsgeber????
AAA rulz, bis ende september, jetzt muss ich mich erstmal einleben.

Euer Lorenz

@ Robin: ich erwarte Dich wie besprochen am jfk airport beim umstieg nach wisconsin. bring bitte die tasche mit, die dir simone übermorgen mitgeben wird.

Woraufhin Anne und Ingmar, die die Mail ebenfalls bekommen haben, erst jetzt merken, dass heute der 1. April ist. Hi Folks!
Nach dem Nachmittagskurs sind wir vier Jungs noch nach Cansasvieiras im Norden der Insel gefahren. Leider ist das Wetter etwas umgeschlagen und der Strand sehr schmal. Nach der Einquartierung in einer spontan gemieteten Ferienwohnung waren wir noch in einem erwähnenswerten Rodízio de Pizza. Nach den üblichen herzhaften Pizzen gibt es noch Süßigkeiten-Pizzen (Banane-Zimt, Erdbeer-Schokoladenstreusel, Schoko-Banane), und wieder einmal heillos überfressen mit der Feststellung, dass Deutsche und Brasilianer gleichermaßen am Buffet bzw. an der Eat-as-much-as-you-can-Politik scheitern. Gut, dass es das in Deutschland nicht so häufig gibt, sonst würde das deutsche Durchschnittsgewicht ähnliche Ausmaße annehmen wie das brasilianische. Wenn die Brasilianer auch die Amis nicht mögen, beim Essen stehen sie ihnen nichts nach.

jwd und Republica

Nach den heutigen Übungen zu Futurformen des Subjontivs haben wir uns abends um 10 in der Bar am Trindade-Platz getroffen. Die besten Leute lernt man ja bekanntlich kennen, wenn man ganz einfach Deutsch spricht, und so haben wir noch zwei Mädels kennen gelernt, von denen eine im brasilianischen Winter in Deutschland in einer Eisdiele eines bayerischen Kurortes arbeitet, um von dem Geld den brasilianischen Sommer am Strand zu verbringen. Auch ein Lebensmodell, denn so ein italienischer Pass habe echt Vorteile, schwärmt sie über ihren italienischen und deutschen Vorfahren, sie müsse sich als Blondine nur die Haare schwarz färben, darauf ständen die Deutschen halt in italienischen Eiscafés. Und das sie kein Italienisch, sondern nur Portugiesisch und gebrochen Deutsch spreche, falle auch niemandem der Kurgäste auf…
Später wollten wir uns mit Juliane in einer Disco namens Terraço Brasil in Cacupé treffen. Als wir dort mit dem Bus angekommen sind, weil es weit abgelegen lag, war das 1. ein Restaurant, und 2. wahrscheinlich noch mehr Schicki-Micki als andere, als wir bisher gesehen hatte. Wenngleich man von dort eine sehr schöne Aussicht auf Florianópolis hat, siehe deren Homepage. Als der Bus, der noch ein Dorf weiterfuhr, wieder umkehrt ist und erneut an der Haltestelle der Terraço Brasil ankam, saßen wir wieder drin und haben uns auf den Rückweg gemacht. Es war der letzte Bus, also war es zumindest kein schmerzhafter finanzieller Verlust, da wir für unseren 2-Minuten-Aufenthalt dort keinen Eintritt bezahlt haben und den letzten Bus noch erwischt haben. Juliane, die uns dort in die Pampa gescheucht hat, war übrigens nicht da. So sind wir dann wieder durch Trindade gezogen und in der Republica-Bar gelandet, eine Kneipe, die studentisch sein soll. Erst war viel Hippi-Hoppi, danach spielte eine Band, und Juliane kam auch noch vorbei. Sie hatte eine Freundin aus Deutschland, Ines, mit dabei und auch Milene, Tatiana und Paolo. Die drei kannten uns, aber wer sind die? Auflösung: Sie waren auch an unserem ersten Abend, dem Churrasco bei Veras Gasteltern dabei, und wir haben uns dort natürlich nicht an alle Leute erinnern können. Milene hat mal ein Semester in Mainz studiert und kannte daher Juliane. Tatiana ist Milenes Schwester, und Paolo ihr Freund.
Auf der Party liefen ein paar Leute rum, die Fotos machten und einem Zettel in die Hand drückten, wo man die Fotos in miserabler Qualität betrachten könne, um sie sich dann Abzüge über das Internet in besserer Qualität zu bestellen. Das gab es Deutschland auch vor ein paar Jahren (Pixelnet), als erst wenige Leute Digitalkameras hatten. Ein solches Foto findet Ihr hier:

Besuch von Bosch

Beim Sprachkurs ist irgendwie die Luft raus: Heute morgen fällt er schon wieder aus, weil Ingmar und Markus ein Vorstellungsgespräch haben, vielleicht fangen sie in einer Gründerfirma an, Ingmar habe ich nämlich schick in Schale geworfen am TICEN getroffen. Ich hatte mich aber auch schick gemacht und auf dem Weg zu Olsen feststellen müssen, dass der Direktbus über die Küstenautobahn wirklich nur morgens und abends fährt, also habe ich diesmal wieder alle Stadtteile von Kontinental-Florianópolis, São José und Palhoça mitgenommen, bis ich am Jardim Eldorado eingetroffen bin. Die Mädels am Empfang kenne ich jetzt schon, die haben mich dann gleich in Hélvios Büro in der Engenharia hochgeschickt. Hélvio war gut gelaunt, hat sich Zeit für mich genommen, und wir sind mein Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf durchgegangen. Außerdem haben wir ein Programm festgelegt, welche Aufgabengebiete ich bearbeiten soll:
1) Racionalização de processos de fabricação – Rationalisierung von Produktionsprozessen
2) Gerenciamento e desenvolvimento de produtos – Produktentwicklung und -managment
3) Controle estastístico de processo (CEP) – Statistische Qualitätskontrolle
4) Lista de componentes por produto – Stücklisten und Verwendungsnachweise
Irgendwann kam dann Cesar Olsen bei Hélvio ins Büro, hat mir ein „Seja Bem-Vindo na Olsen“ gewünscht und gesagt, gleich kämen die Leute von Bosch an. Als wir dann zum Essen runtergingen, waren sie eingetroffen, die Firmenband „Olsen-Boys“ hat gespielt, und wir haben in der Kantine gegessen, wo ich mich mit dem Einkaufleiter unterhalten habe. Eine wichtige Erkenntnis ist mir in Erinnerung geblieben: In Brasilien streuen die Löhne sehr viel weiter auseinander als in Europa. Eine Putzfrau, ein Busschaffner, ein Wachmann, ein Botenjunge auf dem Moped – alles das sind Dienstleistungen, die beinahe kostenlos zur Verfügung stehen. Er hat mir erzählt, dass er mit seiner Familie in Florianópolis wohnt, und sie eine Hausangestellte haben, der er knapp 400 Reais im Monat bezahlt. Dafür macht sie die komplette Wäsche, putzt, kauft ein, kocht und spielt Kindermädchen. In der Zeit verdiene seine Frau, die auch nur als normale Büroangestellte arbeitet, aber mehr als das Doppelte.
Nach dem Mittagessen ist dann eine Besprechung angesetzt, bei dem es um eine Designveränderung an den Motoren geht, die für eine neue Baureihe von Stühlen benötigt werden. Cesar Olsen ist zwar auch dabei, sitzt aber seitlich, schlürft seinen Chá (Tee) und telefoniert. Hélvio als Produktionsleiter sitzt am Kopfende und hat das Ruder in der Hand, verhandelt, trifft die Entscheidungen.
Nach einem ausgiebigen Produktionsrundgang, von den brasilianischen Bosch-Leuten für die deutschen Bosch-Leute in grauenhaftes Englisch übersetzt, diskutieren wir über das Berufsausbildungssystem in Deutschland und Brasilien. Fast alle Funcionários (Mitarbeiter) bei Olsen waren früher Fischer, bis vor 10 Jahren war Palhoça noch stark durch Fischfang geprägt. Interessant ist ein Schweißkarussel, in dem ein Mitarbeiter die Grundstrukturen für die Basis und die Sitzflächen und die Rückenlehnen punktschweißt. Er dreht sich mit seinem Schweißgerät karussellartig um die Vorrichtungen herum, eine weitere Person baut die Vorrichtungen auf und legt die Rohteile ein, eine dritte Person entnimmt die punktgeschweißten Schweißstrukturen und legt sie auf eine weitere Vorrichtung, wo sich ein zweites Karussell zum Fertigschweißen befindet. Inzwischen sind wir bei Cesar im Büro angekommen, und nachdem uns Cesar von seinem großen Vorbild, Robert Bosch, berichtet hat, es geht zum Small Talk über, wie es den Bosch-Leuten und mir so in Brasilien gefällt.
Hélvio fragt mich nach meinen ersten Eindrücken vom Unternehmen, und was man in Deutschland anders machen würde: In Deutschland gäbe es bei einem Zahnarztstuhlhersteller sicherlich keine Tischlerei, die die Paletten und Holzkisten, in die die fertigen Produkte verpackt werden, herstellt. Das würde man zukaufen. Interessant ist auch die Art und Weise, wie die Kunststoffteile hergestellt werden: Nicht etwa mit Spritzgussformen, nein, es wird eine Kunststoffplatte erhitzt, und nur eine Matrize fährt von unten in den flüssigen Kunststoff, der dann mit Ventilatoren abgekühlt wird. Eine Spritzgussform und die dazugehörige Spritzgussmaschine wären aber mindestens 20 mal so teuer, und die Leute, die das entgraten, die kosten doch nichts, meint Hélvio.
Auf dem Rückweg werde ich von den Bosch-Leuten mitgenommen, die noch auf den Morro da Cruz wollen, und komme fast pünktlich zum Nachmittagskurs an. Hausaufgaben habe ich natürlich nicht, wann hätte ich die machen sollen?

Vorstellungsgespräch = Entrevista

Heute haben wir trocar as aulas gemacht: Die WI-Jungs sind schon um 8 dran gewesen, da sie mit Forsti zu seinem Vorstellungsgespräch nach Blumenau wollten, und dorthin mit 200 Kilometern etwas weiter fahren mussten als ich, der ja nur mehr oder weniger in den Nachbarort muss. So konnte ich ein wenig ausschlafen und mich auf mein Vorstellungsgespräch vorbereiten. Dazu habe ich abwechselnd die portugiesische und die englische Version der Olsen-Homepage durchgearbeitet. Um 12 war dann Feierabend mit Portugiesischlernen, und ich bin mit dem Bus nach Palhoça gefahren. Leider hatte ich keine genaue Adresse, da das Unternehmen nur die Postfachadresse auf seiner Homepage angegeben hatte. In Palhoça angekommen, musste ich mich also durchfragen, und Palhoça hat 60.000 Einwohner. Irgendwann stellte sich heraus, dass Olsen wohl einige Kilometer entfernt im Industriegebiet liegt. Meine Rettung fand ich in einem Schreibwarenladen: Der Sohn der Ladenbesitzerin musste Papier in ein Unternehmen ins Industriegebiet ausliefern, und konnte mich mit dem Auto, einem uralten VW Brasileira, mitnehmen.
Bei Olsen habe ich dann am Empfang also auch als erstes nach einer Busverbindung nach Florianópolis gefragt, denn bisher war ich etwa zwei Stunden unterwegs gewesen. „Ja, gibt’s, Du darfst nur nicht den Fehler machen, in den Bus nach Palhoça zu steigen. Der Bus Richtung Jardim Eldorado hält hier um die Ecke, morgens und abends gibt es Direktverbindungen über die BR-101“. Die BR-101 ist die Küstenautobahn.
Nach einigem Warten kam dann auch Hélvio, mein Gesprächspartner, am Empfang an und führte mich durch den Showroom (dieses Wort existiert auch im Brasilianischen) der aktuellen Olsen-Produkte. Es gibt verschieden ausgestattete Zahnarztstühle, vom einfachen Modell bis zum Topmodell mit Rückenmassage für den Patienten. Weiterhin produziert das Unternehmen Stühle für Gynäkologen, für Halsnasenohrenärzte (in Brasilien ebenfalls ein Zungenbrecher: Otorrinolaringologista) und für Blutspender. Ebenfalls im Programm: ein mobiler, komplett mechanisch bedienter Zahnarztstuhl, den Olsen hauptsächlich an brasilianische Militär ausliefert. Danach ging es in die Abteilung Engenharia, in der ich arbeiten werde. Hélvio hat mir schon mal meine Mitpraktikanten vorgestellt: Simone studiert ebenfalls Engenharia de Produção, aber mit Vertiefung Bauingenieurwesen. An einem der vier SolidWorks-Arbeitsplätze sitzt Claudio, Engenharia Mecânica. Und dann gibt es noch Rodrigo, der Werkstoffwissenschaften (Engenharia de Materiais) studiert. Alle studieren wie auch ich an der UFSC.
Danach hat Hélvio leider eine Besprechung, aber stellt mich Giselli vor, die im Unternehmen für die Qualität verantwortlich ist. Sie macht mit mir einen kleinen Rundgang durch die Produktion, ich verstehe aber nicht wirklich viel. Wahrscheinlich sagt sie so etwas wie „Hier befindet sich die Lackierkabine“, wenn sie auf die Stelle deutet, wo unlackierte Teile reingehen und lackierte wieder herauskommen. Danach übe ich mit Giselli und Silvia, die für Arbeitssicherheit zuständig ist, noch erste Vokabeln der Komponenten von Zahnarztstühlen. Irgendwann kommt noch einmal Hélvio vorbei, sagt, dass er heute leider keine Zeit mehr für mich habe, er müsste noch einige Sachen vorbereiten, denn morgen käme wichtiger Besuch aus Deutschland, vom Motorenlieferanten Bosch. Und ob ich nicht Lust hätte, morgen wiederzukommen und beim Bosch-Besuch dabei zu sein? Dann sollte ich doch einfach am Vormittag gegen 11 Uhr wiederkommen.
Als ich dann im Bus saß, der auf dem Rückweg über unasphaltierte Straßen und durch Gebiete, die fast Slums sind, fährt, war ich dann doch ein bisschen niedergeschlagen: Weit ab vom Schuss, nichts verstanden, keiner hat Zeit für mich. Kann ja lustig werden.

Ausschlafen

Morgens um Acht sind wir in Florianópolis angekommen. Den morgendlichen Portugiesischkurs hatten wir verschoben, so dass jetzt erst einmal Ausschlafen angesagt war. Weitere Heldentaten erfolgten an diesem Tag nicht.

Ostern in Paraguay

Der heutige Tag ist schon mal gar nicht in die Gänge gekommen. Da habe ich mir beim Hängematting zunächst einmal von Laura eine Geschichtsstunde zum Thema Foz angehört:
Den westlichen Teil des heutigen Bundesstaates Paraná haben die Brasilianer während des Paraguaykrieges (1864 – 1870) erobert, und zur Grenzsicherung wurde beschlossen, nahe des neuen Dreiländerecks eine Militärkaserne zu errichten, welche bis heute mitten in Foz de Iguaçu steht. 1914 wurde die Stadt gegründet, ist aber erst seit Mitte der 1970er Jahre stark gewachsen, als das Kraftwerk gebaut wurde. Dementsprechend hässlich ist die Stadt, die heute hauptsächlich vom Tourismus lebt.
Zuerst waren wir in einem Supermarkt. Die riesengroßen Schokoladenostereier, die in den letzten Wochen überall in den Supermärkten hingen, gibt es jetzt zu Spottpreisen.


Markus einige Tage zuvor im Beira-Mar Supermarkt: Die tieffliegenden Ostereier hängen an extra aufgebauten Gestellen, es wird regelrecht dunkel in den Gängen. Fotographieren ist streng verboten. Dumm nur, dass genau beim Abdrücken ein Wachmann links im Hintergrund vorbeilief und zwei Sekunden irgendwas mit „Amigo, não tire fotos“ babbelte.

Ansonsten steht für den heutigen Tag Paraguay auf dem Programm. Wenn man schon mal am Dreiländereck ist, und Foz näher an Paraguay liegt als an Argentinien, dann sollte man ja auch mal Paraguay sehen. Bei den Brasilianern hat Paraguay in etwa das Image, welches die Deutschen von den Polen haben. Dennoch geht man gern in Paraguay einkaufen, gibt es doch Fernseher und andere technische Geräte hier um einiges günstiger.
Leider nicht am Ostersonntag. Denn alle Geschäfte in der Cuidade del Este (der paraguayische Teil von Foz) haben geschlossen. Im Stadtbus haben wir jedoch eine andere Studentenreisegruppe (eine Deutsche und ihr französischer Freund (der schon mal in Ilmenau war, Wahnsinn) sowie eine Finnin) kennen gelernt, die auch mal so eben schnell rüber wollten. Da es jedoch in Paraguay dreckig war und gestunken hat, sind wir ziemlich schnell zurück, haben bei Laura unsere Sachen eingepackt und ab zur Rodoviária Richtung Floripa.
Der Reisebus kam, wir waren jedoch die einzigen, die mitfuhren: Jeder Brasilianer dürfte gewusst haben, dass es ein unbequemerer Bus war, der an „jeder Cola-Dose“ anhält (Zitat von Cássia).