Blumenau und Stundenplan

Franziska kennt von Blumenau bisher nur die Rodoviária und das beliebte Hotel Hermann. Das soll sich an diesem Sonntagvormittag ändern. Leider haben alle Geschäfte geschlossen, und so erkunden wir den Friedhof der evangelischen Kirche. Hier sind alle, aber auch wirklich fast alle Namen deutsch. Von ca. 500 Gräbern finden wir zwei mit portugiesischen Nachnamen. Die evangelische Kirche scheint hier in Brasilien sehr reich zu sein, sehr viel reicher als die katholische Kirche. Die Kathedrale besichtigen wir natürlich auch, und das Neumarkt Shopping Center. Es hat hat aber auch wirklich bis auf Apotheken und Zeitschriftenkioske alles geschlossen, und so nehmen wir um 1 den Pinga-Pinga zurück nach Floripa.
Dort angekommen kümmern wir uns dann um solch wichtige Dinge wie der Auswahl von Vorlesungen und dem Zusammenbasteln eines Stundenplanes. Wir müssen 12 SWS machen, und da ich in Deutschland bereits alle Vorlesungen gehört habe, mache ich hier nur noch einige Veranstaltungen mit, die ich mir dann später als freiwillige Studienleistungen anerkennen lassen kann. Dementsprechend dünn besiedelt ist auch mein Stundenplan:

Alle betrunken – Freund Zait 2004

Pünktlich um 9 fahren Forsti, Conny, Franziska und ich mit dem Bus nach Jaraguá. Dort ist heute Straßenfest deutscher Vereine, Steves WEG-Kollege Wilson Bruch hat eingeladen. Für 20 Reais gab es ein T-Shirt, „uma explosão de alegria“ – eine Freudenexplosion. Träger dieses T-Shirts erhielten Churrasco und Getränke bis zum Abwinken. Da gab es wieder den Baependi-Verein, wo wir vor ein paar Wochen auf einem Fest waren, und eine Gruppe namens „Alle betrunken – Freund Zait 2004“.
Alle betrunken

FREUND ZAIT 2004
Was immer sie uns sagen wollen, im zweiten Halbsatz hat der Alkohol Überhand über die Rechtschreibung gewonnen. Das größte Zelt war das Schützenfestzelt, hier haben wir uns am Churrasco bedient, Forsti hatte wieder seine Trompete dabei und Steve hat noch ein bisschen getrommelt.

Churrasco aus brennenden Tonnen mit Brasiliens bestem Fleisch bisher


Forsti an der Trompete und Wilson Bruch in seinem Element


Steve sieht weniger alemão aus als der Knabe neben ihm

Abends machen wir uns wieder auf den Rückweg, ich bekomme nur einen kleinen Zwischenhalt in Pomerode mit, und bin absolut zu kaputt, am Abend noch etwas zu unternehmen.

Letzter Arbeitstag

Es ist wieder wärmer geworden, und der Kurs des Euros erholt sich langsam in Relation zum brasilianischen Real. Perfekte Voraussetzungen für den letzten Arbeitstag, schließlich wird der sich dem Praktikum anschließende Studienurlaub dann sehr viel günstiger ausfallen.
Morgens lege ich auf der Arbeit einen Aktenordner mit allen meinen Dokumenten an (wahrscheinlich wird irgendjemand diesen am Montagmorgen auf den Schrott werfen – aber egal. Ansonsten mache ich dann erst mal Beleza zu allen: Daumen hoch und foi um prazer. Es war mir ein Vergnügen. Mittags erwische zum ersten Mal seit drei Tagen Helvio, und lege ihm endlich meinen Praktikumsbericht vor. „Sehe ich mir am Wochenende an“, sagt er knapp. Er hat nämlich in den letzten Tagen nur Konferenzen und Besprechungen gehabt. Aber alles beleza. Und er habe jetzt leider schon wieder einen Termin bei Intelbras. Dort wird ein Verbesserungsvorschlag im Qualitätswesen von dem brasilianischen IHK-Pendant prämiert. Helvio ist eines von drei Jurymitgliedern, und sagt: „Vá comigo“. Komm doch einfach mit. Ist doch eh dein letzter Tag. „Um vier Uhr kommt Franziska“, sage ich. „Tranqüile, um 3 sind wir zurück.“ Intelbras ist ja auch quasi in der Nachbarschaft, und so wie ich das verstanden habe, Südamerikas größter Telefonhersteller. 500.000 Apparate hauen die jedes Jahr raus, und auf vielen steht nicht Intelbras, sondern Philips, NEC, usw. Eine Arbeitergruppe wird prämiert, die im Gehäuse den Gabelschalter einer Telefonserie umgestaltet haben will. Das ist witzig genug: Durch Miniaturisierung wurde die Technik im Hörer immer leichter, so dass man in den letzten Jahren zusätzliche Bleikappen um die Ohrmuschel befestigten musste, um das notwendige Gewicht zur Auslösung der Gabel zu erhalten. Lösung der Gruppe: Sie haben den Schalter ausgewechselt, und kaufen jetzt bei einem anderen Zulieferer ein. Dieser Schalter ist etwas anders konstruiert, und lässt sich leichter herunterdrücken. Die Bleigewichte entfallen, und der Hörer wird leichter, der Transport billiger. 200.000 R$ spart Intelbras dadurch jährlich. Na gut, die sparen durch das enorme Produktionsvolumen so viel, aber so besonders kreativ finde ich den Vorschlag, den Zulieferer zu wechseln, jetzt nicht. Immerhin haben sie den Vorschlag immerhin von zwei Jahren umgesetzt – scheint ja ein megaflexibles Unternehmen zu sein.


Intelbras

Als einer der drei Kammermitglieder überreicht Helvio dann die Medaillen und einen Pokal für die Mitarbeiter, dann gibt’s noch ein kleines Buffet. Der Abteilungsleiter Logistik bietet noch eine Führung durchs Unternehmen an: Das werden wir uns natürlich nicht entgehen lassen, sagt Helvio, und mein dezenter Hinweis, um 4 Uhr erwarte ich Franziska bei Olsen, dürfte im allgemeinen Beleza untergegangen sein. Das Werk ist aber schon ziemlich krass: 1976 gegründet, als man in Brasilien Gespräche noch von Hand vermittelte (was man in Deutschland bis in die 20er Jahre machte?). 90% der Mitarbeiter sind weiblich, und es kam mir vor wie eine Textilfabrik in Bangladesh. Platinen werden zum Teil handgelötet, zum Teil mit modernen Maschinen bestückt. Sehr interessant. Man darf nie vergessen: Die mão-de-obra, die menschliche Arbeitskraft, kostet hier einfach nichts. Ein weiteres Highlight: Eine eigene Bankfiliale im Haus. Und eine Monatstafel mit allen Mitarbeiten, wo sie ein grünes, gelbes oder rotes Gesicht magnetisch anheften, je nach Zufriedenheit. Soll wahrscheinlich so ein „wir sind alle eine glückliche Familie“ symbolisieren. Alles Beleza. Auch die ausgebeutete kleine Frau am Lötkolben ist zufrieden.


Alle glücklich

Um zwanzig nach vier treffen wir wieder bei Olsen ein, wo mich Franziska im Empfang erwartet. Es musste ja so kommen. Ich mache mit ihr eine Führung, angefangen im Ausstellungsraum, durch die ganze Fabrik bis in meine Ingenieurabteilung. Ich rieche förmlich schon, dass es wieder ein Festa de Salgadinhos (Häppchenfest) geben wird, denn auch Mitpraktikant Claudio hat heute seinen letzten Tag. Helvio bedankt sich für unsere Mitarbeit, as portas ficam sempre abertas (die Türen bleiben immer offen für Euch), und weitere Praktikanten aus Deutschland sind natürlich immer willkommen. Wir müssen auch noch was sagen, da bedanken wir uns natürlich für die Hilfe und Unterstützung und die vielen freundlichen Kollegen. Nach dem Kuchen und den Salgadinhos geht’s dann zum letzten Feierabend zum letzten Mal mit Claudio zurück nach Floripa. Er setzt Franziska und mich an der Rodoviária ab, und wir erreichen gerade noch den Semidireito nach Blumenau um 18:35 Uhr. Dort kommen wir gegen 21 Uhr an, checken im Hermann ein und treffen Forsti und seine Freundin Conny, die seit letzter Woche ebenfalls hier ist. Wir gehen nett zusammen im Casa Velha essen, und landen wie gewöhnlich im Obervatório, Blumenaus Studentendisco.

Fazer um bolo = Kuchen backen

Nach der Arbeit war ich heute noch mal mit Franziska im Comper, um Kuchenzutaten einzukaufen. Der Comper ist ein Supermarkt in Trindade, der deutlich näher an unserem Haus in Carvoeira liegt als der Angeloni in Santa Mônica, wo ich früher immer eingekauft habe, als ich noch bei Luiz gewohnt habe. Fertig gebackene Kuchen in der Bäckerei sind genauso teuer wie alle Zutaten für einen Rührkuchen: Die Arbeitskraft kostet ja einfach nichts. Dementsprechend wenig Backmischungen, Kuchenglasuren etc. gibt es hier im Supermarkt, aber da ich für die Kollegen einen Kuchen backen will, möchte ich den Kuchen auch bitteschön selbst backen und entscheide mich für meine eine billige Arbeitskraft. Während der Kuchen in der Röhre ist, erkläre ich Franziska den Weg zu Olsen mit dem Bus, denn sie wird mich morgen dort besuchen.

Japaner wieder da

Rika und Takuya, die ja Franziska bisher noch gar nicht kennt, sind wieder da. Sie haben eine einmonatige Brasilienrundreise gemacht, und bringen zahlreiche Fotos mit, z.B. von der Insel Fernando de Noronha. Franziska und ich sind mit dem Kochen dran, und es gibt eine Kartoffel-Paprika-Suppe.

Prof. Luiz korrigiert

Luiz hatte sich schon vor einigen Wochen angeboten, meinen portugiesischen Praktikumsbericht zu korrigieren. So schicke ich ihm mittags eine Version zu, von der ich dachte, sie sei schon fast perfekt, zumal Claudio und Diogo ja auch schon zahlreiche Unklarheiten ausgemergelt hatten. Abends treffe ich mich mit Luiz, und alles ist wieder rot. Ein Verfassungsrechtsprofessor findet eben doch mehr unschöne Ausdrücke. So basteln wir den ganzen Abend lang…

Letzte Arbeitswoche

Heute mache ich nicht mehr viel. Der Praktikumsbericht auf Deutsch ist längst geschafft, und auch die portugiesische Übersetzung nähert sich ihrer Fertigstellung. Ich konstruiere noch eine kleine Sägevorrichtung, damit ein Bauteil meines Verbesserungsvorschlages in Serie produziert werden kann. In der Mittagspause korrigieren Claudio und Diogo schon mal etwas an meinem Relatório (portugiesisch für Bericht), damit Prof. Luiz morgen nicht so viel zu tun hat.

Inselrundfahrt mit Luiz und Michelle

Mal wieder kommen wir nicht zum Ausschlafen, denn morgens um neun holt Luiz uns ab. In meinem „alten Zuhause“ in Santa Mônica gibt es noch ein zweites Frühstück. Luiz und Michelle müssen ja zunächst noch Franziska kennen lernen, und ich Franziska das Haus zeigen.


Luiz an der Praia Campeche in kurzer Hose und dünnem Pullover, allen anderen ist kalt

Etwas später trifft Luiz’ Cousin ein, der ursprünglich auch aus Belém kommt, aber jetzt als Universitätsprofessor in Kalifornien arbeitet. Luiz’ Cousine und ihr Sohn kommt auch, und mit zwei Autos starten wir bei furchtbar kaltem Wetter, Nebel und etwas Regen in den Süden der Insel. Vom Kloster kurz vor Armação hat man bei gutem Wetter einen exzellenten Ausblick auf den Strand, an dem wir an unserem ersten Wochenende in Floripa waren, aber jetzt ist alles eine Nebelsuppe.


Armação bei Nebel

Wir fahren weiter in den Süden der Insel, und gehen in Pantano do Sul, wo die Straße am Strand endet, in ein Restaurant, dessen Wände mit wahrscheinlich mehreren zehntausend Zetteln beklebt sind. Da sag mal jemand, das sei keine Zettelwirtschaft. Leider ist mehr so ein Strandrestaurant, und die Fenster (hatte es überhaupt Fenster oder waren es nur Planen?) halten definitiv nicht dicht.


Winterjacken am Strand


Das sind ein paar Zettel

Verfroren fahren wir über Rio Tavares nach Lagoa de Conceição, wo wir den Nachmittag bei einer heißen Schokolade mit Sahne bzw. Glühwein ausklingen lassen.
Am frühen Abend bringen uns Luiz und Michelle nach Hause, und da ja Leonice und Hallthmann mit ihrem Prachtstück Lucas im gleichen Condominio wie Franziska und ich wohnen, schauen wir kurz vorbei und bewundern den inzwischen elf Tage alten Lucas.
Abends treffen wir Luiz und Michelle noch in der Kirche, aber wegen der Semesterferien sind nur wenige Studenten in der Kirche.

Florianópolis kennen lernen

Heute stehen Franziska und ich früh auf, wenngleich das Wetter nicht so besonders gut ist und wir einen geplanten Trip nach Blumenau dann ausfallen lassen. Dafür mache ich mit Franziska eine Führung durchs Stadtzentrum von Floripa, wo ich bisher genau einmal war. Nach dem Ausstieg am TICEN stürzen wir uns in Geschäftsleben im Mercado Publico, wo es billige Kleidung und wahrscheinlich über Paraguay eingeschmuggelte elektronische Geräte zu kaufen gibt. Wir waren in der großen Buchhandlung, und ich habe mir ein interessantes Buch gekauft: „Como dizer tudo em Inglês“. Wie sage ich alles auf Englisch? Es listet brasilianische Sprichwörter und Frasen auf, z.B. für Konferenzen, Einladungen aussprechen etc., und wie man das auf Englisch sagt. So vergesse ich wenigstens auch meine angerosteten Englischkenntnisse nicht ganz. Wir kaufen noch eine Glückwunschkarte zur Geburt von Lukas, und machen uns irgendwann in den großen Angeloni, bevor wir nach Hause zurückkehren.
Am Nachmittag war dann Kuchenessen mit den Amerikanern angesagt: Eine Gastmutter backt hin und wieder halbprofessionell Hochzeitstorten, und hat heute ein paar Kalorienbomben gezaubert. Sie ist allein stehend und hat ein furchtbar verwöhntes kleines Schoßhündchen, dem Eduardo, Markus und ich Angst einzujagen versuchen.


Halb Plüsch, halb Tier


Viele Amis, ein paar Brasilianer und Markus und Marcus

Mitten beim Kuchen essen ruft mich Luiz an, ob wir nicht morgen Lust auf eine kleine Inselrundfahrt hätten? Na klar, ich sage prompt zu.
Für die Amerikaner ist es schon der letzte Tag in Floripa, und so gehen wir am Abend noch zum Mexikaner in der Lagoa, wo es schöne Live-Musik gibt. Milene und Tatiana kommen auch, und haben Besuch aus São Paulo mitgebracht: ihre Schwester Patricia, mit der wir vor etwas mehr als einem Monat in Campos de Jordão waren, besucht Floripa.

Churrasco für Franziska

Endlich hat Delmo mal wieder für Churrasco eingekauft. Franziska kennt das Spielchen ja immer noch nicht, leider hat er keine Hühnerherzen gekauft. Markus hat sich dafür vor ein paar Tagen gebraucht eine Gitarre gekauft, und sein Liederbuch und er legen los.


Zur Abwechslung mal wieder ein kleines Churrasco

War sehr nett, Ingmar hat auch noch vorbeigeschaut, und wir waren abends noch in einer netten kleinen Tanzbar auf dem Kontinent, direkt am Brückenkopf der alten Ponte Hercílio Luz. Vorher mussten wir mit vereinten Kräften Ângela davon abhalten, uns in ein Tanzlokal zu schleppen, vor dem nur 60-jährige standen.