Letzter Arbeitstag

Es ist wieder wärmer geworden, und der Kurs des Euros erholt sich langsam in Relation zum brasilianischen Real. Perfekte Voraussetzungen für den letzten Arbeitstag, schließlich wird der sich dem Praktikum anschließende Studienurlaub dann sehr viel günstiger ausfallen.
Morgens lege ich auf der Arbeit einen Aktenordner mit allen meinen Dokumenten an (wahrscheinlich wird irgendjemand diesen am Montagmorgen auf den Schrott werfen – aber egal. Ansonsten mache ich dann erst mal Beleza zu allen: Daumen hoch und foi um prazer. Es war mir ein Vergnügen. Mittags erwische zum ersten Mal seit drei Tagen Helvio, und lege ihm endlich meinen Praktikumsbericht vor. „Sehe ich mir am Wochenende an“, sagt er knapp. Er hat nämlich in den letzten Tagen nur Konferenzen und Besprechungen gehabt. Aber alles beleza. Und er habe jetzt leider schon wieder einen Termin bei Intelbras. Dort wird ein Verbesserungsvorschlag im Qualitätswesen von dem brasilianischen IHK-Pendant prämiert. Helvio ist eines von drei Jurymitgliedern, und sagt: „Vá comigo“. Komm doch einfach mit. Ist doch eh dein letzter Tag. „Um vier Uhr kommt Franziska“, sage ich. „Tranqüile, um 3 sind wir zurück.“ Intelbras ist ja auch quasi in der Nachbarschaft, und so wie ich das verstanden habe, Südamerikas größter Telefonhersteller. 500.000 Apparate hauen die jedes Jahr raus, und auf vielen steht nicht Intelbras, sondern Philips, NEC, usw. Eine Arbeitergruppe wird prämiert, die im Gehäuse den Gabelschalter einer Telefonserie umgestaltet haben will. Das ist witzig genug: Durch Miniaturisierung wurde die Technik im Hörer immer leichter, so dass man in den letzten Jahren zusätzliche Bleikappen um die Ohrmuschel befestigten musste, um das notwendige Gewicht zur Auslösung der Gabel zu erhalten. Lösung der Gruppe: Sie haben den Schalter ausgewechselt, und kaufen jetzt bei einem anderen Zulieferer ein. Dieser Schalter ist etwas anders konstruiert, und lässt sich leichter herunterdrücken. Die Bleigewichte entfallen, und der Hörer wird leichter, der Transport billiger. 200.000 R$ spart Intelbras dadurch jährlich. Na gut, die sparen durch das enorme Produktionsvolumen so viel, aber so besonders kreativ finde ich den Vorschlag, den Zulieferer zu wechseln, jetzt nicht. Immerhin haben sie den Vorschlag immerhin von zwei Jahren umgesetzt – scheint ja ein megaflexibles Unternehmen zu sein.


Intelbras

Als einer der drei Kammermitglieder überreicht Helvio dann die Medaillen und einen Pokal für die Mitarbeiter, dann gibt’s noch ein kleines Buffet. Der Abteilungsleiter Logistik bietet noch eine Führung durchs Unternehmen an: Das werden wir uns natürlich nicht entgehen lassen, sagt Helvio, und mein dezenter Hinweis, um 4 Uhr erwarte ich Franziska bei Olsen, dürfte im allgemeinen Beleza untergegangen sein. Das Werk ist aber schon ziemlich krass: 1976 gegründet, als man in Brasilien Gespräche noch von Hand vermittelte (was man in Deutschland bis in die 20er Jahre machte?). 90% der Mitarbeiter sind weiblich, und es kam mir vor wie eine Textilfabrik in Bangladesh. Platinen werden zum Teil handgelötet, zum Teil mit modernen Maschinen bestückt. Sehr interessant. Man darf nie vergessen: Die mão-de-obra, die menschliche Arbeitskraft, kostet hier einfach nichts. Ein weiteres Highlight: Eine eigene Bankfiliale im Haus. Und eine Monatstafel mit allen Mitarbeiten, wo sie ein grünes, gelbes oder rotes Gesicht magnetisch anheften, je nach Zufriedenheit. Soll wahrscheinlich so ein „wir sind alle eine glückliche Familie“ symbolisieren. Alles Beleza. Auch die ausgebeutete kleine Frau am Lötkolben ist zufrieden.


Alle glücklich

Um zwanzig nach vier treffen wir wieder bei Olsen ein, wo mich Franziska im Empfang erwartet. Es musste ja so kommen. Ich mache mit ihr eine Führung, angefangen im Ausstellungsraum, durch die ganze Fabrik bis in meine Ingenieurabteilung. Ich rieche förmlich schon, dass es wieder ein Festa de Salgadinhos (Häppchenfest) geben wird, denn auch Mitpraktikant Claudio hat heute seinen letzten Tag. Helvio bedankt sich für unsere Mitarbeit, as portas ficam sempre abertas (die Türen bleiben immer offen für Euch), und weitere Praktikanten aus Deutschland sind natürlich immer willkommen. Wir müssen auch noch was sagen, da bedanken wir uns natürlich für die Hilfe und Unterstützung und die vielen freundlichen Kollegen. Nach dem Kuchen und den Salgadinhos geht’s dann zum letzten Feierabend zum letzten Mal mit Claudio zurück nach Floripa. Er setzt Franziska und mich an der Rodoviária ab, und wir erreichen gerade noch den Semidireito nach Blumenau um 18:35 Uhr. Dort kommen wir gegen 21 Uhr an, checken im Hermann ein und treffen Forsti und seine Freundin Conny, die seit letzter Woche ebenfalls hier ist. Wir gehen nett zusammen im Casa Velha essen, und landen wie gewöhnlich im Obervatório, Blumenaus Studentendisco.

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