Besuch von Bosch

Beim Sprachkurs ist irgendwie die Luft raus: Heute morgen fällt er schon wieder aus, weil Ingmar und Markus ein Vorstellungsgespräch haben, vielleicht fangen sie in einer Gründerfirma an, Ingmar habe ich nämlich schick in Schale geworfen am TICEN getroffen. Ich hatte mich aber auch schick gemacht und auf dem Weg zu Olsen feststellen müssen, dass der Direktbus über die Küstenautobahn wirklich nur morgens und abends fährt, also habe ich diesmal wieder alle Stadtteile von Kontinental-Florianópolis, São José und Palhoça mitgenommen, bis ich am Jardim Eldorado eingetroffen bin. Die Mädels am Empfang kenne ich jetzt schon, die haben mich dann gleich in Hélvios Büro in der Engenharia hochgeschickt. Hélvio war gut gelaunt, hat sich Zeit für mich genommen, und wir sind mein Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf durchgegangen. Außerdem haben wir ein Programm festgelegt, welche Aufgabengebiete ich bearbeiten soll:
1) Racionalização de processos de fabricação – Rationalisierung von Produktionsprozessen
2) Gerenciamento e desenvolvimento de produtos – Produktentwicklung und -managment
3) Controle estastístico de processo (CEP) – Statistische Qualitätskontrolle
4) Lista de componentes por produto – Stücklisten und Verwendungsnachweise
Irgendwann kam dann Cesar Olsen bei Hélvio ins Büro, hat mir ein „Seja Bem-Vindo na Olsen“ gewünscht und gesagt, gleich kämen die Leute von Bosch an. Als wir dann zum Essen runtergingen, waren sie eingetroffen, die Firmenband „Olsen-Boys“ hat gespielt, und wir haben in der Kantine gegessen, wo ich mich mit dem Einkaufleiter unterhalten habe. Eine wichtige Erkenntnis ist mir in Erinnerung geblieben: In Brasilien streuen die Löhne sehr viel weiter auseinander als in Europa. Eine Putzfrau, ein Busschaffner, ein Wachmann, ein Botenjunge auf dem Moped – alles das sind Dienstleistungen, die beinahe kostenlos zur Verfügung stehen. Er hat mir erzählt, dass er mit seiner Familie in Florianópolis wohnt, und sie eine Hausangestellte haben, der er knapp 400 Reais im Monat bezahlt. Dafür macht sie die komplette Wäsche, putzt, kauft ein, kocht und spielt Kindermädchen. In der Zeit verdiene seine Frau, die auch nur als normale Büroangestellte arbeitet, aber mehr als das Doppelte.
Nach dem Mittagessen ist dann eine Besprechung angesetzt, bei dem es um eine Designveränderung an den Motoren geht, die für eine neue Baureihe von Stühlen benötigt werden. Cesar Olsen ist zwar auch dabei, sitzt aber seitlich, schlürft seinen Chá (Tee) und telefoniert. Hélvio als Produktionsleiter sitzt am Kopfende und hat das Ruder in der Hand, verhandelt, trifft die Entscheidungen.
Nach einem ausgiebigen Produktionsrundgang, von den brasilianischen Bosch-Leuten für die deutschen Bosch-Leute in grauenhaftes Englisch übersetzt, diskutieren wir über das Berufsausbildungssystem in Deutschland und Brasilien. Fast alle Funcionários (Mitarbeiter) bei Olsen waren früher Fischer, bis vor 10 Jahren war Palhoça noch stark durch Fischfang geprägt. Interessant ist ein Schweißkarussel, in dem ein Mitarbeiter die Grundstrukturen für die Basis und die Sitzflächen und die Rückenlehnen punktschweißt. Er dreht sich mit seinem Schweißgerät karussellartig um die Vorrichtungen herum, eine weitere Person baut die Vorrichtungen auf und legt die Rohteile ein, eine dritte Person entnimmt die punktgeschweißten Schweißstrukturen und legt sie auf eine weitere Vorrichtung, wo sich ein zweites Karussell zum Fertigschweißen befindet. Inzwischen sind wir bei Cesar im Büro angekommen, und nachdem uns Cesar von seinem großen Vorbild, Robert Bosch, berichtet hat, es geht zum Small Talk über, wie es den Bosch-Leuten und mir so in Brasilien gefällt.
Hélvio fragt mich nach meinen ersten Eindrücken vom Unternehmen, und was man in Deutschland anders machen würde: In Deutschland gäbe es bei einem Zahnarztstuhlhersteller sicherlich keine Tischlerei, die die Paletten und Holzkisten, in die die fertigen Produkte verpackt werden, herstellt. Das würde man zukaufen. Interessant ist auch die Art und Weise, wie die Kunststoffteile hergestellt werden: Nicht etwa mit Spritzgussformen, nein, es wird eine Kunststoffplatte erhitzt, und nur eine Matrize fährt von unten in den flüssigen Kunststoff, der dann mit Ventilatoren abgekühlt wird. Eine Spritzgussform und die dazugehörige Spritzgussmaschine wären aber mindestens 20 mal so teuer, und die Leute, die das entgraten, die kosten doch nichts, meint Hélvio.
Auf dem Rückweg werde ich von den Bosch-Leuten mitgenommen, die noch auf den Morro da Cruz wollen, und komme fast pünktlich zum Nachmittagskurs an. Hausaufgaben habe ich natürlich nicht, wann hätte ich die machen sollen?

Vorstellungsgespräch = Entrevista

Heute haben wir trocar as aulas gemacht: Die WI-Jungs sind schon um 8 dran gewesen, da sie mit Forsti zu seinem Vorstellungsgespräch nach Blumenau wollten, und dorthin mit 200 Kilometern etwas weiter fahren mussten als ich, der ja nur mehr oder weniger in den Nachbarort muss. So konnte ich ein wenig ausschlafen und mich auf mein Vorstellungsgespräch vorbereiten. Dazu habe ich abwechselnd die portugiesische und die englische Version der Olsen-Homepage durchgearbeitet. Um 12 war dann Feierabend mit Portugiesischlernen, und ich bin mit dem Bus nach Palhoça gefahren. Leider hatte ich keine genaue Adresse, da das Unternehmen nur die Postfachadresse auf seiner Homepage angegeben hatte. In Palhoça angekommen, musste ich mich also durchfragen, und Palhoça hat 60.000 Einwohner. Irgendwann stellte sich heraus, dass Olsen wohl einige Kilometer entfernt im Industriegebiet liegt. Meine Rettung fand ich in einem Schreibwarenladen: Der Sohn der Ladenbesitzerin musste Papier in ein Unternehmen ins Industriegebiet ausliefern, und konnte mich mit dem Auto, einem uralten VW Brasileira, mitnehmen.
Bei Olsen habe ich dann am Empfang also auch als erstes nach einer Busverbindung nach Florianópolis gefragt, denn bisher war ich etwa zwei Stunden unterwegs gewesen. „Ja, gibt’s, Du darfst nur nicht den Fehler machen, in den Bus nach Palhoça zu steigen. Der Bus Richtung Jardim Eldorado hält hier um die Ecke, morgens und abends gibt es Direktverbindungen über die BR-101“. Die BR-101 ist die Küstenautobahn.
Nach einigem Warten kam dann auch Hélvio, mein Gesprächspartner, am Empfang an und führte mich durch den Showroom (dieses Wort existiert auch im Brasilianischen) der aktuellen Olsen-Produkte. Es gibt verschieden ausgestattete Zahnarztstühle, vom einfachen Modell bis zum Topmodell mit Rückenmassage für den Patienten. Weiterhin produziert das Unternehmen Stühle für Gynäkologen, für Halsnasenohrenärzte (in Brasilien ebenfalls ein Zungenbrecher: Otorrinolaringologista) und für Blutspender. Ebenfalls im Programm: ein mobiler, komplett mechanisch bedienter Zahnarztstuhl, den Olsen hauptsächlich an brasilianische Militär ausliefert. Danach ging es in die Abteilung Engenharia, in der ich arbeiten werde. Hélvio hat mir schon mal meine Mitpraktikanten vorgestellt: Simone studiert ebenfalls Engenharia de Produção, aber mit Vertiefung Bauingenieurwesen. An einem der vier SolidWorks-Arbeitsplätze sitzt Claudio, Engenharia Mecânica. Und dann gibt es noch Rodrigo, der Werkstoffwissenschaften (Engenharia de Materiais) studiert. Alle studieren wie auch ich an der UFSC.
Danach hat Hélvio leider eine Besprechung, aber stellt mich Giselli vor, die im Unternehmen für die Qualität verantwortlich ist. Sie macht mit mir einen kleinen Rundgang durch die Produktion, ich verstehe aber nicht wirklich viel. Wahrscheinlich sagt sie so etwas wie „Hier befindet sich die Lackierkabine“, wenn sie auf die Stelle deutet, wo unlackierte Teile reingehen und lackierte wieder herauskommen. Danach übe ich mit Giselli und Silvia, die für Arbeitssicherheit zuständig ist, noch erste Vokabeln der Komponenten von Zahnarztstühlen. Irgendwann kommt noch einmal Hélvio vorbei, sagt, dass er heute leider keine Zeit mehr für mich habe, er müsste noch einige Sachen vorbereiten, denn morgen käme wichtiger Besuch aus Deutschland, vom Motorenlieferanten Bosch. Und ob ich nicht Lust hätte, morgen wiederzukommen und beim Bosch-Besuch dabei zu sein? Dann sollte ich doch einfach am Vormittag gegen 11 Uhr wiederkommen.
Als ich dann im Bus saß, der auf dem Rückweg über unasphaltierte Straßen und durch Gebiete, die fast Slums sind, fährt, war ich dann doch ein bisschen niedergeschlagen: Weit ab vom Schuss, nichts verstanden, keiner hat Zeit für mich. Kann ja lustig werden.

Ausschlafen

Morgens um Acht sind wir in Florianópolis angekommen. Den morgendlichen Portugiesischkurs hatten wir verschoben, so dass jetzt erst einmal Ausschlafen angesagt war. Weitere Heldentaten erfolgten an diesem Tag nicht.

Ostern in Paraguay

Der heutige Tag ist schon mal gar nicht in die Gänge gekommen. Da habe ich mir beim Hängematting zunächst einmal von Laura eine Geschichtsstunde zum Thema Foz angehört:
Den westlichen Teil des heutigen Bundesstaates Paraná haben die Brasilianer während des Paraguaykrieges (1864 – 1870) erobert, und zur Grenzsicherung wurde beschlossen, nahe des neuen Dreiländerecks eine Militärkaserne zu errichten, welche bis heute mitten in Foz de Iguaçu steht. 1914 wurde die Stadt gegründet, ist aber erst seit Mitte der 1970er Jahre stark gewachsen, als das Kraftwerk gebaut wurde. Dementsprechend hässlich ist die Stadt, die heute hauptsächlich vom Tourismus lebt.
Zuerst waren wir in einem Supermarkt. Die riesengroßen Schokoladenostereier, die in den letzten Wochen überall in den Supermärkten hingen, gibt es jetzt zu Spottpreisen.


Markus einige Tage zuvor im Beira-Mar Supermarkt: Die tieffliegenden Ostereier hängen an extra aufgebauten Gestellen, es wird regelrecht dunkel in den Gängen. Fotographieren ist streng verboten. Dumm nur, dass genau beim Abdrücken ein Wachmann links im Hintergrund vorbeilief und zwei Sekunden irgendwas mit „Amigo, não tire fotos“ babbelte.

Ansonsten steht für den heutigen Tag Paraguay auf dem Programm. Wenn man schon mal am Dreiländereck ist, und Foz näher an Paraguay liegt als an Argentinien, dann sollte man ja auch mal Paraguay sehen. Bei den Brasilianern hat Paraguay in etwa das Image, welches die Deutschen von den Polen haben. Dennoch geht man gern in Paraguay einkaufen, gibt es doch Fernseher und andere technische Geräte hier um einiges günstiger.
Leider nicht am Ostersonntag. Denn alle Geschäfte in der Cuidade del Este (der paraguayische Teil von Foz) haben geschlossen. Im Stadtbus haben wir jedoch eine andere Studentenreisegruppe (eine Deutsche und ihr französischer Freund (der schon mal in Ilmenau war, Wahnsinn) sowie eine Finnin) kennen gelernt, die auch mal so eben schnell rüber wollten. Da es jedoch in Paraguay dreckig war und gestunken hat, sind wir ziemlich schnell zurück, haben bei Laura unsere Sachen eingepackt und ab zur Rodoviária Richtung Floripa.
Der Reisebus kam, wir waren jedoch die einzigen, die mitfuhren: Jeder Brasilianer dürfte gewusst haben, dass es ein unbequemerer Bus war, der an „jeder Cola-Dose“ anhält (Zitat von Cássia).

Foz de Iguaçu

Nach dem anstrengenden gestrigen Tag kam der heutige Tag erst so langsam in die Pötte. Bis alle geduscht hatten, war dann erst einmal noch descansar na rede, zu Deutsch Hängematting angesagt. (Im Portugiesischen gibt es das Wort Abseiling).
Heute sind wir (nur wir 6 und einer der Handwerker, die anderen hatten Totalausfall des Verdauungssystems gemeldet) mit dem öffentlichen Bus in den brasilianischen Teil des Nationalparks gefahren, diesmal hatte ich natürlichen meine Aufenthaltsgenehmigung dabei und bin natürlich für 2/3 des Preises rein. Im Park ging es dann mit einem offenen Bus weiter bis zu den Fällen. Von der brasilianischen Seite hat man einen besseren Ausblick und ein besseres Panorama über die gesamten Fälle, ist aber dementsprechend weiter weg, während man in Argentinien hautnah dran ist. Ergo: Wer nach Foz reist, sollte allein für die Wasserfälle zwei Tage einplanen, es lohnt sich. Auf der argentinischen Seite ist auf jeden Fall mehr los, die Gaúchos dort haben das alles etwas professioneller aufgezogen.
Gegenüber dem Ausgang des Nationalparks befindet sich Südamerikas größter Parque de Aves, Vogelpark. Da man als Brasilianer wieder besonders günstig reinkommt, haben wir abermals unsere Aufenthaltgenehmigung vorgezeigt und schon waren wir für die Hälfte drin. Der Park ist wirklich schön, neben exotischen Vögeln, die in großen Volieren gehalten werden und die man betreten kann, haben sie auch einige Alligatoren, Schlangen und andere Reptilien.
Nach der Rückkehr nach Foz war ich dann zunächst einmal im Internetschi-Café und habe Ostergrüße versandt:

Hallo Ihr Lieben,

Ich wuensche Euch Frohe Ostern!
Wir machen gerade etwas Urlaub in Foz de Iguaçu am Dreilaendereck Brasilien – Argentinien – Paraguay. Die Wasserfaelle haben wir schon von allen Seiten besichtigt (Don’t cry for me, Argentinia) und auch das groesste Wasserkraftwerk der Welt. Morgen wollen wir noch ins aermere Paraguay und abends gehts dann wieder mit dem Bus zurueck – so 14 Std. Fahrt ein Weg.

Ich habe ganz viele Fotos gemacht: Karte voll, Batterie leer. Da werde ich in den naechsten Tagen mal Galerien nachschieben.

Bis dahin alles Liebe,
MMG

Foz de Iguaçu, Internetcafé

Ein Internet-Café heißt übrigens Cybercafé und Internet surfen heißt hier navigar na Internet. So liegt es nahe, den Websurfer als Internautschi zu bezeichnen.
Bis zum Abend waren auch die anderen beiden Walzgesellen wieder auf den Beinen, so dass wir – dieses Mal in ein anderes Rodízio-Restaurant gegangen sind: Rodízio de Pizza für 7 Reais. Es war ganz ok, aber kein Hit.

Don't cry for me, Argentina

Nach unserem Frühstück (zu Tom, dem Münchner und den Franzosen sind inzwischen Mexikaner und Ukrainer gestoßen) standen für uns heute die Cataratas, die Wasserfälle auf dem Programm. Laura hat uns empfohlen, mit Diego, einem Studenten zu fahren, der mit seinem Kleinbus nebenbei ein kleines „Reisebüro“ betreibt und auf die argentinische Seite rüberfährt. Das sei zwar ein paar Reais teurer als mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, dafür könne Diego alle Formalitäten an der Grenze regeln, und wir müssten nicht in der Schlange zum Nationalpark anstehen. Also alle Mann rein in den Kleinbus, in dem, Oh Wunder, schon Vincent saß, den wir ja noch von der Fahrt nach Foz kannten. Außerdem ein Franzose namens Julien, der in Rio studiert und als patriotischer Franzose selbstverständlich kein Wort Englisch spricht, sowie drei deutsche Handwerkergesellen, die auf der Walz sind, und schon seit zwei Jahren fern von ihren Heimatdörfern unterwegs sind.
Auf nach Argentinien! An der Grenze klappt alles problemlos, nur für die Ukrainerin heißt es: No Visa, no Argentinia.
Seit 1984 sind Foz de Iguaçu und die argentinische Nachbarstadt Puerto Iguazú über eine Brücke miteinander verbunden, die den Rio Iguaçu überquert. In Argentinien angekommen, beherrschen auf den ersten Kilometern Spielcasinos das Stadtbild: Glücksspiel ist in Brasilien nämlich verboten.
Unsere erste Station ist der argentinische Grenzstein des Dreiländerecks Brasilien – Paraguay – Argentinien: Der eigentliche Grenzpunkt liegt im Wasser, wo der Rio Iguaçu in den Rio Paraná mündet. Daher hat jedes dieser drei Länder, die in der Zollunion „Mercosul“ zusammengeschlossen sind, auf seiner Seite als Symbol der Freundschaft eine symbolische „Marca de três Frontieras“ errichtet:

Einige Kilometer weiter erreichen wir die Grenze des Nationalparks. Hier muss ich mich leider über mich selbst ärgern, dass ich neben meinem deutschen Reisepass nicht noch meine brasilianische Aufenthaltsgenehmigung mitgenommen habe: Als Ausländer zahle ich 30 Reais Eintritt, als Bürger der Mercosul-Region 18 Reais. Und meine Aufenthaltgenehmigung hätte dazu gereicht, zu beweisen, dass ich meinen Wohnsitz in Brasilien habe. Währenddessen schleust uns Diego kompetent an langen Warteschlangen von Menschenmassen vorbei, ganz Argentinien scheint auf den Beinen, um am Osterwochenende die Cataratas del Iguazú zu betrachten. Mit Diego vereinbaren wir einen Treffpunkt und Zeit für die Rückfahrt auf Englisch, was jeder versteht, nur halt Julien nicht. Ich bin zwar auch kein Freund von überpräsentem Englisch und insbesondere nicht von Anglizismen, aber wenn man nun mal mit einer international aufgestellten Reisegruppe unterwegs ist, ist Englisch halt der kleinste gemeinsame Nenner, um sich auf dem niedrigstmöglichen Niveau verständigen zu können. Eigenartig, dass Ukrainer besser Englisch sprechen als Franzosen. Somit habe ich Julien alles noch mal auf Portugiesisch erklärt (das spricht er), und er hatte tatsächlich nicht einmal mitbekommen, dass wir über einen Treffpunkt diskutiert hatten.
Mit den Handwerkerjungs (Christian = Tischler, Jo-Achim = Dachdecker und Carsten = Zimmermann) machen wir uns auf Stegen und durch Rote Erde auf den Weg zu den Fällen, so 10 km Fußweg werden wir wohl insgesamt zurückgelegt haben heute.

Für zusätzliche 30 Reais ist eine Fahrt in einem offenen Schnellboot möglich, das direkt in die Fälle hineinfährt – bei den argentinischen Besuchern, die nass bis auf die Knochen aussteigen, ist das der Hit. Wir fahren auch mit dem Boot, einem kostenlosen, auf eine Insel im Fluss. Sie wird in der Regenzeit von tobenden Wassermassen umringt, heute ist hier eher wenig los. Dafür gibt es einen steinigen, dreckigen, hässlichen, furchtbar kleinen Strand. Bei Kontinentalargentiniern auch ziemlich beliebt, aber mal ehrlich: Mit Florianópolis kein Vergleich.
Auf der Rückfahrt sind wir mit Diego noch auf einem kleinen argentinischen Markt vorbeigefahren, haben argentinisches Bier, Süßigkeiten, Oliven, Wurst und Käse gekostet und sind dann zurück nach Foz. Für Puerto Iguazú ist das ein Problem: alle großen Hotels sind in Foz auf brasilianischer Seite, kaum einer übernachtet in Argentinien. Eigentlich sehr schade, vor allem wahrscheinlich für die Glücksspielbetreiber…
Zurück in Foz sind wir dann alle gemeinsam (Tom, Julien, Vincent, die Handwerker und wir sechs) wieder in der Churrascaria von gestern gelandet. Alle Handwerker? Nein, Christian hatte schon vorher aufgegeben und lag wohl mit Durchfall im Hotelbett.
Dafür habe ich mir von Jo-Achim sein Walzbuch mit Einträgen, Arbeitszeugnissen, Stempeln etc. zeigen lagen. Das ist schon eine ziemlich interessante Erfahrung, die die Jungs machen: Sie haben sich verpflichtet, drei Jahre mindestens 50km von ihrem Heimatort entfernt zu bleiben (sie stammen alle aus der Region Bremen / Hamburg) und haben in Mecklenburg das Reetdachdecken, im Vogtland das Schieferbekleiden von Hauswänden gelernt, und sind jetzt schon mehr als ein halbes Jahr in Brasilien, wo sie ein Schulgebäude errichtet haben – aus Tropenholz mit mittelalterlichen Werkzeugen („eine Bohrmaschine gab’s, alles andere war Handarbeit“).
Als die Churrascaria nach sehr leckerem Essen um Mitternacht schloss, mussten wir ja noch etwas weiter ziehen. Foz hat, was Nachtleben angeht, relativ wenig zu bieten, einzig einen Tanzschuppen gab es, der voll mit Argentiniern war. Die Band spielte Forstis Lieblingslied aus seiner Zeit bei einer Blaskapelle: „Rosamunde“, ein deutscher Schützenfestschlager. Hätte nicht viel gefehlt, dann wäre Forsti auf die Bühne gesprungen, hätte sich ne Trompete geschnappt und wäre zum Forsti de Iguaçu mutiert…:-)

Itaipu Kraftwerk

Es war sicherlich deutlich später als 5 Uhr, als unser Reisebus in der Rodoviária von Foz de Iguaçu einfuhr. Und wirklich ausgeschlafen bin ich auch nicht, dennoch gilt es, Hotelaufschwatzern, Taxifahrern und sonstigen Touristenfallen auszuweichen, die alle exklusiv ihre Dienste für Dich anbieten wollen. Wir bevorzugen den Stadtbus und unsere bereits reservierte Pousada de Laura. Wir stellen erst einmal unsere Sachen ab, und wer kommt da? Tom, der Australier aus dem Bus, ist auch bei Laura einquartiert. Kein Wunder, denn Laura ist die erste Adresse im Lonely Planet Brazil. Zunächst haben wir mit den anderen Gästen ein Frühstück mit tropischen Früchten genossen. Und in so einer Pousada trifft man ja auch allerhand Leute, z.B. einen alternden und bekifften Münchner Informatiker (Wir: „Boa dia“ – „Jo, grüßt Euch“) und ein paar Französinnen. Leider musste ich feststellen, dass meine Portugiesischkenntnisse meine Französischkenntnisse ersetzen: Ich verstehe alles auf Französisch, kriege aber kein Satz mehr raus, der nicht mindestens zwei portugiesische Vokabeln anstatt ihrer französischen Pendants enthält.
Mittags sind wir dann mit dem Bus raus nach Itaipu, wo das größte Wasserkraftwerk der Welt steht. Es staut den Rio Paraná, die Grenze zwischen Brasilien und Paraguay, auf und deckt etwa ein Viertel des brasilianischen und nahezu 100% des Energiebedarfs von Paraguay. Durch einen Vertrag aus den sechziger Jahren wurde der Bau des Kraftwerks, die Gründung einer binationalen Betreibergesellschaft und der Aufteilung der Energieressourcen 50 zu 50 beschlossen. Benötigt ein Land weniger Energie als es erzeugt, kann die Energie günstig an das andere Land verkauft werden. Beide Länder haben sich gleichzeitig auf die Fahnen geschrieben, auf regenerative Energiequellen zu setzen und nicht in Kernenergie zu investieren.
Das alles wurde uns in einem Filmvortrag beigebracht, danach gings mit Bussen raus in Kraftwerk. Begriffe wie groß, riesig, gigantisch versagen an dieser Stelle. Noch größer!

Im dem Fotoalbum sieht man zu Füßen des Staudamms ein Kraftwerksgebäude, welches etwa so groß ist wie das leerstehende Hochhaus am Vogelherd in Ilmenau. Das wirkt hier wie Spielzeug.
Leider war keine Regenzeit, und das Kraftwerk wurde mit Wasser aus dem Staudamm gespeist. In der Regenzeit gibt es drei Überlaufrinnen, damit der Staudamm nicht überläuft (Spillways). Über diese Spillways können dann 63.000.000 Liter Wasser pro Sekunde abfließen.
Nach diversen Fotohalten an Aussichtspunkten und einer Fahrt über den Staudamm (der dem Abschlussdeich gleicht, da auch noch viel Vorland eingedeicht ist) sind wir dann mit dem Bus in den Kraftwerkszoo gefahren worden. Dort sind seltene Tierarten, die im Bereich des heutigen Stausees siedelten, weiter gezüchtet und gehalten.
Mit einer Deutschen, die wir dort in der Besuchergruppe getroffen haben, sind wir dann abends noch in einer Churrascoria gelandet, wo es Leckeres vom Grill mit Rodízio (der Kellner kommt mit dem Spieß an den Tisch, und man isst bis man satt ist, danach bringt er gegrillte Ananasscheiben) und Buffet für 10 Reais gab.


Satt essen mit Getränken für 16 Reais: Churrasco in Foz

Feiertag in Floripa

Leer war es auf den Straßen, als ich heute mit dem Fahrrad zur Uni fuhr. Wo ist der übliche Stau in der Rua Lauro Linhes, der Verkehrader Trindades? Wo sind die vielen Busse und Mopeds, die sich durch die Automassen drängeln?
Habe ich mich in der Uhrzeit geirrt?
Nichts von alledem. In Floripa ist heute irgendein lokaler Feiertag, nur wir sechs deutschen Deppen scheinen die einzigen zu sein, die heute lernen.
Viel passiert dann aber doch nicht, geht es doch heute mit Sack und Pack für 4½ Tage Kurzurlaub nach Foz de Iguaçu. Pünktlich als wir den Bus betreten fängt es natürlich in Strömen an zu regnen, das kann ja ein schöner Urlaub werden.
Dafür verfügt der Reisebus über sehr bequeme, große Sitze, deren Rückenlehnen sich beinahe waagerecht stellen lassen. Optimal, um die Nacht darin zu verbringen, schließlich ist Foz de Iguaçu etwa 1000 km entfernt und die Ankunftszeit mit 5 Uhr morgens angegeben.
Das erste Mal verlassen wir nun Floripa. Und bereits in den Vororten wird uns deutlich, dass insbesondere die gesamte Insel, auf der wir sonst leben, ein einziges Reichenviertel zu sein scheint. Vielleicht so als wenn man auf Sylt oder am Starnberger See wohnt, und nun in die Heide bzw. aufs Land rausfährt. Auch die gut gepolsterten Sitze wurden quasi notwendig, da die autobahnähnliche Küstenstraße nach Floripa die Busfederung doch ziemlich beansprucht.

Im Bus haben wir dann noch so allerlei Leute getroffen, z.B. Vincent aus Kanada und Tom aus Australien. Doch dazu später mehr.

Praktika und Churrasco

Heute war das entscheidende Gepräch über unsere Praktika. Eigentlich war Prof. Leila angekündigt, das wurde aber nichts, so dass wir doch wieder bei Cássia gelandet sind, bei der wir ja schon jeden Tag Stammgäste im Büro sind. Daher waren die folgenden Informationen auch nicht so wirklich neu für uns, jedoch wurden sie jetzt plötzlich offiziell:
Anne wird nach Joinville zu Termotécnica gehen. In Jaraguá do Sul landet Steve bei WEG, dem brasilianischen Siemens. Christian wird es in die deutsche Kolonie verschlagen: Er fängt im April bei Tecnológica in Blumenau an. Und ich? Werde ab dem 4. April bei dem Zahnarztstuhlhersteller Olsen in Palhoça beginnen, einem Vorort von Florianópolis. Leider gibt es bisher keine Praktikumsplätze für Markus und Ingmar.

Als ich nach Hause kam, war ich allein, aber eigenartigerweise war die Alarmanlage nicht eingeschaltet, und auf dem Küchentisch lag ein Großeinkauf. Was war passiert, was wird mich erwarten? Fünf Minuten später klingelt eine Freundin von Michelle, Patricia, an der Tür: Sie hatte heute defensão, Verteidigung ihrer Doktorarbeit. Deswegen hat sie hat ein paar Freunde mitgebracht, und sie fangen jetzt mit dem Churrasco für 30…40 Mann an. Und die trudeln dann auch innerhalb der nächsten Stunde ein, Michelle und ich bereiten Brötchen mit einer Knoblauchpaste vor, ich lerne wie man einen Churrascospieß in die Rückwand des Ofens legt usw.
Da Patricia und ihre Eltern (die auch da sind) aus Minas Gerais stammen, haben sie auch typische Getränke aus Minas Gerais dabei: Dort trinkt man eine Art Mate-Limonade, die … heißt


Patricia mit ihren Freunden. Links Luiz und ich.

Reisebüro

Nachdem wir uns in der letzten Woche bereits über Busfahrzeiten nach Foz de Iguaçu informiert hatten, wollten wir heute in der Mittagspause die Reise buchen. Offenbar nutzen viele Studenten die Ostertage dazu, zu ihren Eltern nach Hause zu fahren oder um etwas Urlaub zu machen. Hätten wir uns ja auch denken können. Das Reisebüro auf dem Campus, sonst mit mindestens drei Mitarbeitern pro Kunde selten an der Grenze seiner Auslastung angelangt, glich heute einem Studentenaufstand: Warum kommen die alle ausgerechnet am Montag auf die Idee, am kommenden Wochenende zu verreisen? Es waren sogar zeitweise mehr Kunden als Mitarbeiter im Reisebüro, was zwangsläufig zu einer Riesenschlange führte. Diese „bekämpft“ man ja bekanntermaßen in Brasilien mit den omnipräsenten Nummerziehautomaten, die sich in Banken, auf der Post, im Fotogeschäft, ja sogar im Copyshop befinden.
Nach einer halben Stunde sind auch wir an der Reihe und müssen feststellen, dass eine Busauskunft hier in zahlreichen Prozessschritten abgearbeitet wird. Zunächst ruft das Mädel im Reisebüro bei der Reisegesellschaft an, wann Busse fahren, wieviel sie kosten, und ob noch Plätze frei sind. Nebenbei gesagt: Es gibt mehrere Reisegesellschaften, die abzutelefonieren sind. Irgendwann ist ein Bus gefunden, der noch sechs freie Plätze hat. Wir dürfen uns auf einer Zeichnung des Busses aussuchen, wo wir sitzen möchten. Es wird wieder in der betreffenden Reisegesellschaft angerufen, und die 6 Plätze werden reserviert und die Ticketnummern, die sie ausfüllen wird, werden durchgegeben. Nun beginnt die eigentliche Arbeit: Da das Mädel keinen PC hat (sonst hätte sie ja nicht 5 Leute anrufen müssen, die vor einem solchen Gerät sitzen und Hotline spielen), werden die Tickets von Hand ausgefüllt, Durchschäge erstellt, Reiseregistrationsdokumente für irgendwelche Polizeibehörden erstellt, etc.
Ganze 1,5 Stunden hat die gute Frau gebraucht, 6 identische Tickets, nur durch die Sitzplatznummer zu unterscheiden, zu buchen. Was Wunder, wenn man alles von Hand macht, treten ja auch keinerlei Skaleneffekte auf.
Hätte sie einen Computer, bräuchte sie nicht telefonieren und könnte sechs Tickets innerhalb von Minuten ausdrucken.