Besuch von Bosch

Beim Sprachkurs ist irgendwie die Luft raus: Heute morgen fällt er schon wieder aus, weil Ingmar und Markus ein Vorstellungsgespräch haben, vielleicht fangen sie in einer Gründerfirma an, Ingmar habe ich nämlich schick in Schale geworfen am TICEN getroffen. Ich hatte mich aber auch schick gemacht und auf dem Weg zu Olsen feststellen müssen, dass der Direktbus über die Küstenautobahn wirklich nur morgens und abends fährt, also habe ich diesmal wieder alle Stadtteile von Kontinental-Florianópolis, São José und Palhoça mitgenommen, bis ich am Jardim Eldorado eingetroffen bin. Die Mädels am Empfang kenne ich jetzt schon, die haben mich dann gleich in Hélvios Büro in der Engenharia hochgeschickt. Hélvio war gut gelaunt, hat sich Zeit für mich genommen, und wir sind mein Bewerbungsschreiben und den Lebenslauf durchgegangen. Außerdem haben wir ein Programm festgelegt, welche Aufgabengebiete ich bearbeiten soll:
1) Racionalização de processos de fabricação – Rationalisierung von Produktionsprozessen
2) Gerenciamento e desenvolvimento de produtos – Produktentwicklung und -managment
3) Controle estastístico de processo (CEP) – Statistische Qualitätskontrolle
4) Lista de componentes por produto – Stücklisten und Verwendungsnachweise
Irgendwann kam dann Cesar Olsen bei Hélvio ins Büro, hat mir ein „Seja Bem-Vindo na Olsen“ gewünscht und gesagt, gleich kämen die Leute von Bosch an. Als wir dann zum Essen runtergingen, waren sie eingetroffen, die Firmenband „Olsen-Boys“ hat gespielt, und wir haben in der Kantine gegessen, wo ich mich mit dem Einkaufleiter unterhalten habe. Eine wichtige Erkenntnis ist mir in Erinnerung geblieben: In Brasilien streuen die Löhne sehr viel weiter auseinander als in Europa. Eine Putzfrau, ein Busschaffner, ein Wachmann, ein Botenjunge auf dem Moped – alles das sind Dienstleistungen, die beinahe kostenlos zur Verfügung stehen. Er hat mir erzählt, dass er mit seiner Familie in Florianópolis wohnt, und sie eine Hausangestellte haben, der er knapp 400 Reais im Monat bezahlt. Dafür macht sie die komplette Wäsche, putzt, kauft ein, kocht und spielt Kindermädchen. In der Zeit verdiene seine Frau, die auch nur als normale Büroangestellte arbeitet, aber mehr als das Doppelte.
Nach dem Mittagessen ist dann eine Besprechung angesetzt, bei dem es um eine Designveränderung an den Motoren geht, die für eine neue Baureihe von Stühlen benötigt werden. Cesar Olsen ist zwar auch dabei, sitzt aber seitlich, schlürft seinen Chá (Tee) und telefoniert. Hélvio als Produktionsleiter sitzt am Kopfende und hat das Ruder in der Hand, verhandelt, trifft die Entscheidungen.
Nach einem ausgiebigen Produktionsrundgang, von den brasilianischen Bosch-Leuten für die deutschen Bosch-Leute in grauenhaftes Englisch übersetzt, diskutieren wir über das Berufsausbildungssystem in Deutschland und Brasilien. Fast alle Funcionários (Mitarbeiter) bei Olsen waren früher Fischer, bis vor 10 Jahren war Palhoça noch stark durch Fischfang geprägt. Interessant ist ein Schweißkarussel, in dem ein Mitarbeiter die Grundstrukturen für die Basis und die Sitzflächen und die Rückenlehnen punktschweißt. Er dreht sich mit seinem Schweißgerät karussellartig um die Vorrichtungen herum, eine weitere Person baut die Vorrichtungen auf und legt die Rohteile ein, eine dritte Person entnimmt die punktgeschweißten Schweißstrukturen und legt sie auf eine weitere Vorrichtung, wo sich ein zweites Karussell zum Fertigschweißen befindet. Inzwischen sind wir bei Cesar im Büro angekommen, und nachdem uns Cesar von seinem großen Vorbild, Robert Bosch, berichtet hat, es geht zum Small Talk über, wie es den Bosch-Leuten und mir so in Brasilien gefällt.
Hélvio fragt mich nach meinen ersten Eindrücken vom Unternehmen, und was man in Deutschland anders machen würde: In Deutschland gäbe es bei einem Zahnarztstuhlhersteller sicherlich keine Tischlerei, die die Paletten und Holzkisten, in die die fertigen Produkte verpackt werden, herstellt. Das würde man zukaufen. Interessant ist auch die Art und Weise, wie die Kunststoffteile hergestellt werden: Nicht etwa mit Spritzgussformen, nein, es wird eine Kunststoffplatte erhitzt, und nur eine Matrize fährt von unten in den flüssigen Kunststoff, der dann mit Ventilatoren abgekühlt wird. Eine Spritzgussform und die dazugehörige Spritzgussmaschine wären aber mindestens 20 mal so teuer, und die Leute, die das entgraten, die kosten doch nichts, meint Hélvio.
Auf dem Rückweg werde ich von den Bosch-Leuten mitgenommen, die noch auf den Morro da Cruz wollen, und komme fast pünktlich zum Nachmittagskurs an. Hausaufgaben habe ich natürlich nicht, wann hätte ich die machen sollen?

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