Carlos' Abschiedsfest

Auch wenn ich gestern spät heim bin, muss ich heute früh raus, denn schon ab 9:30 Uhr soll in São José das Fußballturnier deutsche gegen brasilianische Studenten stattfinden. Und ich muss mit dem Bus dahin fahren, Vera und Sebastian wollen erst mittags mit dem Auto zum Churrasco nachkommen. Als ich dann ankam, war es aber nur ein Fest von Carlos: Seine Verwandten und Freunde waren da, und keine anderen Brasilianer, die nach Deutschland gehen. Die hätte ich ja gerne einmal kennengelernt. Carlos’ Freunde sind alle ziemlich professionelle Fußballspieler, und da ich sowieso noch kaputt von gestern bin, lasse ich das mal lieber sein mit der sportlichen Betätigung. Wir machen ein Buch für Carlos mit Adressen von Eltern und Ilmenauern, wo sie anrufen können, und schreiben ihm etwas Deutsches Liedgut auf, von „Ein Prosit“ bis Tocotronic. Forsti, Steve und Anne sind aus Blumenau, Jaraguá und Joinville gekommen (Steve ist schon seit 4 Uhr auf den Beinen und seit 5 Uhr mit dem Bus unterwegs) und irgendwann treffen auch Vera und Sebsatian mit Milene und Tatiana ein. Es gibt lecker Essen, wobei Carlos’ 13-jährige Cousine nervtötend abwechselnd allen Jungs auf die Pelle rückt. Nach dem Essen wird der Kofferraum von einem Kumpel von Carlos aufgemacht, und der Brüllschrank im Kofferraum aufgedreht, dass es nur so wummt.


Carlos hat ja tolle Freunde…

Übereinstimmend müssen wir feststellen, dass brasilianische Jungs mit schweren silbernen Ketten und krassen Doofenkappen über den Reifegrad eines 13-Jährigen nicht hinauskommen, denn für sie ist es das tollste, den Mädels durch Streichhölzer flitschen (festhalten, und über die Zündfläche an der Schachtel wegschleudern) zu imponieren. Steve und Christian können bei mir übernachten, und so fahren wir zurück zu mir, unterhalten uns mit Luiz und Michelle, um abends nach Lagoa de Conceição aufzubrechen. Nach einer kleinen Cocktail-Bar, einer Pasteleria und endlosem Umhergelaufe entdecken wir in der Nähe des TILAG endlich mal eine urbrasilianische Disko, mit verträglichen Eintrittpreisen (12 Reais) und verbringen dort den Abend. Nachdem Trampversuche erfolglos bleiben, erkundigen wir uns beim TILAG-Wachmann, wann der erst Bus zurück nach Floripa fährt: In einer halben Stunde, um viertel nach 4 morgens. Na gut, da lohnt kein Taxi, die halbe Stunde bekommen wir auch noch mit einem X-Salada (Burger) in einer Kneipe totgeschlagen und dann ab in den Bus. Der ist wie auf der Hinfahrt schon voll mit Kuttenträgern, da in einer anderen Disko in Lagoa heute eine rabenschwarze Metal-Party war.


Die Biene Markus ist der einzige, der Fußball gespielt hat.

Festa do Trabalhador

Heute ist der erste Freitag, an dem ich mal produktiv gearbeitet habe, als dass ich nämlich die Vorgangsliste der Olsen-Projektplaung (man höre und staune, so etwas gibt es, wenn auch nur als Word-Tabelle) ins Dotproject übernommen habe. Die automatische Fortschrittsberechnung ist aber momentan noch mit Vorsicht zu genießen, da die Bengels keine Projektzeiterfassung haben und ich die Vorgangsgewichtung zunächst schätzen musste. Ich hoffe, dass wird sich dann beim Erzeugen der wöchentlichen Forstschrittsmarken und Arbeitsaufwandserfassungen einpendeln. Ob das Tool zur Kostenerfassung hier jemals benötigt wird, steht in den Sternen.
Aber was soll’s, heute Abend ist ja dicke Party: Da der 1. Mai auf einen Sonntag fällt, feiert man in diesem Jahr nach der Arbeit den Tag der Arbeit. Alles wird vom Mitarbeiterverein AFO, Associação das Funcionários da Olsen, organisiert, der sich über kleine Mitgliedsbeiträge und den Verkauf der Metallspäne finanziert. Silvia hat schon seit Tagen nichts anderes zu tun. Es gibt ein Bocha- (Boccia, oder Boule) und ein Sinuca- (brasilianische Schreibweise für Snooker, Billard) Turnier. Sowie natürlich Churrasco bis zum Umwinken, eine Tombola und das Highlight des Abends: Ein Auftritt der Mitarbeiterband „Olsen Boys“, wo viele Kollegen, gleichermaßen aus der Werkstatt und dem Büro, mitspielen und die Stimmungsschlager à la „Blowin’ in the wind“ und aktuelle brasilianische Lieder spielen. Die Instrumente werden übrigens gestellt, und die Band tritt auch bei lokalen Festivitäten, Kirchfesten, etc. auf.
Das Volleyballturnier musste wegen schlechtem Wetters leider ausfallen, dafür hat Kollege Marcos das Bochaturnier gewonnen – an seinem Geburtstag.

Später am Abend hat sich auch noch Jones ans Schlagzeug gesetzt, und mir erzählt, dass er in seiner Jugend langhaarig mit einer Band durch halb Santa Catarina getourt sei. Personalleiter Névio (heute nur noch wenig Kopfhaar) erzählt mir stolz, er und fast alle Leute von Olsen hätten in den ersten Jahren lange Haare gehabt.
Da Claudio, immer noch wegen Stress mit der Freundin, heute zu seinen Eltern nach Lages in Zentral-Santa Catarina gefahren ist, haben Rodrigo, Jones und ich bei Márcio, dem Chef des Rechnungswesens, Carona genommen. Er hat einen Peugeot (sehr teuer in Brasilien) und wir sind mit in Rekordgeschwindigkeit über die Küstenautobahn, die Zubringerautobahn nach Floripa und die Beira-Mar bis nach Santa Mônica gebraust. Márcio wohnt in Corrego Grande, das liegt auf dem Weg.

Die Olsen Boys

Contra a parede

Heute Abend war ich bei Vera und Sebastian zum Essen eingeladen, es gab lecker Kartoffelsuppe. Danach haben wir uns noch mit Wagner (ein brasilianischer Student aus Bahia, dem ich auch hin und wieder über den Weg laufe), seinem Kumpel Zacharias und Milene im Kino getroffen, um uns einen deutschen Film anzuschauen: Gegen die Wand. Bei den türkischen Szenen konnte ich gar nicht so schnell den portugiesischen Untertiteln folgen, so schnell wie die geredet haben. Aber junge Türken reden untereinander auch viel Deutsch: „Ey Dicker Dein Türkisch ist grottenschlecht, bist’n richtiger Hamburger!“

Girls Day

Heute scheint bei Olsen Girls Day zu sein, ganze Schulklassen werden durch den Betrieb geführt. Claudio wird sich ärgern, der hat sich nämlich für heute krankgemeldet.
Silvia bastelt schon den ganzen Tag an irgendwelchen Karteikarten, nach dem Mittagessen ist das Rätsel gelöst: Sie hat die Einladungen für das Betriebfest am Freitag fertiggemacht. Da werde ich auf jeden Fall hingehen.
Dafür wird das mit dem Tanzkurs wohl doch nichts: Die beginnen alle etwa um 18:30 Uhr, da bin ich beim besten Willen noch nicht von der Arbeit zurück.

Neuer Anlauf

Claudio hat sich gestern auf der Arbeit bei mir seinen Schmerz von der Seele geredet. Ich habe fast nichts verstanden, aber immer gutmütig genickt, dass hilft ja meist. Außerdem habe ich herausgefunden, dass die korrekte Bezeichnung für Desbobinador auf Deutsch Haspel ist.
Sebastian und Vera waren im Reisebüro, morgen sollen die Reisen gebucht werden. Auf die traditionelle Weise ohne viel Internet. Ist auch kaum teurer.
Ansonsten wird es langsam kälter, ich werde mir in den nächsten Tagen wohl noch eine Jacke und eine weitere lange Hose zulegen müssen.

São Paulo und Gewissensbisse

Claudio, meinem Mitpraktikanten geht es irgendwie schlecht, es gibt wohl Probleme mit der Freundin. Er hat also heute einen ruhigen gemacht auf der Arbeit, was gleichbedeutend mit Solitär-Spielen und Surfen ist. Stört aber offenbar niemanden.
Abends rief Milene an, ob ich denn mitkommen wolle nach São Paulo, dann würden wir uns heute Abend bei Vera und Sebastian treffen und die Flüge im Internet buchen. Puh, das kommt jetzt aber plötzlich, ist doch noch Zeit bis zum 16.-19. Juni, das anvisierte Wochenende? – Nein, ist eine Promoção, ein Angebot, wir müssten jetzt buchen und und und. Als wir dann so bei Vera saßen, überkamen mich dann irgendwie Gewissensbisse gegenüber den Austauschkollegen, ob ich da überhaupt so mir nichts Dir nichts Hals über Kopf nach São Paulo rauschen sollte. Auf der einen Seite kann ich da nicht eben mal weitere Gäste mitbringen, auf der anderen Seite verhalte mich ziemlich egoistisch, wenn ich ohne Bescheid zu geben mit anderen Leuten über ein Wochenende nach São Paulo fliege…?

Milene verzweifelt am PC

Wie auch immer, die Reservierung hat eh nicht geklappt: Mit Bastians Kreditkartendaten haben wir es nicht geschafft, weil er keine CPF (Cadastro de Pessoa Física, die staatliche Ein-und-alles Nummer für natürliche Personen) hat. Vera hat zwar eine CPF, aber eine deutsche VISA-Karte, und da konnte das System auch keinen Datenabgleich im Hintergrund durchführen. Blieb nur noch Milene, die sowohl eine CPF als auch eine brasilianische Cartão crédito besitzt, diese aber mit ein Limit von 1000 R$ ausgestattet ist. Ainda não conseguíamos: Noch haben wir es nicht geschafft.

Dafür gab es etwas zu essen: Rika, Anna und Takuyo

Volleyball und eine Einladung nach São Paulo

Nach ausgiebigen Skype-Telefonaten habe ich noch etwas im Tagebuch geschrieben, und mich mit Markus, dem es wieder besser geht, zum Volleyball im Parque Florestal getroffen, um wieder mit den Leuten aus der Studentengemeinde ein paar Bälle übers Netz zu schmettern. Da das Feld besetzt war, sind wir dann gemeinsam weiter zum Sportplatz der UFSC, wo wir bis in die Dunkelheit gespielt haben. Abends haben wir uns dann noch mit Vera und Sebastian, Rika und Takuyo, Milene und Tatiana beim Mexikaner in Lagoa de Conceição getroffen. Anna hat Besuch aus Holland, ihre Schwester und deren Freund sind da, und Milene und Tatiana haben auch Besuch: ihre Schwester Patricia war übers Wochenende aus São Paulo gekommen und hat uns spontan eingeladen, im Juni mal für ein Wochenende vorbeizuschneien. Rika und Takuyo machen inzwischen gute Fortschritte im Portugiesisch, ist beachtlich wie viel die in den letzten zwei Wochen gelernt haben. Meine Kenntnisse in der niederländischen Sprache beschränken sich inzwischen auf fünf Sätze, ich schweife immer wieder ins Portugiesische ab. Markus und ich werden aller Wahrscheinlichkeit mit Milene und Tatiana einen Tanzkurs machen.

Balneário Camboriú

Am Donnerstagabend hat mich Claudio an der Rodoviária abgeliefert, und von dort aus ging es mit dem Bus nach Balnéario Camboriú, wo ich mich mit Steve und Christian getroffen habe. Markus ist leider nicht aus Florianópolis mitgekommen, da er immer noch krank ist. Mit den Hoteltipps von Carlos konnte Christian (der als erster ankam) wenig anfangen, die lagen alle so etwa bei 230 Reais pro Nacht und Person, ein paar Straßen weiter hatte er dann Erfolg im Hotel „Estrela do Mar“, das mit 20 Reais pro Nacht und Person doch eher in unsere Preisklasse fiel. Balneário Camboriú ist so etwas wie das Mallorca für Argentinier, also eher eine Partymeile mit hässlichen Hochhäusern.

von links nach rechts: 5km

Am Ankunftsabend sind wir noch durch ein paar Kneipen gezogen, und am nächsten Morgen dann mit einer Seilbahn zu einem anderen Strand gefahren. Dort war aber auch irgendwie nichts los, schließlich ist ja die Saison schon zu Ende, und die Strände waren klein und eher schmutzig.

Larranjeiras sieht aus der Seilbahn eigentlich ganz nett aus, ist aber auch kein Hit.

Abends sind dann noch Anne und Ingmar vorbeigekommen, mit denen wir in einer Sorverteria waren: eine Eisdiele, in der man sich seinen Eisbecher selbst zusammenstellt, mit Früchten belegt und dann wiegen lässt. Abgerechnet wird wie so oft in Brasilien zum Kilopreis. So haben alle erst einmal von ihren Praktikumserfahrungen berichtet, Ingmar wir ab nächster Woche endgültig in Rio anfangen und dann mal schlappe 18 Busstunden entfernt sein…
Nach einer weiteren Kneipe waren wir dann noch ein einer Danceria (Disco), dort wurde aber Hippi-hoppi gespielt.


noch ein Discofoto

Fünf Kilometer Fußweg umsonst, die reichen Brasilianer fahren natürlich dort lieber im Audi-TT-Cabrio vor. Bis wir, mit Zwischenstationen an einer Strandbar und einer 24h-Lanchonette, wieder im Hotel waren, ging die Sonne auf, so dass der Samstagmorgen mit Descansar (Ausruhen) verbracht wurde. Bemerkenswert ist die Lanchonette: ein Mini-Markt für Lebensmittel und die notwendigsten Haushaltswaren, Bäckerei/Konditorei, Zeitschriften, Bar mit Cocktails, Hamburgern und Sanduiches, mit Sitzgelegenheit für ca. 20 Personen und Kellnern. Geniales Geschäftsmodell, meines Erachtens wäre ein solcher Laden z.B. für das Campus-Center in Ilmenau die Rettung.
Am Samstagnachmittag sind wir dann mit einem Bus zwei Strände weiter nach Norden gefahren, Praia des Amores, wo es wirklich gut und naturbelassener war. Hier gingen halt die normalen Leute baden. Abends waren wir in einer weiteren Sorverteria und haben es etwas ruhiger angehen lassen, bevor wir Sonntagvormittag wieder die Heimreise angetreten haben.

Tiradentes

Der heutige brasilienweite Feiertag „Tiradentes“ fällt auf einen Donnerstag, so dass viele Unternehmen schon am Mittwochabend ins Wochenende gestartet sind. Bei Olsen gab es bereits zwei Wochen vorher eine Umfrage unter den Mitarbeitern, entweder am Donnerstag oder Freitag frei zu haben. Eine knappe Mehrheit hat sich für den Freitag entschieden, so dass ich nun am Feiertag im Büro sitze (ich musste eine halbe Stunde eher aufstehen, weil nur vereinzelt Busse fahren) und mich etwas über den Grund dieses Feiertages informiere: „Es ist das Gegenstück zur Boston Tea Party“, meinte Luiz, und beschreibt einen Aufstand der Mineure (Einwohner des heutigen Bundesstaates Minas Gerais) in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen Portugal. Ihr Anführer, Joaquim José da Silva Xavier, war Zahnarzt und hatte den Spitznamen „Tira Dentes“, Zahnzieher. Er starb bei diesem Aufstand am 21. April 1792. Am 21. April 1960 wurde übrigens Brasilia eingeweiht…
Mehr Infos zu Tiradentes: hier

Marktsystemtheorie bestanden

Der Welt wird dieser Tag als Wahltag des neuen Papstes Benedikt XVI. in Erinnerung bleiben. Kurz zuvor erreichte mich ein Handyfoto von der Notenliste, dass ich Marktsystemtheorie bestanden habe. Es sind mal wieder 60% Fünfen gewesen, ich habe mit 3,7 die beste Note! Durchschnittsnote 4,53 – das ist durchgefallen. Ich bin ein richtiger Streber, oder?


24xxx hängt schon länger in der Wegehenkel-Schleife