Morgens um 8:30 Uhr nehmen wir den Bus vom TICEN zum Jardim Eldorado, schließlich sind wir heute mit Cesar Olsen zum Interview verabredet. Er hat sich wirklich Zeit für uns genommen, und berichtet ausführlich über die ersten Jahre als Unternehmensgründer, Wachstumsphasen des Unternehmens sowie alte und aktuelle Herausforderungen:
Im Alter von 16 Jahren starb sein Vater, und er machte eine Ausbildung als Dreher. Nachdem er dreimal durch die Aufnahmeprüfungen an der UFSC und an der UDESC für BWL und Wirtschaftsingenieurwesen gefallen war, arbeitete er zunächst bei einem Designbüro in Blumenau, wo er von einem Descendete alemão (Nachfahrer deutscher Einwanderer) auch eine Ausbildung darin bekam, was Kunden wünschen, aber in Brasilien zu diesem Zeitpunkt schwer zu bekommen war: Produktqualität, Kundenservice und Liefertreue – bis heute wichtige Elemente bei Olsen. Auf die Frage, warum er ausgerechnet Zahnarztstühle herstelle, antwortet er: „Faltam outras opções“ – Es fehlten andere Optionen. Aha. Wir fragen, welche Zutaten ein Unternehmer brauche, um ein Geschäft zu eröffnen: Geld, Ideen, Motivation oder Kundenstamm? Er sagt: Ideen sind das wichtigste, Geld nur das unwichtigste, denn: „Dinheiro (Geld) é uma conseqüência.“
Auf historische Herausforderungen angesprochen, nennt er das „Sich organisieren“: Buchhaltung sowie die strikte Trennung von Privat und Geschäft. Außerdem sei es in der Anfangszeit schwierig gewesen, fähige Mitarbeiter einzustellen. Heutige Herausforderungen sind vom Unternehmen abgeschlossene Sozialversicherungen des Unternehmens, das das staatliche Sozialversicherungssystem den Ansprüchen keinesfalls genüge. So habe man Verträge mit Ärzten und Krankenhäusern abgeschlossen.
Entscheidend für den Erfolg auf den Exportmärkten ist der Kurs des US-Dollars: Sinkt der Wechselkurs (der Real sei noch immer eine Spekulationswährung), steigt der Preis in Dollar, die Nachfrage sinkt.
Ein nächster Vergleich führte uns zu historischen und heutigen Finanzierungsquellen. Am Anfang hatte er weder Geld noch andere Sach- oder Betriebsmittel, so dass alles verdiente Geld sofort wieder ins Unternehmen floss und reinvestiert wurde. Erst seit einigen Jahren laufe das Geschäft so gut, dass mehr übrig bleibe. Dennoch bleibe Reinivestimento bis heute die bevorzugte Finanzierungsform, Olsen sei zu beinahe 100% eigenkapitalfinanziert. Ausnahme sei das Leasing von Maschinen.
Er berichtet weiter über die innere Organisation des Unternehmens mit der extrem flachen Hierarchie und den kurzen Wegen. Sowie von einer interessanten Tatsache: „Não consigo trabalhar em grupos.“ – Ein Teamplayer sei er nicht. Dafür habe er die Abteilungsleiter, und für einen Unternehmer sei das auch nicht so sehr erforderlich, dieser müsse eh unabhängig von der Meinung anderer entscheiden. So sieht das übrigens auch Prof. Álvaro, der einmal sagte: „O Empreendedor tem que ser o dono do seu nariz.“ – Der Unternehmer muss Eigentümer seiner Nase sein.
Zum Schluss erzählt Sr. Cesar noch einige Anekdötchen, z.B. seine Meinung über Marktforschung: „Da wird gefragt was der Kunde will, dann analysiert, dann ein Produkt eintwickelt, was vielleicht nicht allen entspricht, es geht viel Zeit ins Land. Und wenn das Produkt dann auf den Markt kommt, haben sich die Kundenwünsche geändert.“ Seine Strategie daher: der Überraschungseffekt bei der Markteinführung innovativer Produkte.
Zum Schluss fragen wir noch, wie er die Unternehmensnachfolge regeln wird. Er hat drei erwachsene Kinder. Die älteste, Roberta Olsen, studiert BWL und Design, und tritt schon etwas in die Fußstapfen ihres Vaters: „Ich unterstütze meine Kinder, wo ich kann, Dieses Unternehmen ist die Verwirklichung meines Traumes – aber den möchte ich meinen Kindern nicht aufzwingen!“ Deswegen wird er sie dabei unterstützen, ihre Träume zu verwirklichen, keinesfalls aber zwingen, ihm in der Unternehmensleitung zu folgen.
Nach dem Interview, wir bedanken uns ganz herzlich für seine guten Ratschläge, können wir Olsen natürlich nicht so schnell verlassen, ohne der Abteilung Engenharia und Helvio einen Besuch abzustatten. Helvio ist bester Laune, und erkundigt sich als erstes, ob wir auch genügend herumreisen würden, jetzt wo das Praktikum vorbei sei. Auf dem Oktoberfest wären wir doch sicher schon gewesen?
Er hat eine neue Maschine zum Plasmaschneiden gekauft, und präsentiert die Teile: so müssen nicht mehr alle Teile zeitaufwändig mechanisch gestanzt werden, und durch das „Zusammenpuzzlen“ der diagonal zugeschnittenen Teile auf der größeren Arbeitsfläche reduziere sich der Verschnitt erheblich. Und noch eine gute Nachricht hat er: Er hat die Bewerbungen der Deutschen für 2006 gelesen, und sich schon seinen Kandidaten rausgesucht.
Zu Mittag sind wir zurück in Floripa, und begeben uns wieder an das PCP-Spiel, wo wir zuvor entnervt aufgegeben hatten. Das Spiel bleibt scheiße, und nach den sechs Perioden, die wir simulieren sollten, ist der Gewinn nach zwischenzeitlichen Verlusten immerhin wieder positiv.
