Aurores Geburtstag

Den Tag über lerne ich für Engenharia de Software, denn dort gibt es nächste Woche eine klitzekleine Prüfung zu schreiben. Abends gibt es ein großes Churrasco, schließlich feiert Quasi-Mitbewohnerin Aurore Geburtstag. Neben den deutschen kommen natürlich auch alle französischen Austauschstudenten, sehr lustig.


Französischer Geburtstag mit Churrasco, Bier und Kuchen

Irgendwann um Mitternacht (ja, die Partys beginnen hier später) holen uns Leandro und Dayane ab, und am nächsten Supermarkt treffen wir noch Marcela, Carla, Suyenne (genannt Su), Vinicius und den Santista, bevor wir dann zur Pedrera, dem Forróschuppen in Lagoa de Conceição, fahren.
Es sind eigentlich alle da, die Japaner, die Franzosen, Anna, wir Deutschen, unsere Brasilianer und deren Freunde, und wir bleiben bis mindestens fünf Uhr. Relativ interessant zu beobachten sind Annäherungsversuche zweier künftiger Austauschstudenten, die nächstes Jahr nach Deutschland gehen werden, und mit deren brasilianischen Freunden darüber zu tratschen. Allen voran Dayane und Su erweisen sich als gefürchtete Klatschtanten, sehr genial. Irgendwann im Laufe des Abends kommt dann ans Licht, dass das Mädel, das bei der Calipro-Party vor einigen Wochen zu mir „Gib mir, gib mir Kinder“ sagte, Su war. So schließt sich der Kreis, und immer häufiger wird deutlich, dass Floripa mindestens genauso klein und familiär wie Ilmenau ist.
Auf der Rückfahrt landen wir noch bis zum Tagesanbruch in einer Lanchonete in Corrego Grande, und erst um halb sieben lande ich morgens im Bett.


mit den Brasilianern beim Forró

Abschied von Gustavo

Gustavo kenne ich nicht, aber jeder brasilianische Kommilitone scheint ihn zu kennen. Er studiert ebenfalls Wirtschaftsingenieurwesen und fliegt Montag nach Ilmenau, wo er ein Praktikum in einem An-Institut der Uni beginnen wird. Grund genug, wieder mal in der Republica zu landen. Nach und nach lernen wir immer mehr Kommilitonen unserer Brasilianer kennen, da wären z.B. Vinicius, wo wir letzte Woche schon auf dem Geburtstag waren, Dayane, Kleber, der Santista (eigentlich Andre, aber der Spitzname leitet sich von seiner Heimatstadt Santos ab) sowie die zwei Nachfahren japanischer Einwanderer: Herman und Dieter.

Mecenes Bar

Nachdem ich tagsüber angefangen habe, etwas für die Klausur in Software Engineering in der nächsten Woche zu lernen (und fast verzweifelt bin), war ich abends mit Christian, Markus, Steve, den Japanern und mit Steves Kumpeln in der Mecenes Bar.


Steve’s Kumpel Kiste, ich und Steve

Chopp de Meter

Heute waren wir wieder mit den Brasilianern in der Verdilha zur Konversation. Und da in München das Oktoberfest ja schon langsam zu Ende geht, gibt es natürlich heute nur ein Thema: Oktoberfest in Blumenau. Da müssen wir mit Euch hinfahren, ist natürlich die einhellige Meinung der brasilianischen Studenten. Es gebe kleine Busunternehmen, die Fahrten für Studenten für ca. 30 R$ anbieten, und Fábio wird Plätze organisieren. Carla erzählt derweil von Chopp de Meter. „Ein Meter Bier?“, fragt Forsti. „Das gibt es in Deutschland auch!“. Chopp de Meter ist natürlich anders, wie Karla erklärt: Eine Competição, ein Wettbewerb. Es gibt ein Meter lange Glasröhren, die unten in einer Kugel enden, und oben in einer Halbkugel. Etwa ein halber Liter Bier ist darin, und man fängt oben an zu trinken, kippt den Kolben, und irgendwann, wenn die einströmende Luft an der unteren Glaskugel ankommt, tritt ein Schwall Bier aus, den es nicht zu verschütten gilt.
Außerdem lernen wir jetzt immer mehr Freunde von den Brasilianern kennen, und am Donnerstag wird mal wieder Republica angesetzt.

Markus im Referatsstress

Während ich heute einen Ruhigen mache, steckt Markus im Stress, er muss heute Abend eine Präsentation in Data Mining halten. Als alle anderen schon von am Abendbrottisch von Franziskas leckerer Suppe kosten, wird bei ihm erst alles in letzter Minute fertig.

O homen que copiava

Aufgrund des schlechten Wetters haben wir den gesamten Sonntag zu Hause verbracht, ich habe Tagebuch geschrieben und es ist nicht so besonders viel passiert. Abends haben wir mit Anna und Michiko noch „O Homen que copiava“ geschaut, ein genialer brasilianischer Studentenfilm. „Der Mann, der kopierte“ arbeitet in einem Copyshop, und verliebt sich in ein Mädchen, dass er aus seinem Haus beobachtet. Sie arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft, und um mit ihr ins Gespräch zu kommen, versucht er ein Kleidungsstück bei ihr kaufen. Das Geld hat er nicht, aber eines Tages schleppt sein Chef einen Farbkopierer an, mit dem sich wunderbar selbst Geld herstellen lässt. Der Rest ist eine schöne Liebes- und Abenteuergeschichte im Sinne von Amélie.


Untertitel: Das Leben ist echt, der Rest ist Kopie.

El Divino Club

Das Wetter ließ einen Strandtag nicht zu. Es war zwar nicht regnerisch, aber kalt und bewölkt, so dass Franziska und ich ins Zentrum gefahren sind. Im Kamelodrom haben wir uns nach Gürteln für Franziska und anderen Kleidungsstücken umgeschaut. Auf dem Rückweg waren wir noch im Supermarkt im Beiramar-Shopping, denn Franziska kennt ja die Pizza zum selbst belegen dort noch nicht, also haben wir auch noch dieses Highlight mitgenommen.
Nach einigen Stunden descansar em casa holt uns Leandro ab, denn heute geht es in den El Divino Club, eine große Diskothek kurz vor Canasvieiras. Zwei weitere Freunde von ihm, Patrick und Pedro, fahren mit und Marcela treffen wir dort. Leandro hat die Karten schon im Vorverkauf gekauft, 15 R$, geht eigentlich. Allerdings werden weitere 10 Reais fällig als Parkgebühr. Wahrscheinlich für die nachfolgenden Aufräumarbeiten auf der riesengroßen Parkfläche, denn wie üblich sind viele verzogene Blagen reicher Eltern anwesend, die Parkplatzsaufen veranstalten und die Bierdosen rauskicken.
Im Club sind die Getränke dann auch entsprechend teuer (Caipirinha 8R$), aber trotzdem vale a pena (lohnt es sich): Viele Leute, eine richtig gute Pagode-Band, die draußen spielt und Swing Maneiro heißt, eine Creperia, und drinnen halt ein Technoschuppen mit Gogo-Girls. Omnipräsent sind die Sicherheitsleute, die überall auf Podesten stehen. Das ist ausnahmsweise mal notwendig, denn immer wieder kommt es zu kleinen Prügeleien zwischen „krassen“ Brasilianern, Generation Doofenkappe und Silberkettchen.
Auf der Rückfahrt halten wir in Santa Mônica an, und essen noch einen wirklich guten Cachorro Quente (heißer Hund – brasilianisches Portugiesisch ist angeblich die einzige Sprache, die Hot Dog übersetzt).

Firmenbesichtigung bei LABelectron

Über den Kontakt von Prof. Schneider, der über das Institut der Wirtschaft Thüringens (IWT) Entwicklungsbeziehungen nach Brasilien hält, sind wir heute von der privaten brasilianischen Forschungsstiftung CERTI (etwa wie das Fraunhofer-Institut in Deutschland) zu einer Firmenbesichtigung einer Produktionsanlage für Halbleiterplatten eingeladen.
Das ganze nennt sich LABelectron und befindet sich auf der Kontinentseite von Florianópolis. Dort angekommen, erklären uns Ingenieur Mario und Innovationsdirektor Günther Pfeiffer, halb auf Deutsch, halb auf Portugiesisch, die Geschichte von CERTI und des LABelectron: CERTI wurde brasilienweit bekannt als der Entwickler der elektronischen Wahlurne. In Brasilien herrscht Wahlpflicht, und zur Vorbeugung von Korruption und Wahlbetrug werden Wahlen schon seit vielen Jahren an einem elektronischen System durchgeführt. Diese elektronischen Wahlurnen müssen auch das letzte Indio-Völkchen im Urwald erreichen, auf Pferden durch Flüsse transportiert werden, mit Batterien arbeiten, wo es keinen Strom gibt, kurz: widrige Bedingungen aushalten, wie wir sie ja nun aus dem Pantanal kennen.
Seit einigen Jahren widmet man sich Untersuchungen im Bereich Klein- und Mittelserienproduktion bei der Fertigung von Technologiekomponenten. Man spezialisiert sich auf Platinenbestückmaschinen, wo der Unterschied zwischen Zykluszeit und Maschinenrüstzeit besonders krass ausfällt, und Kleinserien zunächst wenig sinnvoll erscheinen. Aus Deutschland hatte Günther Pfeiffer Eindrücke aus der Uni Magdeburg mitgenommen, wo jedoch die teuren Maschinen nur zu Testzwecken mal einzelne Serien durchliefen, damit jedoch nur zu etwa 25% ausgelastet waren und somit häufig ungenutzt herumstanden. Etwa zur gleichen Zeit schließt die Firma Alcatel in Brasilien eine Produktionsanlage, da sie ihre Produkte nur noch fremdfertigen lässt. So kommt man auf die Idee, die noch recht neuen Anlagen von Alcatel im Standort Florianópolis wieder aufzubauen, das LABelectron wird geboren. Als dritten Partner gewinnt man die auf Platinenfertigung spezialisierte Firma Megaflex Sul aus São Paulo, die 75% der Produktionskapazität für ihren wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb nutzt, während nur 25% für reine Forschungs- und Schulungstätigkeiten zur Verfügung stehen.


Aufbau des LABelectron

Die Mitarbeiter werden jedoch zu 100% von Megaflex gestellt. Erkenntnisse aus der Produktionsdatenerfassung während der Serienproduktion stehen jedoch stets auch für Forschungszwecke zur Verfügung, „die Probleme treten halt im Stress der Serienproduktion auf, wenn schnelles Umrüsten erforderlich ist. Da hilft es auch in der Forschung wenig, nur eine Serie zu fahren!“ erläutert Herr Pfeiffer.
Dann verteilt Mario einige Antistatikbänder, die wir an unsere Schuhe heften, und hinein geht es in die Produktionsanlage. Zunächst gibt es eine Maschine zur Prototypenproduktion von Platinen, insbesondere zum Fräsen von Platinenschablonen. Zwei weitere Linien enthalten Bestückmaschinen unterschiedlicher Generationen: eine Maschine arbeitet mit der PTH-Methode (Plated through Hole), wo die Füßchen der Komponenten durch Platinenbohrungen hindurch gesteckt und auf der Rückseite verlötet werden. Eine weitere, neuere Bestückungsmaschine arbeitet mit der Surface Mounting Technology (SMT), hier werden die Bauteile direkt auf den Lötbahnen der Platine montiert.
Nach der Führung durch die Produktion, Günter Pfeiffer hat schon mehrmals von Portugiesisch auf Deutsch gewechselt, und umgekehrt, heißt es dann: „Vamos tomar um Café!“ Apropos Kaffee, da taut er auf. Denn Kaffee war in den achtziger Jahren der Grund für eine enge Forschungszusammenarbeit zwischen Brasilien und der DDR. Alles lief über Tauschgeschäfte, denn beiden Ländern fehlte es an konvertierbaren Währungen. Brasilien lieferte Kaffee, und die DDR optoelektronische Geräte von Carl Zeiss Jena. Und einen regen wissenschaftlichen Austausch habe es gegeben, insbesondere von Doktoranden und Habilitanden. „O Höhne ficou anos“ – Unser heutige Prof. Höhne blieb über Jahre, wahrscheinlich die angenehmste Art, sich dem DDR-Regime zu entziehen. „Und da gab es noch ein Technikum in Suhl, mit einem Herrn Linß.“ Und Prof. Schneider? Den habe er erst in letzter Zeit kennen gelernt, als dieser schon als Direktor des IWT war. Santa Catarina und Thüringen verbinde schließlich viel, meint Herr Pfeiffer: Viel Wald, Holzindustrie und neue Technologien.
Wir verabschieden uns mit vielen neuen Eindrücken aus dem Labelectron, die übrigens durchaus an Praktikanten, hauptsächlich aus dem Bereich Schaltungstechnik, interessiert sind.
Als wir nach Hause kommen, ist der Kühlschrank von der Wand abgerückt worden. Nach erster Untersuchung stellt sich heraus, dass jedoch kein technischer Defekt vorliegt, und der Kühlschrank einwandfrei funktioniert. Des Rätsels Lösung: Gastbruder Eduardo hat mal wieder seinen Schlüssel verloren, und wurde in der Wohnung eingesperrt. Hinter dem Kühlschrank befindet sich eine weitere Tür auf den Flur (man könnte die Wohnung offenbar in zwei Wohnungen teilen), durch die er raus ist. Seltsam.
Abends ist noch der letzte Vortrag der Semana da Produção. Franziska macht descansar, aber ich will mir den Vortrag von Petrobras, immerhin Brasiliens größtes Unternehmen, nicht entgehen lassen. Leider verfügt die Vortragende noch nicht über besonders viel Redeerfahrung, so dass ich 20 Minuten später draußen mit einigen Studenten zum Labern stehe.
Danach wollten wir dann eigentlich bei Forsti und Steve im Strandhaus Grillen. Das haben die anderen dann auch gemacht, ich war allerdings zu müde und bin zu Hause geblieben.

Konversation und Republica

Nachdem wir gestern zur Deutsch-Konversation in der Verdilha waren, treffen wir uns heute mit Fábio, Leandro, Marcela und Carla in der Gartenbaumensa, die nicht bestreikt wird, dafür etwas außerhalb in Itacorubi liegt. Hier gibt es Buffet mit Salat für 3,70 Reais (nach dem letzten Kurseinbruch des Euros 1,35 Euro, im April wären es nur 1,05 Euro gewesen). Beim Mittagessen ein bisschen Deutsch zu sprechen bringt richtig viel für die vier, und auch wir lernen etwas über Brasilien: Als ich erkläre, dass man in Deutschland gefahrlos Trinkwasser aus dem Wasserhahn trinken könne, erklären mir Fábio und Leandro, dass in Brasilien das Wassser kostenlos sei, und man allein für die Aufbereitung zahle. Eine Wasseruhr heißt übrigens rélogio de água, sehr genial…


Franziska, Marcela, Carla, Stefan, MMG, Fábio und Leandro

Abends gehen wir nicht in den Vortrag der Semana da Produção, da Franziska mit Kochen dran ist und einen Reis-Rührei-Soja-Topf zaubert. Aber abends treffen wir Leandro und Carla noch auf einer Studentenparty in der Republica. Irgendein Kumpel feiert Geburtstag, und Studenten haben freien Eintritt. Zwei Kumpel von Steve sind auf Besuch in Brasilien, Marcel und Kiste, und sind natürlich auch mit dabei.


In der Republica-Bar: MMG, Carla, Franziska, Patricia, Markus

Bewerbungen und Mini-Inova

Nach der Vorlesung Engenharia de Software habe ich im Copyshop die Bewerbungen der Unibral-Kandidaten jeweils fünf Mal ausdrucken lassen, denn heute Abend steht einer der Höhepunkte der Semana da Produção an: Firmenvorträge und Einstiegsmöglichkeiten als Praktikant. Während des Ausdruckens schneie ich noch bei Profa. Leila im Büro vorbei, die sich wenig Hoffnung mit den Bewerbungen macht: „Es läuft doch eh alles über Kontakte.“
Abends gibt es dann die Vorträge, den Anfang macht der Lebensmittelhersteller Bunge, danach kommt der Hausgerätehersteller Multibras sowie der Kompressorenhersteller Embraco. Embraco liefert die Kompressoren für Multbras-Kühlschränke, und produziert in Joinville ungelogen einen Kompressor pro Sekunde. Da kann Intelbras, der Telefonhersteller, den ich einmal mit Hélvio besichtigt habe, natürlich nicht ganz mithalten, aber Personalchefin Valdirene ist bestens gelaunt: „Bei den ganzen Unternehmen können wir natürlich nicht mithalten. Aber wir liegen fast am Strand, nach Feierabend nehmt ihr den Firmenbus nach Lagoa de Conceição, und dann ab aufs Surfbrett!“. Applaus. Der Inhalt der Unternehmensvorstellung geht dann fast in brasilianischen Surfträumen von besserem Wetter unter. Den letzten Vortrag hält ein Vertreter des Volkswagenwerkes im Bundesstaat São Paulo, der über das internationale VW-Traineeprogramm berichtet: „Ihr braucht Top-Englischkenntnisse, nur dann habt Ihr die Chance, während Eurer Laufbahn auch in Deutschland eingesetzt werden zu können!“
Am Ende drücken Franziska und ich den Firmenvertretern die ausgedruckten Bewerbungen der neuen Kandidaten in die Hand, sammeln fleißig einige Visitenkarten, und hoffen auf positive Reaktionen…