Über den Kontakt von Prof. Schneider, der über das Institut der Wirtschaft Thüringens (IWT) Entwicklungsbeziehungen nach Brasilien hält, sind wir heute von der privaten brasilianischen Forschungsstiftung CERTI (etwa wie das Fraunhofer-Institut in Deutschland) zu einer Firmenbesichtigung einer Produktionsanlage für Halbleiterplatten eingeladen.
Das ganze nennt sich LABelectron und befindet sich auf der Kontinentseite von Florianópolis. Dort angekommen, erklären uns Ingenieur Mario und Innovationsdirektor Günther Pfeiffer, halb auf Deutsch, halb auf Portugiesisch, die Geschichte von CERTI und des LABelectron: CERTI wurde brasilienweit bekannt als der Entwickler der elektronischen Wahlurne. In Brasilien herrscht Wahlpflicht, und zur Vorbeugung von Korruption und Wahlbetrug werden Wahlen schon seit vielen Jahren an einem elektronischen System durchgeführt. Diese elektronischen Wahlurnen müssen auch das letzte Indio-Völkchen im Urwald erreichen, auf Pferden durch Flüsse transportiert werden, mit Batterien arbeiten, wo es keinen Strom gibt, kurz: widrige Bedingungen aushalten, wie wir sie ja nun aus dem Pantanal kennen.
Seit einigen Jahren widmet man sich Untersuchungen im Bereich Klein- und Mittelserienproduktion bei der Fertigung von Technologiekomponenten. Man spezialisiert sich auf Platinenbestückmaschinen, wo der Unterschied zwischen Zykluszeit und Maschinenrüstzeit besonders krass ausfällt, und Kleinserien zunächst wenig sinnvoll erscheinen. Aus Deutschland hatte Günther Pfeiffer Eindrücke aus der Uni Magdeburg mitgenommen, wo jedoch die teuren Maschinen nur zu Testzwecken mal einzelne Serien durchliefen, damit jedoch nur zu etwa 25% ausgelastet waren und somit häufig ungenutzt herumstanden. Etwa zur gleichen Zeit schließt die Firma Alcatel in Brasilien eine Produktionsanlage, da sie ihre Produkte nur noch fremdfertigen lässt. So kommt man auf die Idee, die noch recht neuen Anlagen von Alcatel im Standort Florianópolis wieder aufzubauen, das LABelectron wird geboren. Als dritten Partner gewinnt man die auf Platinenfertigung spezialisierte Firma Megaflex Sul aus São Paulo, die 75% der Produktionskapazität für ihren wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb nutzt, während nur 25% für reine Forschungs- und Schulungstätigkeiten zur Verfügung stehen.

Aufbau des LABelectron
Die Mitarbeiter werden jedoch zu 100% von Megaflex gestellt. Erkenntnisse aus der Produktionsdatenerfassung während der Serienproduktion stehen jedoch stets auch für Forschungszwecke zur Verfügung, „die Probleme treten halt im Stress der Serienproduktion auf, wenn schnelles Umrüsten erforderlich ist. Da hilft es auch in der Forschung wenig, nur eine Serie zu fahren!“ erläutert Herr Pfeiffer.
Dann verteilt Mario einige Antistatikbänder, die wir an unsere Schuhe heften, und hinein geht es in die Produktionsanlage. Zunächst gibt es eine Maschine zur Prototypenproduktion von Platinen, insbesondere zum Fräsen von Platinenschablonen. Zwei weitere Linien enthalten Bestückmaschinen unterschiedlicher Generationen: eine Maschine arbeitet mit der PTH-Methode (Plated through Hole), wo die Füßchen der Komponenten durch Platinenbohrungen hindurch gesteckt und auf der Rückseite verlötet werden. Eine weitere, neuere Bestückungsmaschine arbeitet mit der Surface Mounting Technology (SMT), hier werden die Bauteile direkt auf den Lötbahnen der Platine montiert.
Nach der Führung durch die Produktion, Günter Pfeiffer hat schon mehrmals von Portugiesisch auf Deutsch gewechselt, und umgekehrt, heißt es dann: „Vamos tomar um Café!“ Apropos Kaffee, da taut er auf. Denn Kaffee war in den achtziger Jahren der Grund für eine enge Forschungszusammenarbeit zwischen Brasilien und der DDR. Alles lief über Tauschgeschäfte, denn beiden Ländern fehlte es an konvertierbaren Währungen. Brasilien lieferte Kaffee, und die DDR optoelektronische Geräte von Carl Zeiss Jena. Und einen regen wissenschaftlichen Austausch habe es gegeben, insbesondere von Doktoranden und Habilitanden. „O Höhne ficou anos“ – Unser heutige Prof. Höhne blieb über Jahre, wahrscheinlich die angenehmste Art, sich dem DDR-Regime zu entziehen. „Und da gab es noch ein Technikum in Suhl, mit einem Herrn Linß.“ Und Prof. Schneider? Den habe er erst in letzter Zeit kennen gelernt, als dieser schon als Direktor des IWT war. Santa Catarina und Thüringen verbinde schließlich viel, meint Herr Pfeiffer: Viel Wald, Holzindustrie und neue Technologien.
Wir verabschieden uns mit vielen neuen Eindrücken aus dem Labelectron, die übrigens durchaus an Praktikanten, hauptsächlich aus dem Bereich Schaltungstechnik, interessiert sind.
Als wir nach Hause kommen, ist der Kühlschrank von der Wand abgerückt worden. Nach erster Untersuchung stellt sich heraus, dass jedoch kein technischer Defekt vorliegt, und der Kühlschrank einwandfrei funktioniert. Des Rätsels Lösung: Gastbruder Eduardo hat mal wieder seinen Schlüssel verloren, und wurde in der Wohnung eingesperrt. Hinter dem Kühlschrank befindet sich eine weitere Tür auf den Flur (man könnte die Wohnung offenbar in zwei Wohnungen teilen), durch die er raus ist. Seltsam.
Abends ist noch der letzte Vortrag der Semana da Produção. Franziska macht descansar, aber ich will mir den Vortrag von Petrobras, immerhin Brasiliens größtes Unternehmen, nicht entgehen lassen. Leider verfügt die Vortragende noch nicht über besonders viel Redeerfahrung, so dass ich 20 Minuten später draußen mit einigen Studenten zum Labern stehe.
Danach wollten wir dann eigentlich bei Forsti und Steve im Strandhaus Grillen. Das haben die anderen dann auch gemacht, ich war allerdings zu müde und bin zu Hause geblieben.
