Nach unserem Frühstück (zu Tom, dem Münchner und den Franzosen sind inzwischen Mexikaner und Ukrainer gestoßen) standen für uns heute die Cataratas, die Wasserfälle auf dem Programm. Laura hat uns empfohlen, mit Diego, einem Studenten zu fahren, der mit seinem Kleinbus nebenbei ein kleines „Reisebüro“ betreibt und auf die argentinische Seite rüberfährt. Das sei zwar ein paar Reais teurer als mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, dafür könne Diego alle Formalitäten an der Grenze regeln, und wir müssten nicht in der Schlange zum Nationalpark anstehen. Also alle Mann rein in den Kleinbus, in dem, Oh Wunder, schon Vincent saß, den wir ja noch von der Fahrt nach Foz kannten. Außerdem ein Franzose namens Julien, der in Rio studiert und als patriotischer Franzose selbstverständlich kein Wort Englisch spricht, sowie drei deutsche Handwerkergesellen, die auf der Walz sind, und schon seit zwei Jahren fern von ihren Heimatdörfern unterwegs sind.
Auf nach Argentinien! An der Grenze klappt alles problemlos, nur für die Ukrainerin heißt es: No Visa, no Argentinia.
Seit 1984 sind Foz de Iguaçu und die argentinische Nachbarstadt Puerto Iguazú über eine Brücke miteinander verbunden, die den Rio Iguaçu überquert. In Argentinien angekommen, beherrschen auf den ersten Kilometern Spielcasinos das Stadtbild: Glücksspiel ist in Brasilien nämlich verboten.
Unsere erste Station ist der argentinische Grenzstein des Dreiländerecks Brasilien – Paraguay – Argentinien: Der eigentliche Grenzpunkt liegt im Wasser, wo der Rio Iguaçu in den Rio Paraná mündet. Daher hat jedes dieser drei Länder, die in der Zollunion „Mercosul“ zusammengeschlossen sind, auf seiner Seite als Symbol der Freundschaft eine symbolische „Marca de três Frontieras“ errichtet:
Einige Kilometer weiter erreichen wir die Grenze des Nationalparks. Hier muss ich mich leider über mich selbst ärgern, dass ich neben meinem deutschen Reisepass nicht noch meine brasilianische Aufenthaltsgenehmigung mitgenommen habe: Als Ausländer zahle ich 30 Reais Eintritt, als Bürger der Mercosul-Region 18 Reais. Und meine Aufenthaltgenehmigung hätte dazu gereicht, zu beweisen, dass ich meinen Wohnsitz in Brasilien habe. Währenddessen schleust uns Diego kompetent an langen Warteschlangen von Menschenmassen vorbei, ganz Argentinien scheint auf den Beinen, um am Osterwochenende die Cataratas del Iguazú zu betrachten. Mit Diego vereinbaren wir einen Treffpunkt und Zeit für die Rückfahrt auf Englisch, was jeder versteht, nur halt Julien nicht. Ich bin zwar auch kein Freund von überpräsentem Englisch und insbesondere nicht von Anglizismen, aber wenn man nun mal mit einer international aufgestellten Reisegruppe unterwegs ist, ist Englisch halt der kleinste gemeinsame Nenner, um sich auf dem niedrigstmöglichen Niveau verständigen zu können. Eigenartig, dass Ukrainer besser Englisch sprechen als Franzosen. Somit habe ich Julien alles noch mal auf Portugiesisch erklärt (das spricht er), und er hatte tatsächlich nicht einmal mitbekommen, dass wir über einen Treffpunkt diskutiert hatten.
Mit den Handwerkerjungs (Christian = Tischler, Jo-Achim = Dachdecker und Carsten = Zimmermann) machen wir uns auf Stegen und durch Rote Erde auf den Weg zu den Fällen, so 10 km Fußweg werden wir wohl insgesamt zurückgelegt haben heute.
Für zusätzliche 30 Reais ist eine Fahrt in einem offenen Schnellboot möglich, das direkt in die Fälle hineinfährt – bei den argentinischen Besuchern, die nass bis auf die Knochen aussteigen, ist das der Hit. Wir fahren auch mit dem Boot, einem kostenlosen, auf eine Insel im Fluss. Sie wird in der Regenzeit von tobenden Wassermassen umringt, heute ist hier eher wenig los. Dafür gibt es einen steinigen, dreckigen, hässlichen, furchtbar kleinen Strand. Bei Kontinentalargentiniern auch ziemlich beliebt, aber mal ehrlich: Mit Florianópolis kein Vergleich.
Auf der Rückfahrt sind wir mit Diego noch auf einem kleinen argentinischen Markt vorbeigefahren, haben argentinisches Bier, Süßigkeiten, Oliven, Wurst und Käse gekostet und sind dann zurück nach Foz. Für Puerto Iguazú ist das ein Problem: alle großen Hotels sind in Foz auf brasilianischer Seite, kaum einer übernachtet in Argentinien. Eigentlich sehr schade, vor allem wahrscheinlich für die Glücksspielbetreiber…
Zurück in Foz sind wir dann alle gemeinsam (Tom, Julien, Vincent, die Handwerker und wir sechs) wieder in der Churrascaria von gestern gelandet. Alle Handwerker? Nein, Christian hatte schon vorher aufgegeben und lag wohl mit Durchfall im Hotelbett.
Dafür habe ich mir von Jo-Achim sein Walzbuch mit Einträgen, Arbeitszeugnissen, Stempeln etc. zeigen lagen. Das ist schon eine ziemlich interessante Erfahrung, die die Jungs machen: Sie haben sich verpflichtet, drei Jahre mindestens 50km von ihrem Heimatort entfernt zu bleiben (sie stammen alle aus der Region Bremen / Hamburg) und haben in Mecklenburg das Reetdachdecken, im Vogtland das Schieferbekleiden von Hauswänden gelernt, und sind jetzt schon mehr als ein halbes Jahr in Brasilien, wo sie ein Schulgebäude errichtet haben – aus Tropenholz mit mittelalterlichen Werkzeugen („eine Bohrmaschine gab’s, alles andere war Handarbeit“).
Als die Churrascaria nach sehr leckerem Essen um Mitternacht schloss, mussten wir ja noch etwas weiter ziehen. Foz hat, was Nachtleben angeht, relativ wenig zu bieten, einzig einen Tanzschuppen gab es, der voll mit Argentiniern war. Die Band spielte Forstis Lieblingslied aus seiner Zeit bei einer Blaskapelle: „Rosamunde“, ein deutscher Schützenfestschlager. Hätte nicht viel gefehlt, dann wäre Forsti auf die Bühne gesprungen, hätte sich ne Trompete geschnappt und wäre zum Forsti de Iguaçu mutiert…:-)

