Nun sind schon zwei Wochen Brasilien um. Nach dem ganzen Bürokratiehaufen, z.B. mit der Policia Federal und der Immatrikulation an der Uni kehrt so langsam der Alltag ein, von dem ich bisher ja eigentlich sehr wenig berichtet habe. Und genau deswegen gibt es diesen Artikel, denn sicherlich wollt Ihr wissen, was wir den ganzen Tag so machen:
Für Anne, Ingmar und mich beginnt der Portugiesischunterricht morgens um 8 Uhr und geht bis um 10. Ab 10 Uhr sind dann Markus, Steve und Christian dran. Um 12 treffen wir uns gemeinsam zum Mittagessen, und am Nachmittag geht es gemeinsam von 16 bis 18 Uhr weiter.
Wie Ihr schon wisst, radele ich jeden Morgen von Santa Mônica zur Uni, da bin ich etwa eine Viertelstunde unterwegs. Bei Márcia, der Portugiesischlehrerin, lautet dann nach der Begrüßung die erste Frage: „Tu queres um copo da agua?“ – Möchtest Du ein Glas Wasser trinken?
Und dann geht das Programm los: Zuerst vergleichen wir meistens die Hausaufgaben. Dort schreiben wir kurze Aufsätze, z.B. was wir am letzten Wochenende gemacht haben, liefern Personenbeschreibungen ab, beschreiben die Gewohnheiten von Personen und so weiter. Außerdem haben wir meistens noch Aufgaben mit Lückentexten, z.B. über die Verwendung von Prononen: mit jmd. sprechen, über jmd. sprechen, jmd. ansprechen usw., halt nur auf Portugiesisch.
Dann machen wir meistens noch ein paar Zeitformen, wiederholen unregelmäßige Verben im Perfekt und Imperfekt, bilden Passivsätze und und und.
Nächste Woche werden wir uns auch an den Subjonctiv vornehmen, der uns in Texten bereits mehr und mehr begegnet und ja auch imFranzösischen bekannt ist. Weiterhin verwenden die Portugiesen/Brasilianer auch noch eine Futurform des Subjonctivs, den sonst nur die Rumänen kennen – Hallo Uli!
Danach begeben wir uns jedes Mal in die Welt des Films „Central do Brasil“ (siehe 11.März) und bearbeiten 1-2 Szenen. Ihr solltet Euch diesen Film auch einmal ansehen!
Langsam werden auch die Fragen, die Márcia für uns vorbereitet hat, schwerer. Mussten wir anfangs nur einzelne Wörter heraushören, so müssen wir jetzt auch den Text häufig umschreiben, z.B. von direkter in indirekte Rede.
Pünktlich um 10 kommen dann die anderen, und Anne, Ingamr und ich gehen meistens Internetsurfen auf dem Campus, in die Bibo zum Hausaufgabenmachen o.ä.
Gestern sind wir dabei dieser brasilianischen Studentin begegnet:

Um kurz nach 12 treffen wir uns dann mit den anderen, und gehen in einem Restaurante por quilo essen. Diese flankieren sozusagen die Ringstraße um das Universitätsgelände und sind bei Studenten und Dozenten sehr beliebt. Die Mensa der UFSC kennen wir bisher nur vom Hörensagen: Bohnen mit Reis und Reis mit Bohnen – das meiden auch die meisten Brasilianer.
Aber was ist ein Restaurante por quilo?
Es gibt ein Buffet mit Salat und Hauptgericht, und man lässt dann seinen Teller wiegen, und aus dem Gewicht errechnet sich der Preis. Jedes Restaurant hat also draußen groß seinen Kilopreis angeschlagen und sonstige Vergütungen, z.B. freier Nachtisch oder ein Freigetränk, wenn man >500g isst.
Wir haben festgestellt, das Wischmeyers Logbucherkenntis sich bewahrheitet: „Der Deutsche scheitert am Buffet“ – denn angesichts der dargebotenen Speisen versucht man von allem etwas zu essen.

mein Essen im Restaurant kostet 5,89 Reais, + 1,20 für nen Mangosaft. Zusammen ca. 2,30 €
Nach dem Essen heißt es dann Zeit totschlagen bis zur Nachmittagsstunde. Da kauft man dan ein bisschen ein (fazer de compras), oder wir widmen uns unseren Nachmittagshausaufgaben, meistens Phonetik.
In der Nachmittagsstunde gibt es dann Wortschatz- und Konversationsübungen. Bei den Wortschatzübungen gibt es dann bestimmte Themen, und wir beackern eines pro Tag, z.B. Haushaltsgeräte, Küchenutensilien, Obst und Gemüse, … Heute waren Bürogeräte und Büroaktivitäten dran, jetzt weiß ich was copy & paste auf Portugiesisch heißt (copiar e colhar). Das war eine gute Gelegenheit, auch mal den englischen Einfluss auf die Portugiesische und Deutsche Sprache zu diskutieren. Während wir Deutschen die Verben googeln und downloaden benutzen, sind im Portugiesischen andere Verben entstanden:
apagar wird durch deletar ersetzt, und personalisar durch customizar, und für ligar sagen die Brasilianer jetzt häufig conectar oder plugar. Ich denke die englischen Begriffe versteht jeder, damit erklären sich auch die Portugiesischen. Herunterladen heißt übrigens baixar (herunterheben, wurde also im Portugiesischen nicht zu „downloadar“ oder ähnlichem…)
Tja, da sind wir auch schon beim Thema Konversation: Da reden wir dann einfach, oder erzählen eine kleine Geschichte, beschreiben Situationen gegenüber anderen Leuten, usw.
Danach gibt es meistens Phonetikübungen: Aussprache. Dort hören wir, wie verschiedene Buchstaben im Portugiesischen ausgesprochen werden, lernen Regeln, wann harte und weiche Betonungen vorherrschen usw.

Unser Portugiesischkurs: Christian, Steve, MMG, Markus, Ingmar und Anne
Gestern haben wir über Silbenbetonungsregeln gesprochen. Das fand ich tatsächlich mal interessant: Wörter, die auf der letzten Silbe betont werden, heißen Oxítona, z.B. Café sowie alle portugiesischen Verben im Infinitiv.
Grundsätzlich betonen die Portugiesen jedoch alles auf der zweitletzten Silbe, auf der Paroxítona. Beispiel: trabalho (Arbeit), parede (Wand). Andere Betonungen vor der zweitletzten Silbe müssen durch Akzent angezeigt werden, z.B. máquina (Maschine), médico (Arzt), Florianópolis (sprich: Florja-noo-blis), und heißen Proparoxítona.
Zum Ende der Stunde singen wir dann häufig noch ein Lied (besonders beliebt sind Kinderlieder, Márcia hat eine vierjährige Tochter), welches wir hören müssen und wieder einzelne Begriffe heraushören müssen. Das Lied „Que que tem na sopa do neném“ (Was gehört in die Suppe des Babys) ist quasi ein Ohrwurm und zählt allerlei Gemüsezutaten auf.
Damit ist dann die Stunde auch meistens schon zuende, würden nicht immer unvorhergesehene Dinge passieren. Z.B. trinken wir manchmal den Wasserspender leer. In Brasilien gibt es dafür einen Lieferdienst. Ein 20-Liter-Kanister Wasser mit vorbeibringen lassen und Einbau kostet 4 Reais, das sind 1,20 Euro! Nach dem Stundenlohn des Kollegen, der die Dinger auf dem Moped ausfährt, darf man wohl nicht fragen…