Morgens stelle ich Hélvio kurz die Demoversion der Software vor und erkläre ihm, dass sie auf dem Server installiert werden müsste, dafür aber nicht auf jedem einzelnen Rechner. Die Benutzer können sich mittels Browser einloggen, und da ja eh alle Rechner vernetzt sind, ist dieses eine praktische Sache. Hélvio ist zufrieden und erklärt: Bei Olsen gibt es zwei Informatiker: Sandro für die Hardware, und Marcelo für die Software. Letzteren ruft er an, Marcelo verspricht, er werde mir die Software installieren. Ein Linux-Server mit MySQL und PHP sei vorhanden, also kein großer Aufwand.
Bis dahin kümmere ich mich wieder um meine Vokabeln. Beim Mittagessen treffe ich Marcelo in der Kantine: Sorry, er müsse einen Rechner für die bevorstehende Gesundheitsmesse in Köln konfigurieren, und da müsste noch was programmiert werden, und das sei natürlich jetzt wichtiger als die Software für mich. Tja, und so kommt es, dass ich noch ein paar Vokabeln lerne, und heute und den gesamten Mittwoch ansonsten absolut gaar nichts zu tun habe.
Da ist es schon ein Höhepunkt, dass ich mir bei www.pauker.at, dem größten Online-Portugiesischwörterbuch, einen Login zulege und technische Vokabeln einspeichere. Hélvio hat eine Menge zu tun, und wenn ich nach dem zu unterzeichnenden Arbeitsvertrag frage, heißt es: „Tranqüile“. Das ist Hélvios Lieblingswort, wörtlich übersetzt Beruhig Dich, bei ihm universell eingesetzt immer wenn es heißen soll: Habe verstanden, geht in Ordnung, mach Dir keine Sorgen, alles zu seiner Zeit.
Erster Arbeitstag
Nach meiner Ankunft bei Olsen habe ich mich zunächst einmal allen Mitarbeitern im Büro, die schon da waren, vorgestellt. Morgens gab es gleich eine Besprechung zwischen Uilians (dem Arbeitsvorbereiter) und meinem Abteilungsleiter, Hélvio. Sie sind eine Liste mit Assuntos, Vorgängen, durchgegangen, die für den Start einer neuen Baureihe noch zu erledigen sind. Hélvio sagte mir: „Wenn du Fragen hast, etwas nicht verstehst, dann frag!“ Um ehrlich zu sein: Ich habe gar nichts verstanden, wollte aber auch nicht wegen jeder Kleinigkeit fragen. Uilians hat mir netterweise die 10-seitige Liste noch mal ausgedruckt, und ich habe mir nach der Besprechung mein Wörterbuch zur Hand genommen und an diesem Tag und in den Folgetagen mal schlappe 200 Vokabeln aus der Liste heraus geschrieben. Tja, wenn es da heißt: „Bei der Biegevorrichtung für die Wasserspender, aus denen der Patient seinen Becher gefüllt bekommt, gibt es Probleme mit der Materialzuführung“, dann ist das sicherlich nicht so einfach zu verstehen. Obwohl eigentlich gar nicht schwer: Denn der gemeinte Wasserspender heißt im Portugiesischen sehr treffend Bengala, Spazierstock. Irgendwann mittags heult eine Luftschutzsirene auf, Pause. Wir Praktikanten und viele andere Leute aus dem Büro lassen den Kollegen aus der Werkstatt den Vortritt am Buffet, und surfen die halbe Stunde bis halb 1, und gehen dann los. Das Essen ist wie im Kilorestaurant, nur zu meiner Überraschung kostenlos. Es sei zwar üblich, dass der Arbeitgeber eine Stütze zum Essen dazuzahle in Brasilien, aber kostenloses Essen kenne er auch erst, seitdem er bei Olsen arbeite, erzählt mir Kollege Diogo, ein junger Konstrukteur. Am Nachmittag konnte ich mich über einen Schreibtisch freuen, einen PC werde ich jedoch nicht bekommen. Also heißt es Rodízio de Computadora, setz Dich an einen Rechner, der gerade frei ist. Todos têm Internetschi. Hélvio kommt vorbei und erzählt mir, dass ihm das mit der bisherigen Praxis einer Tabelle für die Projektplanung nicht gefalle, ich hätte doch etwas Ahnung von PCs und wolle doch obendrein was Richtung Projektmanagemant machen – ob ich da nicht eine gute Software kennen würde? Bedingung: Sie darf nichts kosten, und alle müssen drauf zugreifen können. MS Project scheidet also aus. Das hört sich ja wirklich nach einer Sache an, die mich interessiert, und ich sage zu. Die nächsten Stunden verbringe am PC von Mitpraktikant Rodrigo, dem Werkstoffwissenschaftler, und suche bei SourgeForce und anderen Foren nach Open-Source-Programmen. [Anmerkung: ich schreibe mein Tagebuch in Word, und stelle gerade fest, dass die Word-Rechtschreibprüfung das Wort Open-Source nicht kennt. Hm, das ist ja typisch. Linux wird auch immer rot unterstrichen.] Bereits zu Feierabend habe ich eine vernünftige Software gefunden, sie heißt Dotproject. In eine Demoversion für jedermann kann man sich unter www.dotproject.net/demo einloggen (Benutzer: admin, Passwort: admin). Hélvio bietet mir Carona an, Mitfahrgelegenheit. Als ich nach Hause komme, ist Luiz aus Italien wieder da und wir schauen uns Bilder aus Turin und seinem Abstecher nach Assisi an, die er mit seiner Digitalkamera gemacht hat.
Leonors Geburtstag
Nachdem ich fast bis Mittags geschlafen habe, hat mich Michelle ins Auto gesteckt, heute ist doch der Geburtstag von Leonor, einer Freundin aus der Studentengemeinde, und wir wären zum Essen eingeladen. Nach einer Zwischenstation im Manhattan-Minimercado habe ich das Dessert (Eis) beigesteuert, außer uns waren noch Leonors Mann, Hallthmann (sprich: Hautschmann), und eine weitere Freundin anwesend. Leonor ist im fünften Monat schwanger und es gab viel Salat, ein bisschen Fleisch und Wackelpudding (hier: Gelantine) mit Eis. Leonor und Hallthmann wohnen übrigens im gleichen Condominho (abgeschlossenes Gebiet mit einigen Mietwohnungen) wie Verena.
Nach dem Essen rief Markus an, ob ich nicht Lust hätte, mit Carlos und ihm eine Inselrundfahrt zu machen. Gute Idee. So besuchten wir erneut Santo Antônio de Lisboa, und fuhren nach Jurêre im Norden der Insel weiter. Dort gab es eine Oldtimer-Ausstellung, niemals zuvor habe ich so viele gut erhaltene Karmann Ghias gesehen…

Ein VW-Brasilieira

Ein Karmann-Ghia, das Auto Osnabrücks…
Abends war ich mit Michelle in der Kirche, die aufgrund des Papsttodes gerammelt voll war. Nur mit Mühe konnten wir noch einen Sitzplatz ergattern. Nach der Messe haben wir uns von der Studentengemeinde anlässlich Leonors Geburtstag in einer italienischen Pizzeria im Zentrum getroffen, wo es ausnahmsweise mal kein Rodízio gab, was für den Laden spricht. Ich habe mir mit Michelle, Cássia und Karina eine Pizza geteilt. Cássia hat den ganzen Abend Lachkrämpfe gehabt, und als ich ihr erzählt habe: „Cássia, não esqueca de inhalar quando você está rindo“ (Cássia, beim Lachen das Luftholen nicht vergessen) war es dann ganz vorbei. Nebenbei fällt mir auf, dass Cássia bei der Organisation des Austausches hier auf brasilianischer Seite auf die Unterstützung durch Leute aus der Studentengemeinde zurückgreifen kann: Da wird mal hier ein Zimmer besorgt, und kennst du nicht dort noch einen, den man wegen eines Praktikumsplatzes fragen kann,…
Kritisch wird es noch, als 30 Brasilianer versuchen, die Rechnung zu teilen und jeder einzeln seinen 3-Euro-Anteil mit Kreditkarte zahlen will. Da brauchte der Kellner echt starke Nerven.
Vamos no Centro
Als wir aufwachen, ist das Wetter ziemlich schlecht in Cansasvieiras, so dass wir uns entscheiden, nicht baden zu gehen. Da bleibt man also gerne noch etwas länger im Bett. Als ich als erster aufstehe, sehe ich aus unserem dritten Stock, wie ein Zeitungsjunge auf dem Moped eine zusammengerollte Zeitung bei jedem Haus vor den Eingang wirft, in voller Fahrt und in hohem Bogen. Die Zeitung landet jedes Mal fast direkt vor der Eingangstür, und von der Straße bis zu den Häusern hat sie den Vorgarten von ca. 5 Metern überflogen. Respekt.
Als das Wetter nicht besser wird, brechen wir die Zelte in Casasvieiras ab und fahren mit dem Bus ins Zentrum von Florianópolis, das ich bis auf den lokalen Busbahnhof TICEN und die Rodoviária (Fernbusbahnhof) bisher nur vom Hörensagen kenne. Gegenüber des TICEN gibt es eine Markthalle, in der man günstig Klamotten und sonstigen Kleinkram kaufen kann, und einen Fischgroßmarkt. In ausreichender Distanz vom Fischgestank lassen wir uns in einer Lanchonette nieder und essen zu Mittag, leckere Burger mit asiatischem Einschlag.

Wir entdecken den großen Buchladen Livraria Catarinense, und den großen Baum im Zentrum. Danach versuchen wir noch die alte Hängebrücke, die Ponte Hercílio Luz, zu besichtigen. Diese ist aber aufgrund von Restaurationsarbeiten für einige Jahre gesperrt. Die Brücke ist mit einer Länge von 819 Metern die längste Hängebrücke Brasiliens und verbindet seit 1922 das Festland und die Ilha de Santa Catarina miteinander. Sie hatte aber nur zwei Fahrspuren, und daher verbinden seit etwa 25 Jahren zwei hässliche Betonbrücken mit insgesamt 8 Fahrspuren Florianópolis mit dem Kontinent. Ab Montag werde ich täglich darüber fahren.

Aus der Nähe und bei Tag betrachtet ist die Brücke leider in einem erbärmlichen Zustand…
Nach einer Runde Descansar am Nachmittag habe ich dann zum ersten Mal gesehen, dass bei meinen Gasteltern der Fernseher lief: Papst Johannes Paul II. war verstorben. Luiz hatte kurz zuvor aus Italien angerufen, dass sich schon Menschenmassen am Grabtuch in Turin versammelt hätten.
Abends haben wir uns am Beira-Mar Shopping Center getroffen, um den letzten gemeinsamen Abend in Florianópolis zu verbringen, und zwar im El Divino Club. Es war noch nichts los, so sind wir nach einer Zwischenstation in einem Billardcafé in der Bar vor der Disko gelandet, die aber auch zum Club gehörte. Da haben wir uns irgendwie fest gequatscht und nicht registriert, dass die Schlange draußen länger wurde. Nach endlosem Anstehen waren wir dann drin, aber es war wieder eine Disko, wie ich sie nicht brauche: Viel Eintritt, nur Techno, VIP-Bereich für die Wichtigtuer, also kein Hit.
Am Ende war dann großer Abschied angesagt, morgen gehen diverse Busse in den Norden von Santa Catarina…
Calme!
Heute war unsere letzte Portugiesischstunde. Wir haben Central do Brasil zu Ende geschaut und mittags waren wir mit Cássia essen. Leider hat die Uni für Markus und Ingmar noch immer keine Praktikumsplätze, und selbst Cássia ist sich inzwischen nicht mehr so sicher wie vor einer Woche, dass es noch bis Montag was wird mit den beiden, wenn alle anderen ins Praktikum starten. Ihre Worte: Calme! (Beruhig Dich!)

Markus und Christian mit Cássia in der Estrela, ein Kilorestaurant
Beim Essen erzähle ich Cássia, dass man in Deutschland Leute in den April schickt, so als Brincadera (Witz, Spielchen). Und erzähle ihr von Lorenz’ genialer E-Mail:
Hi folks,
entgegen aller beteuerungen und erwartungen habe ich einen der 18 young forward placement-plätze bei der new yorker headquarter office von standard & poors bekommen. Manchmal hat man eben doch glück. zwar ist der weg zur arbeit mit 60 minuten im auto recht lang, aber wenn die versprochene c-klasse für mich nächsten mittwoch da ist, sollte das doch auch ganz gängig sein.
ich werd übrigens keine urlaubs/praktikumsbilder homepage einrichten, es wird schlicht an der zeit fehlen. „you’ll be too busy for pussy“ – diesen satz aus den fluren des 6th floor sollte ich mir zu herzen nehmen, heisst es.
also, vielleicht sehen wir uns, schließlich wollen viele firmen gerated werden. auch euer praktikumsgeber????
AAA rulz, bis ende september, jetzt muss ich mich erstmal einleben.Euer Lorenz
@ Robin: ich erwarte Dich wie besprochen am jfk airport beim umstieg nach wisconsin. bring bitte die tasche mit, die dir simone übermorgen mitgeben wird.
Woraufhin Anne und Ingmar, die die Mail ebenfalls bekommen haben, erst jetzt merken, dass heute der 1. April ist. Hi Folks!
Nach dem Nachmittagskurs sind wir vier Jungs noch nach Cansasvieiras im Norden der Insel gefahren. Leider ist das Wetter etwas umgeschlagen und der Strand sehr schmal. Nach der Einquartierung in einer spontan gemieteten Ferienwohnung waren wir noch in einem erwähnenswerten Rodízio de Pizza. Nach den üblichen herzhaften Pizzen gibt es noch Süßigkeiten-Pizzen (Banane-Zimt, Erdbeer-Schokoladenstreusel, Schoko-Banane), und wieder einmal heillos überfressen mit der Feststellung, dass Deutsche und Brasilianer gleichermaßen am Buffet bzw. an der Eat-as-much-as-you-can-Politik scheitern. Gut, dass es das in Deutschland nicht so häufig gibt, sonst würde das deutsche Durchschnittsgewicht ähnliche Ausmaße annehmen wie das brasilianische. Wenn die Brasilianer auch die Amis nicht mögen, beim Essen stehen sie ihnen nichts nach.
jwd und Republica
Nach den heutigen Übungen zu Futurformen des Subjontivs haben wir uns abends um 10 in der Bar am Trindade-Platz getroffen. Die besten Leute lernt man ja bekanntlich kennen, wenn man ganz einfach Deutsch spricht, und so haben wir noch zwei Mädels kennen gelernt, von denen eine im brasilianischen Winter in Deutschland in einer Eisdiele eines bayerischen Kurortes arbeitet, um von dem Geld den brasilianischen Sommer am Strand zu verbringen. Auch ein Lebensmodell, denn so ein italienischer Pass habe echt Vorteile, schwärmt sie über ihren italienischen und deutschen Vorfahren, sie müsse sich als Blondine nur die Haare schwarz färben, darauf ständen die Deutschen halt in italienischen Eiscafés. Und das sie kein Italienisch, sondern nur Portugiesisch und gebrochen Deutsch spreche, falle auch niemandem der Kurgäste auf…
Später wollten wir uns mit Juliane in einer Disco namens Terraço Brasil in Cacupé treffen. Als wir dort mit dem Bus angekommen sind, weil es weit abgelegen lag, war das 1. ein Restaurant, und 2. wahrscheinlich noch mehr Schicki-Micki als andere, als wir bisher gesehen hatte. Wenngleich man von dort eine sehr schöne Aussicht auf Florianópolis hat, siehe deren Homepage. Als der Bus, der noch ein Dorf weiterfuhr, wieder umkehrt ist und erneut an der Haltestelle der Terraço Brasil ankam, saßen wir wieder drin und haben uns auf den Rückweg gemacht. Es war der letzte Bus, also war es zumindest kein schmerzhafter finanzieller Verlust, da wir für unseren 2-Minuten-Aufenthalt dort keinen Eintritt bezahlt haben und den letzten Bus noch erwischt haben. Juliane, die uns dort in die Pampa gescheucht hat, war übrigens nicht da. So sind wir dann wieder durch Trindade gezogen und in der Republica-Bar gelandet, eine Kneipe, die studentisch sein soll. Erst war viel Hippi-Hoppi, danach spielte eine Band, und Juliane kam auch noch vorbei. Sie hatte eine Freundin aus Deutschland, Ines, mit dabei und auch Milene, Tatiana und Paolo. Die drei kannten uns, aber wer sind die? Auflösung: Sie waren auch an unserem ersten Abend, dem Churrasco bei Veras Gasteltern dabei, und wir haben uns dort natürlich nicht an alle Leute erinnern können. Milene hat mal ein Semester in Mainz studiert und kannte daher Juliane. Tatiana ist Milenes Schwester, und Paolo ihr Freund.
Auf der Party liefen ein paar Leute rum, die Fotos machten und einem Zettel in die Hand drückten, wo man die Fotos in miserabler Qualität betrachten könne, um sie sich dann Abzüge über das Internet in besserer Qualität zu bestellen. Das gab es Deutschland auch vor ein paar Jahren (Pixelnet), als erst wenige Leute Digitalkameras hatten. Ein solches Foto findet Ihr hier:

