Deutsches Bier

Mitpraktikant Claudio hat ja schon angekündigt, dass er für den Heimweg keine Spritkosten haben möchte, aber gerne mal Deutsches Bier probieren würde. In Blumenau gibt es das bestimmt. Und tatsächlich, im Supermarkt entdecken wir Köstritzer, Erdinger und Warsteiner.
Bis zum Bus vertrödeln Steve und ich noch einige Stunden an diversen Busterminals in Blumenau, ich erwische leider keinen Direktbus nach Floripa, aber das macht nichts, ich habe nicht so viel mitbekommen von der Rückfahrt.

Blumenau

Da geht man zum Hotelfrühstücksbuffet mit Lecker Kuchen im Hermann, grüßt die anwesenden Gäste freundlich mit „Boa dia“, und was antworten sie? – „Moin“. Die Gäste sind drei Männer um die fünfzig aus dem Saarland, einer hat sich gerade pensionieren lassen (meine Vermutung: Alki auf Entzug, der macht’s eh nicht mehr lange) und hat sich deswegen ein Haus in der Nähe von Blumenau gekauft, wo er seinen Lebensabend verbringen will. Der zweite hat eine brasilianische Frau und will mit seinem Betrieb nach Brasilien expandieren. Der Dritte arbeitet noch: bei Decoma, wo auch sonst? Von der pgam-Insolvenzmeldung hatten sie noch nicht gehört, also hatte ich eine Neuigkeit für die Sportsfreunde, übrigens alle gelernte Werkzeugmacher.

Blumenau mit Kathedrale

Danach bin ich dann mit Steve in die Stadt, Christian hat noch was mit seiner Gastfamilie vor und will erst am Nachmittag zu uns stoßen. Ich habe mir eine Telefonkarte gekauft und mal versucht, meinen Onkel Edgar anzurufen, der in Blumenau als Franziskanerpater arbeitet. Die Gemeindesekretärin, die ich am Telefon hatte, sagte mir, es sei ein großes Fest in der Kathedrale von Blumenau, wo Edgar zuvor Pfarrer war, und Edgar sei den ganzen Tag dort. Also auf zur Kathedrale! Dort war tatsächlich eine große Veranstaltung, eine Messe hatte gerade begonnen und wir bekamen Programmhefte in die Hand gedrückt: Ordenação Episcopal. Was konnte das sein? Das Fernsehen war da, die Kirche rappelvoll, mindestens 50 Leute am Altar…
Da es gerade angefangen hatte, haben wir beschlossen, dass die Besichtigung von Blumenau für uns wohl wichtiger ist als die Ordenação Episcopal. Und während wir noch über die Bedeutung des Wortes rätselten, haben wir einen netten, aber menschenleeren Park samt Museumsschiff gefunden, einzig drei Angestellte auf dem alten Dampfer warteten auf mögliche Besucher.
Irgendwann, als wir dachten, jetzt könnte die Messe mal zu Ende sein, sind wir wieder in die Kathedrale – wo übrigens ständig Leute aus- und eingingen – aber sie waren noch nicht wirklich vorangekommen mit der Messe. Also waren Steve und ich zum Safttrinken in einer Bäckerei und haben schon mal mögliche Restaurantes a quilo für das anstehende Mittagessen inspiziert. Als wir zum vierten Mal die Stufen der Kathedrale hinaufstiegen, war die Messe zu Ende und wir hatten auch herausgefunden, dass es sich um eine Bischofsweihe handelte. Wir trafen einen Franziskanerpater, und fragten ihn, ob er Edgar kenne und wisse wo er sich aufhalte. Seine weise Antwort: „Ihr werdet ihn treffen.“ Weitere Minuten vergingen mit Durchfragen, und sicherlich gibt es keine Bischofsweihe ohne einen ordentlichen Festschmaus hinterher. Unser Glück, dass Edgar dort sozusagen Empfangschef war, und uns hereinlotste. „Jungs, holt Euch was zu trinken und seht zu, das ihr was zu essen bekommt, ich muss hier weiter den Empfangschef spielen“. Und schon saßen wir am einzigen freien Tisch, ein Chor sang (es war der Chortisch, an dem wir saßen), und ein alter Mann saß uns gegenüber, der sich über Besuch aus Deutschland freute. Alle schienen ihn zu kennen und wollten ein gemeinsames Foto mit ihm: Es war Cardeal Arns, der lt. Edgar 250 Ehrendoktortitel besitzt. Eine geringfügige Übertreibung, lt. Wikipedia hat er nur zwei. Am morgen beginnenden Konklave zur Papstwahl wird er nicht mehr teilnehmen, da er bereits 84 Jahre alt ist. Während Edgar erzählt, auf diesem Fest seien fast alle wichtigen Leute Blumenaus vertreten, Richter, Staatsanwälte, Polizeipräsidenten, etc., lernen wir weitere wichtige Leute kennen: Mit 40 Leuten aus dem Raum Vechta ist der Bischof von Münster angereist, der mir mit einen äußerst zutreffenden Satz im Gedächtnis blieb: „Brasilien ist ein eigener Kontinent, und dennoch liegen alle Extreme auf dichtestem Raum nebeneinander.“

Edgar

Irgendwann ist Christian noch angekommen, Edgar hat uns ins Auto gesetzt (ein Golf, aus Deutschland importiert und mit hydraulischer Lenkung) und ab ging’s durch Blumenau. Will heißen: Edgar kennt keine neuen deutschen Wörter wie z.B. Servolenkung, weil er bereits seit 47 Jahren in Brasilien ist. Als erstes haben wir gelernt, was ein „Weichensteller“ ist: Sein Nachfolger in der Kathedrale. Dann waren wir bei ihm der Gemeindekirche, und haben besichtigt, was er schon alles renoviert hat. Ist wirklich schick dort. Und auch die nächsten Bauprojekte stehen schon an: „Als nächstes reiß’ ich hier die ganzen Palmen weg und mache Parkplätze daraus“ – „Aber Edgar, lass doch die Bäume stehen, sieht doch gut aus“ – „Nix, die Kirchbesucher sollen ihre Autos auf dem Gelände parken, dann machen wir bei Messebeginn das Tor zu, es wurden schon Autos von der Straße geklaut, während wir Messe feierten! Da kann ich besser mal jemandem 10 Reais in die Hand drücken, der während der Messe auf die Kisten aufpasst. Und die Palmenblätter fallen herab und zerstören die Autodächer, die Palmen müssen also weg…“. Aha. Hinter der Kirche gibt es ein großes Gelände zum gemütlichen Beisammensein, irgendwann bald ist Pfarrfest und da wird es aus allen Churrascoöfen nur so qualmen.

Oktoberfest in Blumenau, Brasiliens größtes Volksfest

Nächste Station war das Oktoberfestgelände. Wer mal in München war: Blumenau steht dem nichts nach, nur dass die Zelte in München in Blumenau feste Hallen sind, teilweise groß wie Fußballstadien. Und vorne vor westfälisches Fachwerk: außen hui, innen pfui.
Wieder im Auto will uns Edgar jetzt noch Armen- und Reichenviertel zeigen. Nach einer Vollbremsung (Radarfalle, „und den neuen Polizeichef kenne ich noch nicht gut“) und einigen Umwegen erreichen wir tatsächlich einen tollen Aussichtspunkt, wo die Straße Reichenviertel vom Slum teilt. Alle Extreme auf dichtestem Raum nebeneinander. Wie immer in Brasilien.
Danach lädt uns Edgar noch zu sich nach Hause ein, er wohnt mit einigen Mitbrüdern im 4. und 6. Stock eines Hochhauses, das nur 6 Stockwerke hat, dafür hat der sechste Stock eine Dachterrasse mit Swimmingpool. „Aber den nutzen wir kaum, keine Zeit“. In seiner Wohnung im 4. Stock gibt es noch etwas zu trinken und deutschen Bienenstich, wir lassen uns noch erläutern, dass hier alles über gute Freunde geht: Das ganze Essen für die Bischofsweihe habe er irgendwoher organisiert, und für einen guten Kumpel hat er neulich dessen Silberhochzeit in seiner Danceteria (Diskothek) zelebriert…

oben auf der Dachterasse

Edgar hat und noch zum Hotel Hermann zurückgefahren und eines ist sicher: Wir werden ihn wiedertreffen.
Am Abend sind wir dann über eine Zwischenstation in der Tulpa noch in ein Pizza-Rodízio gegangen. Ich schätze mal Blumenaus größtes Restaurant außerhalb des Oktoberfestgeländes. Die Pizza war gut, aber irgendwann reicht es einfach. Zumindest ich habe mich heillos überfressen, aber festgestellt, dass sowohl Deutsche als auch Brasilianer am Buffet scheitern. Pizza-Rodízio brauche ich in den nächsten Wochen nicht mehr!
Auf dem Weg zum Oktoberfestgelände, wo heute ein Konzert stattfinden soll, waren wir noch in einer weiteren Kneipe, und kamen dann auf dem Gelände an, wo wir dank Internationalem Studentenausweis für 10 Reais eintreten durften. Doch halt: erst in die Schlange angestellt. Eigentlich gab es zwei, eine die für Männlein und eine für Weiblein, wegen den Eintrittskontrollen. Innendrin gab es ein Wettbewerb von Uni-Bands, etwas ärgerlich war, dass sie alle nur für in Lied auftraten. Der Headliner des Abends waren dann die Detonautas, eine in Brasilien recht bekannte Rockband mit ziemlich cooler Internetseite.
Irgendwann spät haben Steve und ich uns auf den Rückweg zum Hermann gemacht, und noch kurz in einer Lanchonette vorbeigeschaut. Fazit: Zweifelsohne unser bisher erlebnisreichster Tag.

Auf dem Weg nach Blumenau

Heute morgen kam Sandro, der Hardwaretechniker, vorbei und hat nun endlich die Netzwerkdose angeklemmt, so dass ich jetzt Internet auf der Arbeit habe. Es mussten noch einige Einstellungen vorgenommen werden, jetzt kann ich mich mit meinem eigenen Benutzernamen im Olsen-System anmelden, und das dauert seine Zeit, schließlich musste ich ihm die deutschen Bildschirmmeldungen erst einmal auf Portugiesisch übersetzen, und der Vormittag ging blitzschnell vorbei. Am Freitagmittag habe ich mir in der Mittagspause telefonisch ein Ticket für den Direito (Direktbus) nach Blumenau bestellt, sehr problemlos und das erste Mal, dass ich mit meinem guten Namen gezahlt habe. Problematischer wurde es dann, zur Rodoviária zu kommen: Zum Überstunden abbauen hatte ich etwas eher frei bekommen, leider ließ der ansonsten stets pünktliche Bus von Jardim Eldorado nach Florianópolis auf sich warten, da es ein Stau auf der BR-101 gab. So blieb mir nichts anderes übrig, als auf die andere Seite der Schnellstraße zu laufen und den Daumen herauszuhalten. Alle Autos fuhren vorbei, der Uhrzeiger ging auf 17 Uhr zu, um 17:45 Uhr sollte mein Bus abfahren. An einer nahe gelegenen Tankstelle habe ich dann aus Verzweiflung die Tankenden angesprochen, und hatte gleich beim ersten Auto Glück: Ein Pensionär und sein Sohn, die aus der Nähe von Brasilia kamen und in Palhoça zum Fischen waren, nahmen mich mit. Ich habe selten Personen in Brasilien getroffen, die ich so klar und deutlich verstehen konnte und mit denen ich mich auf Anhieb so flüssig verständigen konnte. Ein echter Glücksfall, dieses Tramperlebnis! Meinen Bus habe ich noch locker erreicht, und beschlossen, dass ich unbedingt mal nach Brasilia muss, nicht nur wegen der Architektur, sondern wegen der flüssigen Aussprache.
Somit hatte ich noch etwas Zeit an der Rodoviária, und habe erstmals meine Prepaid-Karte aufladen müssen, was mit einiger Hilfe des entspannten Kioskbesitzers auch geklappt hat. Leider verpasse ich heute die Abschiedsparty von Juliane, die in Lagoa de Conçeião heute ihren Ausstand feiert und morgen wieder zurück nach Deutschland fliegt. Que pena! = wie ärgerlich.
Dafür treffe ich mich abends mit Steve und Christian in Blumenau, die mich in den Biergarten „Eisenbahn“ lotsen wollten. Leider heißt der Biergarten „Biergarten“, und Eisenbahn ist die Blumenauer Brauerei, so dass ich beim Durchfragen doch einigermaßen auf Probleme stoße. Egal, nach einigen Busrunden treffe ich die beiden dann eine Kneipe weiter, in der Tulga gegenüber der Kathedrale. Steve hat bereits ein Zimmer im Backpackers-„Hotel Hermann“ gebucht, und nachdem wir dann noch einmal kurz im Biergarten waren, sind wir dann auch ins Hotel. Das war auch im Nachhinein betrachtet besser so, denn es sollte uns ein spannender Samstag erwarten.


Hotel Hermann: Ausnahmsweise mal ein wirklich historisches Fachwerkhaus

*1979 pgam †2005

So ganz überraschend kam die Meldung ja nicht: Nachdem pgam per Ad-Hoc-Meldung bereits im März auf einen erheblichen Wertberichtigungsbedarf hingewiesen hatte, kam heute die Insolvenzmeldung meines Ausbildungsbetriebes. Ein weiteres Mal bin ich sehr glücklich, dass ich beim Börsengang im Herbst 2000 keine pgam-Aktien gekauft habe.

Kursverlauf der pgam-Aktie vom Börsengang bis zur Insolvenz

Olsen wurde 1978 gegründet, ist in alleinigem Besitz von Cesar Olsen und hat somit pgam heute überlebt.

Sorry, ich hänge mit dem Blog inzwischen mehr als zwei Wochen hinterher. Ich habe eine stichpunktartige Liste zu jedem Tag, die ich jetzt abklappern werde. Die letzten Wochen waren wegen Vorstellungsgespräch, letzten Portugiesischkursen und Arbeitsbeginn recht anstrengend, so dass ich wenig Zeit zum Schreiben gefunden habe. Jetzt arbeite ich schon, und zwar bei Olsen, dem Zahnarztstuhlhersteller, und alle sind im Praktikum. D.h. da wird es natürlich potentiell etwas alltäglicher, und ich kann das Schreiben nach und nach aufarbeiten. Am vergangenen Wochenende habe ich bereits die dritte Märzwoche aufgearbeitet, da wird jetzt Tag für Tag ein Artikel folgen. Seht weiter unten!

Kochen bei Juliane

Markus hatte heute seinen ersten Arbeitstag. Bei Eletrosul, leider ohne jegliche Vergütung. Kein Gehalt, kein Essenszuschuss, kein Busticket.
Denn das bekomme ich, denn heute habe ich meinen Arbeitsvertrag unterzeichnet bekommen. Von Cesar Olsen persönlich. Névio, der Personalleiter hat mit mir ausführlich alles durchgesprochen, ich habe jetzt eine Cartão de Ponte, eine Zeiterfassungskarte. Es ist übrigens nur möglich innerhalb bestimmter Zeitfenster zu stempeln (z.B. 7:55 bis 8:00 Uhr morgens – danach wird die Uhr inaktiviert. Wer zu spät kommt, oder eher gehen will, muss ein Formular ausfüllen, welches Hélvio unterschreiben muss.)
Außerdem bekomme ich Wertmarken für den Bus nach Palhoça sowie bald eine Chipkarte für den Stadtbus in Florianópolis, die Olsen auflädt.
Inzwischen hat Marcelo auch mein Dotproject installiert, aber zwei Tage lang kämpfe ich mit portugiesischen Sonderzeichen (ã, õ, ç und so), und die kommen häufig vor. Für den Desbobinador habe ich einige Prinzipskizzen angefertigt.


Vera, Anna, Rika, Takuyo, …, Ines und Markus

Nach Feierabend lässt mich Claudio am Roturna (Kreisverkehr) bei Eletrosul raus und ich laufe zu Juliane, die ja auch bei Angela und Delmo, den Gasteltern von Vera und Sebastian wohnt. Sie beherbergen übrigens so etwa sechs internationale Studenten: Anna wonht noch dort und letzte Woche sind zwei Japaner eingezogen, Takuyo und Rika.


die dortigen Gasteltern Delmo und Angela sowie MMG und Juliane

Jeder muss regelmäßig ein typisches Gericht aus der Heimat kochen – heute ist Juliane an der Reihe und es gibt Kartoffelbrei mit Sauerkraut. Da Juliane eine verkappte Thüringerin ist, in der Version „Himmel und Erde“ – Kartoffelbrei mit Apfelmus. Würstchen dürfen auch nicht fehlen. Ines, Milene, Tatiana und Paolo sind ebenfalls dabei. Als ich gerade gehen wollte, komme ich irgendwie noch richtig nett mit ihnen ins Gespräch, und kann bei ihnen Carona nehmen.

Paolo, Tatiana, Sebastian, Vera, …, Markus, Milene

Praia Joaquina

„Das hätte ich Euch vorher sagen können, dass in der Vermelinha nichts los sein würde“, erzählt uns Michelle am Frühstückstisch. Unter der Woche sei viel los, aber am Wochenende feiere man in Lagoa de Conceição. Michelle wird auch an diesem Sonntag in die Uni gehen und Vorlesungen vorbereiten, und Luiz schlägt vor, er könne uns zum Strand bringen.
Unterwegs tanken wir: Man zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss, drückt ihn mitsamt Kreditkarte dem Tanklakaien in die Hand und muss nur noch „Volltanken“ sagen, und bleibt im Wagen sitzen. Der PC mit Kreditkartenterminal befindet sich direkt an der Zapfsäule. Sobald die Zahlung von der Karte erfolgt ist, erhält man Kreditkarte und auch Zündschlüssel zurück. Luiz erzählt, eine Tankstelle habe den Sprit mal ein paar Centavos günstiger angeboten, aber die Leute mussten aussteigen und selbst tanken. Das Konzept sei nicht aufgegangen, heute ist an der Tankstelle wieder pro Zapfsäule eine Person beschäftigt.
Am Strand ist auch erst einmal descansar angesagt, und es gibt lecker Água de Coco. Leider fahren von der Praia Joaquina viel zu wenig Busse zurück nach Florianópolis, so dass wir erstmals den Daumen raushalten. Nach weniger als zehn vorbeifahrenden Autos nehmen auf der Rückbank eines kleinen Fiat Palio Platz – eingequetscht zwischen zwei Surfbretten, die dem jungen Pärchen vorn gehören und die Bedienung der Gangschaltung bereits ohne uns behindert hätten.
Luiz hatte zuvor zum Volleyballspielen mit Freunden aus der Studentengemeinde im botanischen Garten eingeladen, und so spiele ich noch ein wenig mit ihnen, auch wenn ich mit meinen grobmotorischen Fähigkeiten eher einen besseren Balljungen abgebe.
Am Abend waren wir dann noch gemeinsam in der Kirche.

Descansar und Weinlokal

Nachdem die erste Arbeitswoche nun vorbei ist, bin ich trotz des vielen Rumsitzens ziemlich kaputt. Heute habe ich als ausgeschlafen. Erst abends bin ich aus dem Haus, und habe mich mit Markus, Vera und Sebastian, Anne und Ingmar in der Pipa, einem kleinen gemütlichen Weinlokal in Trindade getroffen. Vera und Sebastian sind von ihrer Reise zum Amazonas zurück und berichten ausführlich. Abends waren wir noch im Red Café, auch Vermelinha genannt (Rot heißt vermelho, und –inho/inha ist die Verniedlichungsform). Es ist eine kleine Disko in Santa Mônica, leider war aber nichts los. Komisch eigentlich, ich habe schon häufiger lange Schlangen davor gesehen. Markus übernachtet bei mir, denn morgen wollen wir zum Strand.

Arbeitsaufgabe: Rationalisierung in der Produktion

Heute hat Hélvio mich und Simone noch einmal mit in die Werkstatt, genauer gesagt in die Abteilung Pré-Corte, etwa Grobbearbeitung und Zuschnitt, mitgenommen. Diese Abteilung, in der es aufgrund von Bandsägen, Exzenterpressen und sonstigen Maschinen zur Grobbearbeitung etwas lauter, schmutziger und grober zugeht, ist vom eigentlichen Produktionsprozess der medizinischen Produkte räumlich getrennt und befindet sich in einer älteren Produktionshalle. Heute befindet sich hier das Lager für Wareneingang und Fertigprodukte, die Verpackungsabteilung mit der Palettentischlerei (ja, die werden schön selbst hergestellt). Bis 2002 befand sich die gesamte Produktion in dieser Halle, die neue Halle, wo heute die Stühle zusammengebaut werden, ist mal eben dreimal so groß – und es dauert nicht mehr lange, dann wird auch diese Halle aus allen Nähten platzen.
Aufgrund der anhaltenden Unternehmensexpansion treten an vielen Maschinen in der Abteilung Pré-Corte Engpässe auf, die wir durch kleine Maßnahmen beheben sollen. So werden für die Herstellung eines Blechteils zwei Arbeitsschritte benötigt: An einer Blechschere (sehr treffen Guilhotine genannt) wird eine Blechplatte in Streifen geschnitten, und an einer Exzenterpresse der Streifen zu Werkstücken verarbeitet. Da böte es sich doch an, den Stahl als Kaltband von der Rolle (bobina) zu kaufen und eine Maschine zu bauen, die diese Rolle abwickelt (ein desbobinador) und den Streifen der Presse zuführt (Alimentador). Schon ist mein Arbeitsgebiet umrissen, und das Wochenende steht vor der Tür.

Ausführlicher Rundgang durch die Produktion

Jetzt kenne ich viel mehr technische Vokabeln als noch letzte Woche. Denn ich laufe mit Uilians durch die Produktion. Er zeigt mir den Werkzeugbau und erklärt mir einige aktuelle Probleme beim Bau einer Vorrichtung für die Linkshänderversion eines Zahnarztstuhles. Bisher war mir die Existenz solcher Stühle unbekannt, bei denen der Zahnarzt tatsächlich auf der linken Seite des Patienten Platz nimmt und sich die Wassereinheit zur Rechten des Patienten befindet.


Zahnarztstuhl Anti-Stress, mit Rückenmassage in der Lehne

Abends habe ich erstmals bei Mitpraktikant Claudio Carona genommen, der in Pantanal in der Nähe der UFSC wohnt. Von dort aus kann ich nach Hause laufen, und muss nicht mehr mit dem Bus durch die Slums fahren. Meistens fährt Rodrigo, der in Corrego Grande wohnt, auch noch mit, und hin und wieder Jones, ein älterer Konstrukteur, der danach noch mit dem Bus weiter bis Lagoa de Conceição fährt.
Heute fahre ich jedoch nur bis zum TICEN mit, denn ich treffe mich dort mit Markus und Ingmar. Sie waren die Woche über bei verschiedenen Vorstellungsgesprächen, ohne Erfolg. Aber heute war Ingmar noch mal Cássia, die über verschiedene Kanäle irgendwie an einen Praktikumsplatz in Resende, RJ gekommen ist. RJ steht für den Bundesstaat Rio de Janeiro, 15 Busstunden von Florianópolis entfernt. Das ganze soll in einem Kernforschungszentrum sein – Ingmar ist begeistert, Anne weniger. Ob es an der Distanz oder der Strahlenangst liegt, wird ihr Geheimnis bleiben.
Markus wird mit großer Wahrscheinlichkeit bei Eletrosul anfangen. Carlos sen., sein brasilianischer Gastvater, arbeitet seit 20 Jahren bei Südbrasiliens staatlichem Energiekonzern und versucht gerade, dort einen Praktikanten unterkriegen.
Markus, Anne, Ingmar und ich versuchen im Zentrum noch ein Pizza-Rodízio zu finden, die sind aber alle ziemlich teuer, und so beschließen wir in das Restaurant zu gehen, wo ich mit Michelle und Cássia bereits am Sonntag war. Dort teilen wir uns zwei große Pizzen, habe urige italienische Atmosphäre und das ist auf jeden Fall gemütlicher als in den Rodízio-Ketten.