Da geht man zum Hotelfrühstücksbuffet mit Lecker Kuchen im Hermann, grüßt die anwesenden Gäste freundlich mit „Boa dia“, und was antworten sie? – „Moin“. Die Gäste sind drei Männer um die fünfzig aus dem Saarland, einer hat sich gerade pensionieren lassen (meine Vermutung: Alki auf Entzug, der macht’s eh nicht mehr lange) und hat sich deswegen ein Haus in der Nähe von Blumenau gekauft, wo er seinen Lebensabend verbringen will. Der zweite hat eine brasilianische Frau und will mit seinem Betrieb nach Brasilien expandieren. Der Dritte arbeitet noch: bei Decoma, wo auch sonst? Von der pgam-Insolvenzmeldung hatten sie noch nicht gehört, also hatte ich eine Neuigkeit für die Sportsfreunde, übrigens alle gelernte Werkzeugmacher.

Blumenau mit Kathedrale
Danach bin ich dann mit Steve in die Stadt, Christian hat noch was mit seiner Gastfamilie vor und will erst am Nachmittag zu uns stoßen. Ich habe mir eine Telefonkarte gekauft und mal versucht, meinen Onkel Edgar anzurufen, der in Blumenau als Franziskanerpater arbeitet. Die Gemeindesekretärin, die ich am Telefon hatte, sagte mir, es sei ein großes Fest in der Kathedrale von Blumenau, wo Edgar zuvor Pfarrer war, und Edgar sei den ganzen Tag dort. Also auf zur Kathedrale! Dort war tatsächlich eine große Veranstaltung, eine Messe hatte gerade begonnen und wir bekamen Programmhefte in die Hand gedrückt: Ordenação Episcopal. Was konnte das sein? Das Fernsehen war da, die Kirche rappelvoll, mindestens 50 Leute am Altar…
Da es gerade angefangen hatte, haben wir beschlossen, dass die Besichtigung von Blumenau für uns wohl wichtiger ist als die Ordenação Episcopal. Und während wir noch über die Bedeutung des Wortes rätselten, haben wir einen netten, aber menschenleeren Park samt Museumsschiff gefunden, einzig drei Angestellte auf dem alten Dampfer warteten auf mögliche Besucher.
Irgendwann, als wir dachten, jetzt könnte die Messe mal zu Ende sein, sind wir wieder in die Kathedrale – wo übrigens ständig Leute aus- und eingingen – aber sie waren noch nicht wirklich vorangekommen mit der Messe. Also waren Steve und ich zum Safttrinken in einer Bäckerei und haben schon mal mögliche Restaurantes a quilo für das anstehende Mittagessen inspiziert. Als wir zum vierten Mal die Stufen der Kathedrale hinaufstiegen, war die Messe zu Ende und wir hatten auch herausgefunden, dass es sich um eine Bischofsweihe handelte. Wir trafen einen Franziskanerpater, und fragten ihn, ob er Edgar kenne und wisse wo er sich aufhalte. Seine weise Antwort: „Ihr werdet ihn treffen.“ Weitere Minuten vergingen mit Durchfragen, und sicherlich gibt es keine Bischofsweihe ohne einen ordentlichen Festschmaus hinterher. Unser Glück, dass Edgar dort sozusagen Empfangschef war, und uns hereinlotste. „Jungs, holt Euch was zu trinken und seht zu, das ihr was zu essen bekommt, ich muss hier weiter den Empfangschef spielen“. Und schon saßen wir am einzigen freien Tisch, ein Chor sang (es war der Chortisch, an dem wir saßen), und ein alter Mann saß uns gegenüber, der sich über Besuch aus Deutschland freute. Alle schienen ihn zu kennen und wollten ein gemeinsames Foto mit ihm: Es war Cardeal Arns, der lt. Edgar 250 Ehrendoktortitel besitzt. Eine geringfügige Übertreibung, lt. Wikipedia hat er nur zwei. Am morgen beginnenden Konklave zur Papstwahl wird er nicht mehr teilnehmen, da er bereits 84 Jahre alt ist. Während Edgar erzählt, auf diesem Fest seien fast alle wichtigen Leute Blumenaus vertreten, Richter, Staatsanwälte, Polizeipräsidenten, etc., lernen wir weitere wichtige Leute kennen: Mit 40 Leuten aus dem Raum Vechta ist der Bischof von Münster angereist, der mir mit einen äußerst zutreffenden Satz im Gedächtnis blieb: „Brasilien ist ein eigener Kontinent, und dennoch liegen alle Extreme auf dichtestem Raum nebeneinander.“

Edgar
Irgendwann ist Christian noch angekommen, Edgar hat uns ins Auto gesetzt (ein Golf, aus Deutschland importiert und mit hydraulischer Lenkung) und ab ging’s durch Blumenau. Will heißen: Edgar kennt keine neuen deutschen Wörter wie z.B. Servolenkung, weil er bereits seit 47 Jahren in Brasilien ist. Als erstes haben wir gelernt, was ein „Weichensteller“ ist: Sein Nachfolger in der Kathedrale. Dann waren wir bei ihm der Gemeindekirche, und haben besichtigt, was er schon alles renoviert hat. Ist wirklich schick dort. Und auch die nächsten Bauprojekte stehen schon an: „Als nächstes reiß’ ich hier die ganzen Palmen weg und mache Parkplätze daraus“ – „Aber Edgar, lass doch die Bäume stehen, sieht doch gut aus“ – „Nix, die Kirchbesucher sollen ihre Autos auf dem Gelände parken, dann machen wir bei Messebeginn das Tor zu, es wurden schon Autos von der Straße geklaut, während wir Messe feierten! Da kann ich besser mal jemandem 10 Reais in die Hand drücken, der während der Messe auf die Kisten aufpasst. Und die Palmenblätter fallen herab und zerstören die Autodächer, die Palmen müssen also weg…“. Aha. Hinter der Kirche gibt es ein großes Gelände zum gemütlichen Beisammensein, irgendwann bald ist Pfarrfest und da wird es aus allen Churrascoöfen nur so qualmen.

Oktoberfest in Blumenau, Brasiliens größtes Volksfest
Nächste Station war das Oktoberfestgelände. Wer mal in München war: Blumenau steht dem nichts nach, nur dass die Zelte in München in Blumenau feste Hallen sind, teilweise groß wie Fußballstadien. Und vorne vor westfälisches Fachwerk: außen hui, innen pfui.
Wieder im Auto will uns Edgar jetzt noch Armen- und Reichenviertel zeigen. Nach einer Vollbremsung (Radarfalle, „und den neuen Polizeichef kenne ich noch nicht gut“) und einigen Umwegen erreichen wir tatsächlich einen tollen Aussichtspunkt, wo die Straße Reichenviertel vom Slum teilt. Alle Extreme auf dichtestem Raum nebeneinander. Wie immer in Brasilien.
Danach lädt uns Edgar noch zu sich nach Hause ein, er wohnt mit einigen Mitbrüdern im 4. und 6. Stock eines Hochhauses, das nur 6 Stockwerke hat, dafür hat der sechste Stock eine Dachterrasse mit Swimmingpool. „Aber den nutzen wir kaum, keine Zeit“. In seiner Wohnung im 4. Stock gibt es noch etwas zu trinken und deutschen Bienenstich, wir lassen uns noch erläutern, dass hier alles über gute Freunde geht: Das ganze Essen für die Bischofsweihe habe er irgendwoher organisiert, und für einen guten Kumpel hat er neulich dessen Silberhochzeit in seiner Danceteria (Diskothek) zelebriert…

oben auf der Dachterasse
Edgar hat und noch zum Hotel Hermann zurückgefahren und eines ist sicher: Wir werden ihn wiedertreffen.
Am Abend sind wir dann über eine Zwischenstation in der Tulpa noch in ein Pizza-Rodízio gegangen. Ich schätze mal Blumenaus größtes Restaurant außerhalb des Oktoberfestgeländes. Die Pizza war gut, aber irgendwann reicht es einfach. Zumindest ich habe mich heillos überfressen, aber festgestellt, dass sowohl Deutsche als auch Brasilianer am Buffet scheitern. Pizza-Rodízio brauche ich in den nächsten Wochen nicht mehr!
Auf dem Weg zum Oktoberfestgelände, wo heute ein Konzert stattfinden soll, waren wir noch in einer weiteren Kneipe, und kamen dann auf dem Gelände an, wo wir dank Internationalem Studentenausweis für 10 Reais eintreten durften. Doch halt: erst in die Schlange angestellt. Eigentlich gab es zwei, eine die für Männlein und eine für Weiblein, wegen den Eintrittskontrollen. Innendrin gab es ein Wettbewerb von Uni-Bands, etwas ärgerlich war, dass sie alle nur für in Lied auftraten. Der Headliner des Abends waren dann die Detonautas, eine in Brasilien recht bekannte Rockband mit ziemlich cooler Internetseite.
Irgendwann spät haben Steve und ich uns auf den Rückweg zum Hermann gemacht, und noch kurz in einer Lanchonette vorbeigeschaut. Fazit: Zweifelsohne unser bisher erlebnisreichster Tag.
