Auf der Arbeit war ich heute fast den ganzen Tag in der Werkstatt – wie soll man auch sonst ohne Computer den Tag rumkriegen? Es war sogar ganz interessant, aber Qualitätsmanagement ist sicherlich auf Dauer nichts für mich: Das heißt messen und Datenknecht sein.
Abends hat mich Claudio am TICEN raus gelassen, von wo ich mit dem Bus zum Aeroporto Hercílio Luz weiterfahren wollte. Dieses Mal haben demonstrierende Studenten die Schnellstraße von der Brücke zum Tunnel in den Süden der Insel, wo auch der Flughafen liegt, lahm gelegt. Vom TICEN fahren keine Busse in Richtung Süden, und das Verkehrschaos in der Stadt beruhigt mich nur insoweit, dass ich auch mit einem Taxi nicht schneller wäre und meinen Flieger um 21:05 Uhr schon davonbrausen sehe. Irgendwie schlage ich mich zur letzten Auffahrt vor dem Tunnel durch, wo die Busgesellschaft Insular, die den Süden der Insel anfährt, spontan heute Abend abfährt – wie ich wollen nämlich auch viele Tausend Pendler raus aus der Stadt. In einen derart überfüllten Bus quetsche ich mich mit Sack und Pack, und komme, Trommelwirbel, als erster am Flughafen an.
Wer kommt noch? Vera und Sebastian von den TUs Ilmenau und Dresden, Rika und Takuya aus Japan, Anna aus den Niederlanden und natürlich Tatiana und Milene. Sie kennen wir glaube ich ursprünglich über Juliane, und bei Patricia, der Schwester von Tatiana und Milene, sind wir heute eingeladen. Während wir so auf den Flieger aus Buenos Aires zum Weiterflug nach São Paulo warten, wird es Zeit, den Flughafen von Florianópolis näher zu beschreiben: Er ist ziemlich klein, und unser Flug ist der letzte für heute. Dementsprechend hoch motiviert sind alle Mitarbeiter der Billigfluglinie GOL, was zu Deutsch Tor heißt. Der Abflugbereich fasst maximal 100 Leute, und man läuft zu Fuß über das Vorfeld zum Flugzeug hin. Außerdem gibt es keine Taxiway, sondern nur die eine Start- und Landebahn. Der ankommende Flieger muss also auf der Landebahn wenden, bevor er uns in Empfang nehmen kann. Ich nehme am Fenster neben Takuya Platz, im Flugzeug reichen uns wahrliche Models Guaraná, Müsliriegel und Erdnüsse. Nach einer Dreiviertelstunde Flug über das Meer taucht am Horizont São Paulo auf, und die nächsten zehn Minuten fliegen wir über die Stadt. Zum Vergleich: Wer in Frankfurt startet, ist nach zwei Minuten mitten über dem Odenwald. Am Flughafen erwarten uns Patricia und Alexandre, ihr Mann. Sie haben für den Abend einen Kleinbus gemietet (mit Fahrer – wie immer in Brasilien, weil: der kostet doch nichts) und durch nächtliche, riesengroße Ausfallstraßen mit noch größeren Schlaglöchern geht es in einstündiger Fahrt über die betagte Via Dutra, Brasiliens wichtigste Autobahnverbindung zwischen Rio de Janeiro und São Paulo, bis nach São José dos Campos, wo Patricia und Alexandre wohnen. Dort angekommen, wird schon mal ein Bierchen der Marke „Baden Baden“ geöffnet, und Alexandre erzählt von seinem Praktikum bei einem großen europäischen Luftfahrzeughersteller in Deutschland und in Frankreich. Deshalb wohnen die beiden auch in São José dos Campos, denn hier befindet sich der Hauptsitz von Embraer, der brasilianischen Luftfahrtschmiede, wo er heute arbeitet. Im Scherz beklagt sich Alexandre darüber, dass er im Praktikum in Deutschland kaum Deutsch gelernt hätte, dafür jedoch seine Englischkenntnisse gut erweitern konnte.
Tandempartnerschaft und Sushi
Abends habe ich mich wieder mit Vilson, dem Deutschlehrer, im Sprachzentrum getroffen. Wir werden ein Programm machen, was sich Tandempartnerschaft nennt: Man trifft sich, und redet die Hälfte der Zeit auf Portugiesisch, die andere auf Deutsch, über irgendwelche Themen, die einem gerade einfallen. Über die Wahlen für den StuRa in Florianópolis sind wir zum Fußball gekommen, und diskutierten über die Mehrdeutigkeit des Wortes „unentschieden“: Eine Personen kann (un-)entschieden sein (uma pessoa (in-)decidida), und eine Sache kann bisher nicht entschieden sein, dann heißt es indeciso. Ein Fußballspiel kann unentschieden enden (o jogo terminou empatado) – empate heißt Gleichstand. Daher kann eine Person niemals empatada sein.
Auch lernte ich weitere Feinheiten der Sprache: Ein Fußballspiel endet 3 zu 1, auf portugiesisch três a um. Aber ein Verhältnis (z.B. beim Mischen von Flüssigkeiten) ist 3 para 1, im Deutschen ebenfalls 3 zu 1.
Jetzt weiß Vilson, dass eine Kommune in Deutschland nicht nur die Stadt- oder Gemeindeverwaltung ist, sondern auch das 70er-Jahre Kultwort für Wohngemeinschaft, als die RAF die Schlagzeilen beherrschte.
Zur Deutschstunde bin ich heute nicht geblieben, habe mich aber statt dessen mit Vera, Sebastian, Anna, Rika, Takuyo und Dominik in einer Sushi-Bar in Lagoa de Conceição getroffen. Irgendwann sind auch noch Felipe und seine Freundin aus Maranhão hinzu gestoßen. In der Sushi-Bar gab es Gott sei Dank noch andere Sachen außer Rodízio de Sushi, so wählte ich ein japanisches Nudelgericht mit Gemüse und Hühnerfleisch, sehr schmackhaft.

Anna, Sebastian und Vera sind fast noch größere Sushifreunde als unsere beiden Japaner…
Dominik, der Physikstudent aus Freiburg, genießt seine letzte Woche in Floripa und versucht noch gerade krampfhaft, sein Surfbrett an den Mann zu bringen, bevor er sich wieder zu endlosen Messungen in sein UFSC-Physiklabor verkriecht:-)
Tja, und wir anderen sind schon ziemlich gespannt, schließlich wird es ein verlängertes Wochenende in São Paulo geben, wofür wir irgendwann mal im April die Tickets gekauft haben – ihr erinnert Euch? Aber eigentlich geht es nur in den Bundesstaat São Paulo, genauer gesagt nach São José dos Campos und nach Campos de Jordão. Ich melde mich, wenn ich wieder da bin.
Ein Montag wie jeder andere
Heute hat Wanderlei, meine Stammcarona nach Norden, gekündigt. Die lange Fahrt am Wochenende war ihm zu weit, und er hat in Joinville einen anderen Job gefunden. Das ist natürlich ein echter Verlust, und bei den Kündigungsfristen hier hat er morgen seinen letzten Arbeitstag. Ich habe mich derweil mal ein bisschen in die Statistische Prozessregelung eingearbeitet, die ja Adrián und Liliana hier einführen wollen. Ich erstelle gerade die Excel-Vorlagen dafür, das ist einigermaßen langweilig. Immerhin lerne ich ein paar vertiefende Excel-Funktionen. Schade, jetzt bräuchte ich Kenntnisse in Makroprogrammierung und VBA (Visual Basic for Applications).
Abends habe ich mich noch mit Markus getroffen. Langsam nimmt die Wohnungssuche Gestalt an. Sobald alles unter Dach und Fach ist, mehr auf dieser Welle.
Churrasco com Ricardo
So ein Tag kommt natürlich selten schwer in Gang. Ricardo hatte einige Tage zuvor Geburtstag, wegen einer Erkältung aber bisher nicht feiern können. Das hat er heute mit einigen seiner Freunde und uns nachgeholt.

Auf die Grundbedürfnisse reduziert: Bier, Grillen, Formel 1
Es gab Fleisch. Nur Fleisch. Kein Salat, keine Teller, keine Saußen. Aber lecker, nicht zuletzt weil auf Gaúcho-Art: in groben Salzkörnern paniert wird das Fleisch auf einen Grillrost gelegt, anstatt auf einen Spieß aufgesteckt. Einige Sachen werden auch aufgespießt, und später auf dem Rost weiter gebraten. Zwischendurch wechseln wir uns alle mal am Skype ab, synchronisieren mal wieder unsere Fotobestände und irgendwann abends mache ich mich mit Christian auf den Weg zur Rodoviária.
Jaraguá do Sul
Nach dem hastigen Frühstück in Christians Gastfamilie bringt uns der Gastbruder in die Stadt, und an der Rodoviária geht’s in den Pinga-Pinga, den Bummelbus nach Jaraguá. Für die 70 km braucht der mehr als 1,5 Stunden und hält an jeder Landbushaltestelle. Nach der Ankunft in Steves Wohnung, er wohnt mit Ricardo, einem weiteren WEG-Mitarbeiter zusammen in einer WG, machen wir uns nach einer Zwischenstation in einer Lanchonette auf den Weg zum Treffpunkt mit Wilson Bruch. Bruchi, so wird er hier ausgesprochen, ist ebenfalls ein Kollege von Steve und ehrenamtlicher Organisator des Jaraguáer Schützenfestes.

Bruch und Steve
Dahinter stehen einige Vereine, und Bruch engagiert sich im größten dieser Vereine, dem Clube Atlético Baependi. Es ist eine Mischung aus Karnevals- und Sportverein mit eigenem Stadion und Schwimmbad, und einem riesengroßen edlen Vereinshaus, wo heute eine vereinsinterne Feier stattfinden wird. Bruch hat uns eingeladen, und wir sind dabei. Zuerst gibt es einen Festumzug durch die Stadt, das ganze erinnerte etwas an eine Burschenschaftsprozession. In der Sociedade angekommen, gab es reichlich zu Essen und zu trinken. Dann kamen die Ehrungen für die besten Vereinsportler des Jahres, von Schwimmern, Keglern, Tischtennisspielern bis Schützen. Natürlich durfte dort unserer Schützenmeister, das ist der Titel von Bruch, auf dem Podium nicht fehlen. Schließlich wurde noch eine Misswahl durchgeführt, leider waren nur wenige junge Leute da. Dafür sprachen alle älteren fließend Deutsch. Ganz besonders für sie hat Christian dann noch mal seine Trompete hervorgeholt, als die Band schon Feierabend gemacht hatte. Bei der Band lief alles immer irgendwie auf „Anton aus Tirol“ hinaus, ähnlich wie Gitarrenspieler, die in ihre Konzentration auf die Basisakkorde von „Nothing else matters“ herunterfahren.

In der Band hatte Christian zuvor auch schon kräftig mitgetrötet.
Mit irgendeinem betrunkenen Rechtsanwalt haben wir dann im Schneckentempo Carona genommen.
Stippvisite in Blumenau
Meine Stammcarona Wanderlei ist schon am Donnerstag nach Joinville aufgebrochen, so dass ich heute nach der Arbeit wieder mit dem Bus nach Blumenau gefahren bin. Im Bus gab es ohne Ende Stress mit Tickets und den Sitzplätzen, weil die Schaffner vor Einlass in den Bus zwar das Fahrtziel kontrolliert hatten, aber dennoch Fahrgäste mit anderem Reiseziel im Bus saßen. Ich frage mich, ob man als Analphabet bei der Firma Auto Viação Catarinense als Busschaffner anheuern kann – offenbar. Im deutlich verspäteten Bus habe ich es tatsächlich geschafft, noch etwas am Praktikumsbericht zu tippen, bevor ich mich mit Christian in Blumenau in der neuen Chopperia getroffen habe. Wegen ausgeprägtem Hunger haben wir dann aber doch die Straßenseite gewechselt und sind mal wieder in der Tunga gelandet, hier ist der X-Salada einfach billiger. Übernachten konnte ich in Christians Gastfamilie, die ihr Zuhause ganz weit draußen hat.
Desbobinador fertig
…werde aber eines besseren belehrt: Schweißer Luiz hat ganze Arbeit geleistet, so dass der von mir konstruierte Desbobinador am Nachmittag seine Feuertaufe bestanden hat und nun in der Produktion eingesetzt wird.
A Argentina está qualificada para o copo de mundo!
Heute war großes Fußballspiel, o Brasil contre a Argentina. Was gleichbedeutend ist mit Deutschland gegen Holland. Als ich bei Vera und Sebastian ankomme, sind schon 20 Leute da, und das erste Tor ist gefallen. Für Argentinien. Neben den üblichen Verdächtigen (Anna und die beiden Japaner) rücken noch zwei weitere Deutsche (Dominik und Thomas), viele Brasilianer, einige Argentinier und eine Schwedin (auch Wirtschaftsingenieurin aus der ESTIEM-Gruppe in Stockholm) ins Appartement ein, doch alles Daumendrücken für die Brasilianischen Superstars um Ronaldinho Gaúcho hilft nichts: Zur Pause führen die deutlich überlegenen Argentinier 3:0, und als in der zweiten Halbzeit das 3:1 fällt, hört man keinen einzigen Jubelschrei auf den Straßen: Die Brasilianer sind schon im Bett. Schwache Leistung. Somit hat Argentinien als erste südamerikanische Mannschaft das Ticket zur WM in Deutschland sicher – und Brasilien noch nicht. Ich prophezeie, dass sich dieses auf das morgen zu erwirtschaftende BSP in Brasilien drastisch auswirkt – nämlich dass es gegen null gehen könnte…
Wohnungssuche die erste oder Wo bitte finde ich die Apotheke?
Leider hatte ich auf der Arbeit vergessen, mir die Handynummer eines Studenten aufzuschreiben, der ein Zimmer in seiner WG vermietet. Also habe ich dann in der UFSC mein Notebook in der Bibo aufgeklappt und nicht schlecht gestaunt, dass mein Tischnachbar ein deutsches Notebook mit deutschem Windows vor sich hatte: „Hey, bist Du ein Deutscher?“ frage ich. Nein, Vilson ist Brasilianer und Deutschlehrer, war bis vor kurzem für ein Jahr in Leipzig und spricht beinahe akzentfrei Deutsch. Falls ich nach meiner Wohnungsbesichtigung noch Zeit hätte, lädt er mich ein, noch in seiner Deutschstunde vorbeizuschauen.
Nun, die Wohnung war ein Flop, so ein paar schnoddrige Maschbauer mit illegal angezapftem Internet vom Nachbarn. So finde ich mich kurze Zeit später im Centro de Comunicação e Expressão, Sala 206 wieder, wo eine Handvoll Brasilianer, vom Maschinenbauer bis zum Wirtschaftsingenieur, gerade für das nächste Unibral-Programm lernen. Auf dem heutigen Stundenplan stehen Übungen zu Wegbeschreibungen auf Stadtplänen. Vilson hat einen kleinen Stadtplan auf die Tafel gemalt, und so heißt es durchfragen: Wo befindet sich die Apotheke? Immer geradeaus, und an der zweiten Kreuzung nach rechts in die Hauptstraße einbiegen.
Das war lustig, ich habe mich nützlich gemacht und Vokabeln an die Tafel geschrieben, hin und wieder nach dem Weg fragen müssen, und am Ende ein wenig erläutert, warum es in Deutschland den Buchstaben ß gibt. Auf dem Nachhauseweg habe ich mit zwei Studenten noch Palavrãos, Schimpfwörter ausgetauscht und bin ich sicher, dass ich dort noch einmal vorbeischauen werde.
Maria, cheia de graça
Heute bin ich noch gut in der Firma angekommen, aber die Internet-Gazetten verbreiten: Seit acht Uhr ist das TICEN wieder lahm gelegt. Dieses Mal sind es keine demonstrierende Studenten, die eine manifestação veranstalten, sondern die Motoristas und Cobradores: Busfahrer und Busschaffner streiken. Wenn schon die Kunden nicht protestieren, dann kann ja auch mal der Anbieter streiken… Solange sie nicht vor acht Uhr streiken und ich abends weiterhin bei Claudio Carona nehmen kann, kann mir das egal sein.
Abends habe ich mich mit Adrián und Liliana in ihrem Laboratório in der UFSC getroffen. Sie haben mir einige Sachen zur statistischen Prozessregelung erklärt, die in Brasilien CEP heißt – Controle estatitístico do processo.

mit Adrián und Liliana, den Doktoranden für Qualitätsmanagement in der UFSC
Danach waren wir noch in der Bar de Nina, wo beide nicht müde wurden, mit mir über japanische Qualitätsbegriffe zu diskutieren, so dass unsere virtuellen Tischnachbarn Ishikawa, Kaizen und Poka Yoke heißen.
Irgendwann kommt ein Freund von Liliana vorbei, der wie Liliana aus Bogotá stammt: Heute laufe doch ein kolumbianischer Film im Kulturkino CIC, und ob wir nicht Lust hätten, mitzukommen? Adrián lehnt ab, aber ich lass mir dass nicht zweimal sagen, werde durch die Hilfe kolumbianischer Studenten geschickt an der langen Schlange vorbeigeschleust und lande dieses Mal im großen Saal des CIC, wo es heute den pünktlich zum Beginn von „Maria cheia de graça“. In Deutschland müsste er vor kurzem als „Maria voll der Gnade“ im Kino angelaufen sein. Die 17-jährige Maria wird im ihrem tristen Rosenschnippler-Leben als Drogenkurierin angeworben, und schmuggelt in ihrem Körper würstchenartig verpacktes Heroin nach New York.

Ich habe den Film sehr gemocht, einzig Liliana war nicht zufrieden: Kolumbien habe in der Welt zu Unrecht ein Drogenimage, und der Film würde dieses befördern anstatt mit dem Vorurteil aufzuräumen.
Aus Deutschland gibt es gute Nachrichten: Endlich ist die Einladung für Franziska von der UFSC angekommen, dass sie sich ab Juli hier immatrikulieren kann. Am 13. Juli wird sie in Florianópolis eintreffen, so dass ich diesem Tagebuch jetzt eine neue Autorin hinzufügen werde. Außerdem heißt es nun: Franziska und Marcus in Brasilien.
