Heute bin ich noch gut in der Firma angekommen, aber die Internet-Gazetten verbreiten: Seit acht Uhr ist das TICEN wieder lahm gelegt. Dieses Mal sind es keine demonstrierende Studenten, die eine manifestação veranstalten, sondern die Motoristas und Cobradores: Busfahrer und Busschaffner streiken. Wenn schon die Kunden nicht protestieren, dann kann ja auch mal der Anbieter streiken… Solange sie nicht vor acht Uhr streiken und ich abends weiterhin bei Claudio Carona nehmen kann, kann mir das egal sein.
Abends habe ich mich mit Adrián und Liliana in ihrem Laboratório in der UFSC getroffen. Sie haben mir einige Sachen zur statistischen Prozessregelung erklärt, die in Brasilien CEP heißt – Controle estatitístico do processo.

mit Adrián und Liliana, den Doktoranden für Qualitätsmanagement in der UFSC
Danach waren wir noch in der Bar de Nina, wo beide nicht müde wurden, mit mir über japanische Qualitätsbegriffe zu diskutieren, so dass unsere virtuellen Tischnachbarn Ishikawa, Kaizen und Poka Yoke heißen.
Irgendwann kommt ein Freund von Liliana vorbei, der wie Liliana aus Bogotá stammt: Heute laufe doch ein kolumbianischer Film im Kulturkino CIC, und ob wir nicht Lust hätten, mitzukommen? Adrián lehnt ab, aber ich lass mir dass nicht zweimal sagen, werde durch die Hilfe kolumbianischer Studenten geschickt an der langen Schlange vorbeigeschleust und lande dieses Mal im großen Saal des CIC, wo es heute den pünktlich zum Beginn von „Maria cheia de graça“. In Deutschland müsste er vor kurzem als „Maria voll der Gnade“ im Kino angelaufen sein. Die 17-jährige Maria wird im ihrem tristen Rosenschnippler-Leben als Drogenkurierin angeworben, und schmuggelt in ihrem Körper würstchenartig verpacktes Heroin nach New York.

Ich habe den Film sehr gemocht, einzig Liliana war nicht zufrieden: Kolumbien habe in der Welt zu Unrecht ein Drogenimage, und der Film würde dieses befördern anstatt mit dem Vorurteil aufzuräumen.
Aus Deutschland gibt es gute Nachrichten: Endlich ist die Einladung für Franziska von der UFSC angekommen, dass sie sich ab Juli hier immatrikulieren kann. Am 13. Juli wird sie in Florianópolis eintreffen, so dass ich diesem Tagebuch jetzt eine neue Autorin hinzufügen werde. Außerdem heißt es nun: Franziska und Marcus in Brasilien.
