Kalt

Als Steve und ich im Hermann aufwachen, ist es einfach nur kalt. Nach dem Frühstück besichtigen wir aus lauter Verzweiflung noch das Dr.-Hermann-Blumenau-Mausoleum, und fahren dann zur Rodoviária. Inzwischen ist es richtig warm geworden, so dass man in kurzer Hose herumlaufen kann. Leider ist der Bus nach Florianópolis kein Semi-Direito, sondern ein Pinga-Pinga, ein Bus, der jedes Dorf abklappert. Ist aber auch egal, denn ich schlafe ein und muss von der Besatzung am Rodoviária in Floripa geweckt werden. Zu Hause angekommen wird es dann richtig kalt, und ich schaffe es mit letzter Kraft, folgende Zeilen zu verfassen, bevor ich mich hinlege:

Hallo,
nur ganz kurz: Wir waren am WE in Blumenau, haben Edgar wieder getroffen und es wird tagsüber richtig warm (kurze Hose möglich), und jetzt sitze ich hier abends im dicken Norwegerpulli im unbeheizbaren Haus und frier mir den Ast ab.
Nun ja, ich schreibe dann morgen mal einen langen Bericht, lege mich jetzt ins Bett, aber nicht ohne ein Foto von der Ilha de Santa Catarina, auf der ich lebe, ins Netz zu stellen. Es ist von der Raumstation ISS aufgenommen worden:

Russendisko

„Anne, das beste am Hermann ist das Frühstück. Dafür lohnt frühes Aufstehen“. Ist ja richtig, aber die Nacht war kurz, aber dennoch sind Steve und ich nach einem ausgiebigen Frühstück wieder in der Lage, eine kleine Blumenau-Führung zu veranstalten. Kathedrale, Biergarten, Caféhaus Gloria. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Blumenaus habe ich mal fotografisch hier aufgelistet.


Avenida das Palmeidas


Marcus, Steve, Christian und Anne im Caféhaus Gloria bei Schokoerdbeerkuchen und Käffken/Tee


Welches Tier lebt auf dieser 45°-Flussböschung? Ein Hanghuhn? Ein Wasserschwein?


Im Stadtzentrum: Touri-Info im Haus Möllmann und die Tunga


Das Rathaus von Blumenau sieht von allen vier Seiten gleich aus.


Die Rainha Oktoberfest mit ihren beiden Prizesschens


Deutsche Kultur auf zwei Worte abstrahiert – das ist Blumenau

Im Caféhaus Gloria sprechen die alten Damen tatsächlich noch Deutsch, und fragen ob wir Café colonial oder Kuchen vom Balkon wollen: Café Colonial ist Kuchen-Rodízio, und Balkon ist der Tresen. Wir entscheiden uns in Anbetracht der Tatsache, dass es heute Abend mit Sicherheit Pizza-Rodízio geben wird, für ein einfaches Stück Torte. Muss ja auch ma reichen, Anneliese? Leider hat das Museo da família colonial schon geschlossen, und es wird immer wärmer. Irgendwann später am Nachmittag verabschiedet sich Anne gen Joinville, und wir Jungs machen uns nach einer Zwischenstation in der Tunga auf zum „Castelo da Pizza“, wo wir mit Edgar verabredet sind. Er hat seinen 96-jährigen Mitbruder mitgebracht (war der nicht vor ein paar Wochen noch 94? Dann werden wir zu seinem 100. Geburtstag sicher noch in Brasilien sein), und der ist noch ganz gut zu Fuß. Edgar erzählt von Flugzeug- und Elefantensegnungen, von seiner ersten Überfahrt nach Brasilien mit dem Schiff 1957 und von den ersten Jahren in Brasilien – großes Abenteuer.


Pizza Doce com Sorvete

Als Spezialität gibt es hier eine Nachtischpizza mit Eis. Ist so eine Mischung aus Vanillepudding und Eis, die nach dem Backen aufportioniert wird. Wir versuchen, nicht am Buffet zu scheitern.
Nach dem Abschied von Edgar gehen wir noch auf eine 80er-Jahre-Party in der Disko Subway. Leider wird der Maßstab unseres Stadtplanes nach außen hin größer, so dass wir mindestens eine Stunde unterwegs sind. Als ein Vectrafahrer bei der Einfahrt zur Diskothek seine Lichtorgel auf der Hutablage einschaltet, hätten eigentlich alle Alarmsignale schrillen müssen: Jetzt weiß ich, was eine brasilianische Russendisko (ohne Russen, selbstverständlich) ist, denn drei Beamer werfen Musikvideos, die irgendwann mal auf deutschen Musiksendern aufgenommen wurde, über den Mediaplayer an die Wand. Für Titel, die nicht als Video vorliegen, wird Werbung eingeblendet. Das Publikum hat im Durchschnitt die 40 überschritten – wir sind also vollkommen deplatziert. Aber die Musik ist gut, und das geniale Queen-Video „I want to break free“, wo Freddy Mercury als Hausfrau staubsaugend durchs Bild huscht, ist einfach ein Hit.
Irgendwann denken wir an den Heimweg. Es ist mächtig kalt geworden, und in einer Lanchonette sitzen die Brasilianer mit dicker Jacke, Mütze, Schal und trinken heißen Tee. Uns ist im T-Shirt auch etwas kalt, aber die Brasilianer sind schon ziemliche Mimmosen…
Da der nächste Bus erst in einer Stunde fährt, verhandeln wir mit einem Taxifahrer über eine Passagem zum nächsten Busterminal. Steve versucht den Preis von 10 auf 8 Reais zu drücken, diesmal ohne Erfolg. Der gute Mann will 10 Reias. „Bringst du uns für 10 Reais dann wenigstens bis vor die Tür, Nähe Hospital Santa Isabella?“, frage ich. „Pode ser“ – die brasilianische Ein- und Allesfrage- und Antwort, die „ist möglich, kann sein, geht klar“ heißt.

Besuch von Liliana und Adrían

Heute waren die beiden USFC-Doktoranden wieder im Unternehmen und hatten ihren Professor dabei. Hélvio sagte mir: „Mach doch erst mal einen Rundgang mit ihnen, zeig ihnen das Werk!“ Ich kann vieles, und auf Deutsch und Englisch könnte ich sicherlich problemlos eine Besuchergruppe führen, aber auf Portugiesisch traue ich mir das nicht zu. Also habe ich mir Rodrigo dazu geholt, der das souverän gemeistert hat. Eine Sache hatte ich jedoch nicht beachtet: Rodrigos Eltern kommen aus Paraguay, und so musste ich mich nicht wundern, dass die Führung mehr und mehr ins Spanische abdriftete.
Zu Feierabend hieß es dann wieder: pegar carona. Heute ausnahmsweise nicht mit Claudio und Rodrigo, sondern mit Konstrukteur Wanderlei. Er kommt aus Joinville und ist Wochenendpendler, die ersten 100 km bis Balneário Camboriú kann er mich mitnehmen, ohne dass ich erst nach Floripa reinmüsste. Wanderlei hat einen Corsa, der in der brasilianischen Version nicht nur unter der Dachmarke Chevrolet vertrieben wird, sondern vor allem nur 700kg wiegt. Heizung, Servolenkung, ABS, Airbag, so was braucht ja niemand in Brasilien. Wegen dem geringen Gewicht und den stürmischen Regenfällen müssen wir mächtig aufpassen, aquaplanagem ist angesagt. Autos kriechen auf der ersten Spur der Küstenautobahn BR-101 nach Norden, schwere LKW und Busse sausen mit 120 auf der Überholspur daran vorbei und pflügen meterhohe Wassermassen auf die Autos. Von Balneário fahre ich mit dem Bus weiter nach Blumenau, wo ich schon um kurz nach neun im Hermann einchecke. Steve war noch nicht da, also mache ich das Doppelzimmer klar. Wir laufen da jetzt schon fast als Stammkunden. Im Neumarkt Shopping Center treffe ich Steve und Christian, der einige seiner Blumenauer Kollegen von Teclógica im Schlepptau hat. Und: Dieses Wochenende ist auch Anne aus Joinville gekommen, sie war bisher noch nicht in Blumenau gewesen. Nach einem weiteren kurzen Zwischenstopp im Hotel Hermann und einer Lanchonette geht es wieder mal in unsere Blumenauer Stammdisko Observatório, wo zwei Nachwuchsbands ihr Können zum Besten geben. Zurück geht es mit dem Bus, in der Bushaltestelle lernen wir die Deutschkenntnisse der Blumenauer Jugendlichen kennen: „Bier“, „Schnaps“, „kaputt“ und „Tschüss“. Na ja, sie wollen morgen wieder ins Observatório, wir überlegen uns das noch einmal und nehmen den ersten Bus zurück.

SolidWorks

Heute habe ich ein wenig selbst mit SolidWorks konstruieren sollen, erst habe ich die Vorrichtung zum Schleifen der Stanzstempel konstruiert, und dann noch etwas am Desbobinador gezeichnet. Dafür, dass ich zum allerersten Mal mit SolidWorks gearbeitet habe, hat es erstaunlich gut geklappt, ich finde es sogar noch besser als Pro/Engineer und um Größenordnungen besser als Mechanical Desktop; beide Programme setzen wir in Ilmenau an der Uni ein.


Kennenlernen des Programmes und Zeichnen meiner Vorrichtung – Leistung eines Vormittags. Nicht schlecht.

Gestern war abends irgendein brasilienweites Zahntechnikerforum bei Olsen. Hélvio war auch dabei gewesen, und kam heute mit einem giftgrünen T-Shirt zur Arbeit, was es wohl dort für alle Teilnehmer gegeben hat. Dementsprechend gut gelaunt war er, hatte aber einen entscheidenden Hinweis für meine Konstruktionen: In Brasilien sei alles metrisch, bis auf Stahlprofile. Die verkaufen brasilianische Stahl- und Walzwerke für teures Geld und Devisen nach Amerika. Und er hätte gerade günstig zweite Wahl einkaufen können, dass sei viel billiger als metrische Profile zu kaufen. Also die Profile bitte noch einmal: „Hier nimmst Du ein fünf-sechzehntel mal 2½-Zollprofil, das sind 7,94 × 63,5 mm.“ Das weiß der im Kopf, alle Achtung.

Bom yeoreum gaeul gyeoul geurigo bom

ist koreanisch und heißt auf Portugiesisch: Primavera, Verão, Outono, Inverno, … e Primavera. Das ist der Film, in dem ich gestern abend mit Vera, Sebastian und ein paar Brasilianern war. Sehr zu empfehlen ist sowohl die deutsche als auch die englische Homepage.
Der Film fängt schon gut an: Ein junger Mönch und sein Lehrer leben zu zweit in einer Einsiedelei mitten in einem See. Der junge Mönch, ein Kind, ist ein kleiner Tierquäler und bindet Fischen, Schlangen und Fröschen gerne mal ein paar Steine an den Körper und untersucht ihr Bewegungsverhalten mit zusätzlichem Ballast. Geht der Fisch unter, kann der Frosch noch schwimmen? Am nächsten Morgen wacht er mit einer zusätzlichen Last auf: Der alte Mönch hat seine Taten beobachtet und dem Mönchskind über Nacht einen kleinen Hinkelstein auf den Buckel geschnallt.

Filmplakat

Heute ist das Wetter umgeschlagen: Als ich aufgestanden bin, gab es ein Gewitter, und bis zur Bushaltestelle war ich trotz Guarda-Chuva pitschenass. Das Wasser schoss aus allen Hofeinfahrten auf die Straße. Außerdem war es deutlich kühler, die Werbeuhren mit Thermometer auf der Beira-Mar zeigten nur 17°C an. Ok, war ja auch um 7 Uhr morgens.
Auf der Arbeit sollen Simone und ich eine alte Schleifmaschine wieder in Gang setzen. Ich habe mich voller Tatendrang in die Werkstatt gestürzt, Simone hat sich nur gewundert. Hélvio möchte, dass wir eine Vorrichtung zum Schleifen von Stanzstempeln bauen, die auf dem Magnettisch der Schleifmaschine aufgebaut werden soll. So haben wir erst einmal die Maschinenparameter vermessen und die Warnung der Werkzeugmacher gehört: Der Magnettisch ziehe nicht mehr richtig an, besser direkt festschrauben. Als ich abends Hélvio erzählt habe, dass ich das jetzt zum Festschrauben konstruieren werde, zeigte er nur ein müdes Lächeln: „Haben Sie Dir erzählt, dass der Tisch nicht mehr richtig anzieht? Hast du’s überprüft? Wie überprüfst Du es?“ Also brauche ich jetzt erst mal eine Prüfvorrichtung (Klotz, Draht, Umlenkrolle, Gewichte), um die seitliche Kraft (hier auch Força lateral genannt) zu messen.

Im Supermarkt oder die Angst des Brasilianers vor Bargeld

Ein längst überfälliger Themenpark. Als Untersuchungsobjekt diene der Angeloni (die große Supermarktkette Brasiliens) in Santa Mônica oder jeder andere supermercado. Er ist etwa halb so groß wie das Kaufland in Ilmenau und doppelt so groß wie ein Aldi- oder Lidl-Markt und bietet vom Churrascospieß und Bäckertheke bis zum Köstritzer Schwarzbier und Requeijão Catupiry einfach alles was man so benötigt. Interessant wird es eigentlich erst, wenn sich die zahlungswillige Kundschaft der Kasse nähert: Es gibt mindestens 20 Kassen, die alle geöffnet sind. Verglichen mit dem Ilmenauer Kaufland (ca. 10 Kassen, meist nur fünf geöffnet, durchschnittliche Wartezeit unter zwei Minuten, durchschnittliche Dauer eines Kassiervorganges 20…40 Sekunden) setzt Brasilien hier andere Maßstäbe: etwa die Hälfte der Kunden wie im Kaufland, durchschnittliche Wartezeit schlappe acht Minuten. Es befinden sich stets mehr Kunden in der Warteschlange als beim Einkauf im Markt. Woran das liegen mag? An der Dauer des Kassiervorganges. Dieser streut gewaltig und reicht von einer Minute (deutscher Student, der ein Brot, eine Packung Salami und einen Frischkäse erwirbt, bei Barzahlung mit passendem Geld und kleinen Scheinen, und welcher darauf besteht, und seine Waren selbst in den mitgebrachten Rucksack zu packen) bis etwa 10 Minuten (Mutter mit einem Einkaufswagen und viel Gemüse, welches an der Kasse gewogen wird, die sich alles in etwa 50 Plastiktüten einpacken lässt und mit Kreditkarte oder großen Scheinen zahlt).
Nun, wer einmal hinter einem solchem Einkaufsraumschiff gestanden hat, weiß wie das abläuft: Die Kassiererin zieht Artikel für Artikel über den Scanner. In Ilmenau vielleicht ein Artikel pro Sekunde. In Brasilien eher alle 10 Sekunden einen Artikel. So eine Handbewegung ist ja auch außerordentlich komplex, und man sollte auch nicht verlangen können, dass die Kassiererin vorher weiß, wo sich denn der Strichcode am Artikel verstecken könnte. Alle drei Artikel wird eine neue Plastiktüte hervorgekramt und die Waren werden darin liebevoll verstaut. Gemüse wird an der Kasse gewogen. Oberhalb der Kasse befindet sich ein großer Monitor, wo der Preis aller Artikel und die Summe angezeigt werden. Das finde ich grundsätzlich gut, ärgerlich ist, dass es ein System aus DOS-Zeiten ist und die Aufsummierung zur Preissumme weitere 10 Sekunden in Anspruch nimmt. Der angezeigte Preis ist in dem Moment, in welchem man sein Portemonnaie zückt, noch der Einzelpreis des letzten Artikels.
Kommen wir zum Zahlvorgang: Dieser geschieht in Brasilien grundsätzlich mit Kreditkarte oder Scheck. Bargeld ist das, was man für Bettler übrig hat. In Ilmenau habe ich einige Male beobachtet, dass ein Barzahlvorgang in der Regel deutlich flotter geht als das elektronische Zahlen mit Bank- oder Kreditkarte. Ausfälle von Karten und zugehöriger Lesegeräte nicht mitgerechnet, die in Brasilien offenbar an der Tagesordnung sind, jeder Brasilianer schleppt mindestens drei Plastikkarten mit sich rum und an jeder Kasse stehen mehrere Terminals. So ganz traut man der Technik wohl nicht, deshalb wohl nicht ausgestorben ist das gute alte Scheckbuch, mit dem man im Supermarkt und Restaurant gern bezahlt. Zwei zusätzliche Minuten zum Ausfüllen des Schecks nach Durchprobieren aller möglichen Kombinationen aus vorhandenen Karten und an der Kasse verfügbaren Lesegeräten verstreichen.
Manchmal stellt sich der deutsche Student natürlich auch an der caixa rápido, der Schnellkasse an, die schneller heißt als sie ist. Es gibt derer vier im Angeloni, für einen Einkaufskorb mit maximal 15 Artikeln. Eine Warteschlange für alle Anstehenden an der cixa rápido, die sich mit mäanderförmig aufgestellten Absperrbändern in den Markt reinschlängelt. Im Minimum 20 Kunden vor dem Protagonisten. Noch ist in täglichen Dauertests mit Handystoppuhr nicht bewiesen worden, ob es hier tatsächlich schneller zugeht. Immerhin sind es dann nur noch fünf Kunden pro Kasse, aber auch hier kommt die Kreditkartenproblematik wieder hoch, so dass es dann doch ziemlich lange dauert, bis eine der Kassiererinnen „Próximo!“ – Der nächste Bitte! – ruft. Nun stellen wir uns den Fall vor, dass das Bargeld, für einen Betrag von sagen wir 5 Reias (1,50 Euro), nicht annähernd passend vorliegt. Der Kunde bezahle mit einer 10-Reais-Note. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist nicht genügend Wechselgeld in der Kasse. Die Kassiererin macht ein rotes Lämpchen an der Kasse an, innerhalb von 3 Sekunden (das geht ja wirklich schnell!) steht so’n Sicherheitsfuzzi neben mir, und muss erst mal beruhigt werden: Kein Alarm, er soll nur Bargeld tauschen. Er hat eine Gürteltasche, und zählt 10 Reias in 1-Real-Scheinen raus, die Kassiererin zählt sie noch mal durch und gibt meinen 10-Reais-Schein weg. Einmal musste ich mit einem 50-Reais-Schein bezahlen, da wurde die Note zunächst beknibbelt, geknickt, über die Metallkante der Kasse hinweg abgezogen, und nach erfolgreichem Echtheitstest musste der Sicherheitsstratege in den hinteren Bereich laufen, kleinere Noten holen. Da müssen also drei Leute zählen: Die Kassiererin, der Sicherheitsmann, und sein Kollege im hinteren Bereich. Zwei weitere Minuten Warten an der Kasse.
Entnervt verlasse ich den Supermarkt, und frage mich, was die soeben in Deutschland eingetroffenen Brasilianer vom Kaufland halten werden. Da liegt die Ware abgefertigt im hinteren Bereich der Kasse und die Summe vor, bevor die ihre Kreditkarte oder Bargeld auch nur zücken könnten. Staunend werden sie dieses Geschäft verlassen. Kein Wunder, dass es hier heißt, die Deutschen seien fleißig und würden schnell und zuverlässig arbeiten.
Als ich beim Bekleidungseinkauf einmal auf eine Summe von 120 Reais (35 Euro) kam, habe ich große Augen der Kassiererin geerntet, als ich drei 50-Reias-Scheine hervorgekramt habe. So eine große Summe Bargeld! Inimaginável – unvorstellbar. So stehe ich nun vor dem Problem, wie ich meinen Lohn, u.a. drei seltene große 100-Reais-Scheine, an den Mann bringe, und welche weitere Sicherheitsprüfungen die Geldscheine über sich ergehen lassen müssen.

CD virgem

Mitpraktikant Claudio wäre gestern fast mit zum Wandern gekommen: Er kennt jemand aus der Studentengemeinde, der ihm die Mail weitergeleitet hatte, beide hatten aber verpennt. Treffen um halb neun an einem Sonntagmorgen – das ist doch wohl nicht euer Ernst, meint Claudio. Ärgert sich aber, als er meine tollen Fotos sieht.
Heute haben meine Kollegen entdeckt, dass ich einen Gravador, einen Brenner in meinem Laptop habe. Und ich habe gelernt, was Rohling heißt: CD virgem. Ist ja eigentlich auch logisch. Nach der Arbeit habe ich mir dann auch welche gekauft, es wird Zeit für eine Datensicherung. Markenrohlinge kosten 2 Reais, billige 1 Real. Beide ohne jegliche Verpackung, direkt von der Spindel.

Trilha de Costa da Lagoa

Schon seit einiger Zeit stehe ich auf dem Mailverteiler für Wanderausflüge der Studentengemeinde, aber irgendwie hat es bisher nie klappen wollen vor lauter Ausflügen gen Blumenau etc. Da ich aber an diesem Wochenende zu Hause geblieben bin, um etwas auszuspannen und um mich von meiner Erkältung zu erholen, musste Tourorganisator Fabrício gestern in der Pipa keine große Überzeugungsarbeit leisten: Also stehe ich pünktlich um 8:30 Uhr morgens am Busbahnhof TITRI.


TITRI und Radler auf der Beira Mar

Auf meinem Weg komme ich über die Avenida Beira Mar: an einem Sonntagmorgen ist die 2×3-spurige Küstenstraße aber keineswegs menschenleer, sondern ein Paradies für Läufer, Radfahrer und Rollschuhfahrer, die es im fitnessverrückten Brasilien zu Haufe gibt. Autos fahren nur vereinzelt. Unser heutiges Fitnessprogramm lautet nach einem Umstieg am TILAG und dem Erreichen der Endhaltestelle des Busses nach Costa de Lagoa: Wir laufen nach Costa de Lagoa. Denn der Bus fährt nicht wirklich in den Ort, weil Costa de Lagoa nicht ans Straßennetz angeschlossen ist, sondern nur zu Fuß oder übers Wasser erreichbar ist. An der Endhaltestelle (Ponto Final), eigentlich am Ortsrand von Lagoa de Conceição, hört die Straße auf, und ein Naturpark beginnt. Zwar sind es nur 7 km bis Costa de Lagoa, aber es geht über Stock und Stein, vorbei an verlassenen Mühlen und zerfallenen Villen aus der Zeit der Kolonisation durch azorische Einwanderer (ca. 1780). 225 Jahre alte Häuser sind für Brasilianer eine echte Attraktion. Die eigentliche Anstrengung war nicht die Distanz, sondern die Hitze, auch mitten im Herbst können es schon mal 34°C werden…
Wir passieren einige Siedlungen, meistens reiche Villenviertel, die ihren eigenen Hafen an der Lagoa haben, und erreichen schließlich einen Wasserfall. Oh, cataratas, sage ich, das kenne ich ja schon aus Foz de Iguaçu. Nein, klären mich die Brasilianer auf: cataratas sind Riesenfälle, sowie in Foz oder in Niagara, aber das hier, dieser kleine Wasserfall, das sei nur ein cachoeira. Jedenfalls sind wir natürlich hochgeklettert und haben eine wunderbare Aussicht über die gesamte Lagoa genossen. Nach einem Aufenthalt an einem Steg sind einige Leute schwimmen gegangen, und dann haben wir auch irgendwann den letzten Ortsteil erreicht, sozusagen Ponto Final für das Fährschiff. Die letzte Stunde haben wir dort in der Kneipe gewartet, und hätten fast unseren Bahiano (Person aus Bahia, die Kollegen mit dem Karneval das ganze Jahr über) vergessen, der seine beiden letzten Bierchen dann auf dem Steg herunterschlingen musste. Sehr eindrucksvolle Bilder dieser Aktion und weitere Bilder von der Rückreise auf dem Boot, von den cachoeiras und sonstigen Erlebnissen dieses Tages rechtfertigen auf jeden Fall das Anlegen einer…

Zu Hause angekommen, hatten Luiz und Michelle „Bridget Jones 2“ aus der Videothek ausgeliehen. Wir einigen uns auf die Variante Englisch mit legendas portuguesas, so bessern Luiz und Michelle ihr Englisch auf und ich lese Portugiesisch. Wäre der Film besser gewesen, hätte ich ihm mir sicherlich noch einmal auf Portugiesisch angeschaut, aber so sehr mein Fall war er dann auch nicht. In der Kirche habe ich die Trilheiros (Wanderer) dann wieder getroffen, da hatte ich schon fast meine Galerie hochgeladen.

Krankenbesuch auf Continente

Da ich ja an diesem Wochenende nicht zu Steve und Christian nach Blumenau gefahren bin, habe ich den kranken Ritter Markus bei Carlos’ Eltern auf dem Kontinent besucht. Markus ist schon seit vier Wochen krank – irgendwas mit der Verdauung, und diverse brasilianische Ärzteteams rätseln.
Da er wenig Appetit hat, habe ich ihm meine zwei portugiesischen Bücher, die ich besitze, mitgebracht, so hat er ein wenig Ablenkung. Ich bin hier sowieso noch nicht zum Lesen gekommen.


Den Guaraná-Laster vor der Kirche von Estreito – inmitten von Hochhäusern – raube ich morgen aus…

Markus wohnt in Estreito, das ist einer der Stadtbezirke auf dem Kontinent, wo gerade Pfarrfest war. Wir sind ein bisschen rübergeschlendert, und dann war er ziemlich erschöpft.


Luiz, Michelle, Marcus, Musiker, Luciano, Fabrício und Yuri aus der Studentengemeinde (der Musiker nicht…)

Abends war ich mit Luiz und Michelle noch in der Weinstube Pipa in Trindade, wo wir uns mit anderen Leuten aus der Studentengemeinde getroffen haben. Anlass war ein Besuch von Ketner (sprich Ketschner) in Florianópolis. Ketner ist diejenige Studentin, auf deren Graduationsfeier ich an meinem ersten Wochenende in Brasilien war. In der Pipa ist es urgemütlich, es gibt nette Música Popular Brasileira aus der Gitarre und mit etwas Glück sogar kostenlose Getränke: Ich bestellte mit allen anderen zusammen, alle anderen erhielten ihren Wein respektive Traubensaft – nur ich nicht. Die Kellnerin brachte mir meinen Traubensaft, sagte mir etwas mit strahlendem Lächeln, ich sagte obrigado, und alle in der Runde fragen: Hast du verstanden, was sie gesagt hat? – Não. – Ist umsonst.


Yuri, Luiz jr. und Ketner

Arbeit satt

Hoje é sexta-feira treize. Sagt jeder im Büro und die erste Mail, die ich heute bekomme, stammt von Tülin und behandelt das gleiche Thema. Ich will mich darüber nicht beklagen, denn seit heute habe ich meinen offiziellen Olsen-Mitarbeiterausweis mit Foto (und nicht nur einen provisorischen).


Lochkartensystem

Es ist eine biegbare Plastikkarte, die Identifikation für die Zeiterfassung erfolgt mittels Lochmuster. Auf der Arbeit habe ich eine Funktion in Dotproject entdeckt, die die Berichte gleich als PDF generiert, mithilfe der Freeware-Bibliothek ezpdf. Da die Berichte noch verbesserungsfähig waren, habe ich mich da etwas in die Programmierung eingelesen, so dass z.B. jetzt Seitenzahlen mit ausgegeben werden und weitere Berichtsspalten. Als ungeübter Programmierer dauerte das etwas länger, aber immerhin funktioniert es jetzt. Uilians ist begeistert, dass seine ihm bekannte Word-Tabelle mit Vorgängen, so wie sie er bisher immer hatte, ihm jetzt von der Datenbank im fast identischen Layout fertig als PDF ausgeworfen wird.