Im Supermarkt oder die Angst des Brasilianers vor Bargeld

Ein längst überfälliger Themenpark. Als Untersuchungsobjekt diene der Angeloni (die große Supermarktkette Brasiliens) in Santa Mônica oder jeder andere supermercado. Er ist etwa halb so groß wie das Kaufland in Ilmenau und doppelt so groß wie ein Aldi- oder Lidl-Markt und bietet vom Churrascospieß und Bäckertheke bis zum Köstritzer Schwarzbier und Requeijão Catupiry einfach alles was man so benötigt. Interessant wird es eigentlich erst, wenn sich die zahlungswillige Kundschaft der Kasse nähert: Es gibt mindestens 20 Kassen, die alle geöffnet sind. Verglichen mit dem Ilmenauer Kaufland (ca. 10 Kassen, meist nur fünf geöffnet, durchschnittliche Wartezeit unter zwei Minuten, durchschnittliche Dauer eines Kassiervorganges 20…40 Sekunden) setzt Brasilien hier andere Maßstäbe: etwa die Hälfte der Kunden wie im Kaufland, durchschnittliche Wartezeit schlappe acht Minuten. Es befinden sich stets mehr Kunden in der Warteschlange als beim Einkauf im Markt. Woran das liegen mag? An der Dauer des Kassiervorganges. Dieser streut gewaltig und reicht von einer Minute (deutscher Student, der ein Brot, eine Packung Salami und einen Frischkäse erwirbt, bei Barzahlung mit passendem Geld und kleinen Scheinen, und welcher darauf besteht, und seine Waren selbst in den mitgebrachten Rucksack zu packen) bis etwa 10 Minuten (Mutter mit einem Einkaufswagen und viel Gemüse, welches an der Kasse gewogen wird, die sich alles in etwa 50 Plastiktüten einpacken lässt und mit Kreditkarte oder großen Scheinen zahlt).
Nun, wer einmal hinter einem solchem Einkaufsraumschiff gestanden hat, weiß wie das abläuft: Die Kassiererin zieht Artikel für Artikel über den Scanner. In Ilmenau vielleicht ein Artikel pro Sekunde. In Brasilien eher alle 10 Sekunden einen Artikel. So eine Handbewegung ist ja auch außerordentlich komplex, und man sollte auch nicht verlangen können, dass die Kassiererin vorher weiß, wo sich denn der Strichcode am Artikel verstecken könnte. Alle drei Artikel wird eine neue Plastiktüte hervorgekramt und die Waren werden darin liebevoll verstaut. Gemüse wird an der Kasse gewogen. Oberhalb der Kasse befindet sich ein großer Monitor, wo der Preis aller Artikel und die Summe angezeigt werden. Das finde ich grundsätzlich gut, ärgerlich ist, dass es ein System aus DOS-Zeiten ist und die Aufsummierung zur Preissumme weitere 10 Sekunden in Anspruch nimmt. Der angezeigte Preis ist in dem Moment, in welchem man sein Portemonnaie zückt, noch der Einzelpreis des letzten Artikels.
Kommen wir zum Zahlvorgang: Dieser geschieht in Brasilien grundsätzlich mit Kreditkarte oder Scheck. Bargeld ist das, was man für Bettler übrig hat. In Ilmenau habe ich einige Male beobachtet, dass ein Barzahlvorgang in der Regel deutlich flotter geht als das elektronische Zahlen mit Bank- oder Kreditkarte. Ausfälle von Karten und zugehöriger Lesegeräte nicht mitgerechnet, die in Brasilien offenbar an der Tagesordnung sind, jeder Brasilianer schleppt mindestens drei Plastikkarten mit sich rum und an jeder Kasse stehen mehrere Terminals. So ganz traut man der Technik wohl nicht, deshalb wohl nicht ausgestorben ist das gute alte Scheckbuch, mit dem man im Supermarkt und Restaurant gern bezahlt. Zwei zusätzliche Minuten zum Ausfüllen des Schecks nach Durchprobieren aller möglichen Kombinationen aus vorhandenen Karten und an der Kasse verfügbaren Lesegeräten verstreichen.
Manchmal stellt sich der deutsche Student natürlich auch an der caixa rápido, der Schnellkasse an, die schneller heißt als sie ist. Es gibt derer vier im Angeloni, für einen Einkaufskorb mit maximal 15 Artikeln. Eine Warteschlange für alle Anstehenden an der cixa rápido, die sich mit mäanderförmig aufgestellten Absperrbändern in den Markt reinschlängelt. Im Minimum 20 Kunden vor dem Protagonisten. Noch ist in täglichen Dauertests mit Handystoppuhr nicht bewiesen worden, ob es hier tatsächlich schneller zugeht. Immerhin sind es dann nur noch fünf Kunden pro Kasse, aber auch hier kommt die Kreditkartenproblematik wieder hoch, so dass es dann doch ziemlich lange dauert, bis eine der Kassiererinnen „Próximo!“ – Der nächste Bitte! – ruft. Nun stellen wir uns den Fall vor, dass das Bargeld, für einen Betrag von sagen wir 5 Reias (1,50 Euro), nicht annähernd passend vorliegt. Der Kunde bezahle mit einer 10-Reais-Note. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist nicht genügend Wechselgeld in der Kasse. Die Kassiererin macht ein rotes Lämpchen an der Kasse an, innerhalb von 3 Sekunden (das geht ja wirklich schnell!) steht so’n Sicherheitsfuzzi neben mir, und muss erst mal beruhigt werden: Kein Alarm, er soll nur Bargeld tauschen. Er hat eine Gürteltasche, und zählt 10 Reias in 1-Real-Scheinen raus, die Kassiererin zählt sie noch mal durch und gibt meinen 10-Reais-Schein weg. Einmal musste ich mit einem 50-Reais-Schein bezahlen, da wurde die Note zunächst beknibbelt, geknickt, über die Metallkante der Kasse hinweg abgezogen, und nach erfolgreichem Echtheitstest musste der Sicherheitsstratege in den hinteren Bereich laufen, kleinere Noten holen. Da müssen also drei Leute zählen: Die Kassiererin, der Sicherheitsmann, und sein Kollege im hinteren Bereich. Zwei weitere Minuten Warten an der Kasse.
Entnervt verlasse ich den Supermarkt, und frage mich, was die soeben in Deutschland eingetroffenen Brasilianer vom Kaufland halten werden. Da liegt die Ware abgefertigt im hinteren Bereich der Kasse und die Summe vor, bevor die ihre Kreditkarte oder Bargeld auch nur zücken könnten. Staunend werden sie dieses Geschäft verlassen. Kein Wunder, dass es hier heißt, die Deutschen seien fleißig und würden schnell und zuverlässig arbeiten.
Als ich beim Bekleidungseinkauf einmal auf eine Summe von 120 Reais (35 Euro) kam, habe ich große Augen der Kassiererin geerntet, als ich drei 50-Reias-Scheine hervorgekramt habe. So eine große Summe Bargeld! Inimaginável – unvorstellbar. So stehe ich nun vor dem Problem, wie ich meinen Lohn, u.a. drei seltene große 100-Reais-Scheine, an den Mann bringe, und welche weitere Sicherheitsprüfungen die Geldscheine über sich ergehen lassen müssen.

Eine Antwort auf „Im Supermarkt oder die Angst des Brasilianers vor Bargeld“

  1. Hei Marcus,

    nun bist Du also mit der sprichwörtlichen lateinamerikanischen "Gemütlichkeit" im täglichen Leben konfrontiert. Das nervt manchmal ziemlich. Aber – das ist eben so.

    Viele Grüße Angelika

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