São Francisco do Sul

Heute ist auch Markus wieder dabei, und so geht es mit dem Bus gemeinsam nach São Francisco do Sul, der drittältesten Stadt Brasiliens.


Eine renovierte Straße in São Francisco do Sul

Nach dem Ausstieg aus dem Bus mussten wir einen stehenden Güterzug überqueren, um zum historischen Zentrum zu gelangen, der dann plötzlich anfuhr. Das historische Zentrum bedarf einiger Restaurationsarbeiten, vieles ist zerfallen, wenig ist zu retten, zeugt aber von vergangener Pracht. Es gibt ein Programm, einen Straßenzug zu renovieren, und in einem renovierten alten Hafenteil ist das Meeresmuseum eingezogen, welches wir besichtigt haben. Es zeigt jedoch eigentlich nur Boote, von verschiedenen Indianerflößen bis zum Fischkutter und Phantasiemodellen von Koggen. Will heißen: So’n Hit war es nicht. Unterdessen waren wir noch essen, und haben uns dann auf den Rückweg gemacht. An einem anderen Bahnübergang kam wieder ein Güterzug, und da er nur mit Schrittgeschwindigkeit fuhr, hieß es: Aufspringen und Überqueren.


Der Zug fuhr nur mit Schrittgeschwindigkeit: Also Steve, aufspringen und rüber.

Nach einer Stunde descansar in der Posada haben wir uns abends noch mit Anne getroffen, die einen wirklich guten Mexikaner kannte (ein Restaurant – keine Person, aber wer weiß…?). Zweifelsohne das beste Restaurant, wo ich bisher in Brasilien war – leider lag es ein wenig außerhalb, so dass wir schon ein paar Kilometer zu laufen hatten.
Nach einer Zwischenstation in einer Kneipe beim Müller Shopping ging es zurück in die Pousada.

Joinville

Am Freitag habe ich wieder bei Wanderlei Carona nach Joinville genommen, wo ich mich mit Christian und Steve wieder in der Pousada Schulz getroffen habe. Wir haben auch Anne wiedergetroffen, die ja in Joinville arbeitet. Zusammen waren wir in der Rutana, wo ich mit Steve schon eine Woche zuvor war, heute aber nichts los war.

Praktikumsbergfest

Habe auf der Arbeit die ganze Woche gezeichnet, und Zeichnungen abgeleitet und detailliert. Der Desbobinador ist in Bau, eine Sägevorrichtung für Drehteile fast fertig, und am Dienstag war der letzte Arbeitstag für Silvia, die in ein Unternehmen für Arbeitssicherheit wechselt. Somit verliert der Olsen-Mitarbeiterverein seine fleißigste Kraft! Es gab noch mal eine Palette salgados, die frittierten Häppchen, und Kuchen. Tja, auch für mich ein Grund zum Feiern: Das Praktikum ist schon zur Hälfte vorbei.
Ihr erinnert Euch an mein Vale Transporte, die Buschipkarte? Richtig, das System, wo die Brasilianer weiter sind als die Deutschen. Diese wurde am Mittwoch, dem Monatsersten, automatisch aufgeladen, als ich sie zum ersten Mal benutzt habe. Kein Aufwand für die Arbeiter, wenig Aufwand für Unternehmen und die Busgesellschaft.
Es gibt übrigens immer noch Proteste von Studenten gegen die Preiserhöhungen, die tagsüber friedlich und abends krawallartig verlaufen. Ich habe einige Bilder aus der Internetausgabe der Zeitung eingefügt:

Studentenproteste

Als ich morgens am TICEN ankomme, ist dort großer Ausnahmezustand: Schüler und Studenten organisieren gerade sehr effektiv eine Sitzblockade auf der Hauptverkehrsstraße vor dem Busbahnhof.
Hélvio schärft mir auf der Arbeit ein, der Desbobinador müsse kein verkaufsfähiges Produkt werden – ich solle noch einfacher konstruieren.
Abends treffe ich Sebastian, er hat Kartoffelsuppe gekocht. Im Fernsehen bringen sie Bilder von der Studentendemo: Proteste gegen die neuen Buspreise.
Luiz ist in Bahia auf einer Anwaltskonferenz und ich muss erst einmal ausschlafen.

Rückfahrt

Im Bus laufen nur Schrottvideos, also habe ich ausgeschlafen. In Floripa angekommen wurden die Buspreise von 1,60 auf R$ 1,75 angehoben. Ist mir egal, ich fahre auch feiertags mit meinem Vale Transporte.


Curitiba: Was eine große Rodoviária ist, hat ein Terminal für Inter- und Intrabundestaatenbusse

Oscar-Niemeyer-Museum

Heute um 8 sollte es zur Ilha do Mel gehen, der Honiginsel an der Küste Paranás. Leider waren für den historischen Zug schon alle Tickets ausverkauft – da wissen wir fürs nächste Mal, dass wir uns die vielleicht vorher besorgen sollten.


An einer anderen Wand hingen sechs Gummistiefel…

Aber Curitiba bietet ja auch eine ganze Menge, und so haben wir das Oscar-Niemeyer-Museum besichtet. Erwartet haben wir ein Museum über das Werk des bekanntesten brasilianischen Architekten, geboten bekommen haben wir ein Museum allerlei Gerümpel. Niemeyer hat nur das Museum entworfen, und das ist also nur von außen sehr schick:


Oscar Niemeyer war hier nur Architekt

Im historischen Zentrum haben wir zu Mittag gegessen, und danach in einem der Stadtparks entspannt. Abends haben wir in der Jugendherberge noch einen Schweden namens Daniel getroffen, der in Paris studiert. Ohne ein Wort Portugiesisch allein in Brasilien Urlaub machen – das ist schon krass. Mit ihm waren wir im Pub und im Schwarzwald – zwei Kneipen im historischen Viertel.

Curitiba

Nach dem „Frühstück“ im Hotel Vitoria (1,50 Reais extra, das kann nicht viel gewesen sein) haben wir mal in die Uni hereingeschaut, und einen netten Hörsaalspruch notiert:


Deutscher Schumachinho ist ein Eierlutschmäulchen

Danach haben wir uns schleunigst auf Hotelsuche begeben. Irgendwie wollte das nicht so recht gelingen, wir warfen Blicke in einige Billigabsteigen (wahrscheinlich nachts ein Rotlichtviertel), und sahen Luxushotels mit 80 Reais pro Nacht. Wo sind normale Zimmer, die 20 Reias pro Person kosten? Zufällig fanden wir die Jugendherberge in der Nähe des Shopping Estação (der alte Bahnhof ist jetzt Shopping Center – Wischmeyer: „Und irgendwann fährt gar kein Zug mehr ab vom Bahnhof und niemandem fällt es auf.“). Hier haben wir uns im dormatório, dem Schlafsaal eingemietet. Inzwischen wurde es Zeit, unsere Nachhut von der Rodoferroviária abzuholen: Markus und Christian trafen ein, und nach einem weiteren Eincheckmanöver in der Jugendherberge sind wir dann zum botanischen Garten gefahren (der heißt mehr als er ist, das ist eigentlich nur eine Grünfläche mit zwei Rosenbeeten), und nach einer Bus-Irrfahrt bei der Ópera de Arame, einem Freilufttheater angekommen. Hier war aber eine Graduationsfeier, so dass wir nicht reinkonnten, dafür haben wir im Bus eine portugiesische Studentin kennen gelernt, die in Rio studiert.


Das Glashaus im Hintergrund ist wohl neben diesen smarten Herren die einzige Attraktion des botanischen Gartens.

Abends standen weitere minutenlange Studien über die Warteschlangenbildung in einem kleinen Supermarkt auf dem Programm, unterbrochen von einem Supermarktpacker, der mit seinem Hubwagen etwa genau so lange brauchte, eine Palette einzuparken.


Historisches Zentrum – das ist wirklich schön. In der Bildmitte sind übrigens zwei omnipräsente brasilianische Telefonzellen zu erkennen – die orelhões (Riesenohren). Ich habe es schon mal geschafft, dagegen zu laufen, als ich telefonieren wollte – sie sind einfach zu niedrig angebracht.

Später durften wir auch tatsächlich das historische Zentrum entdecken, wo wir noch in einer Kneipe waren. Nach einer Stunde descansar in der Jugendherberge sind Steve, Christian und ich noch mal auf Kneipen- und Diskosuche gegangen, aber wieder in einer ähnlichen Videoké-Bar wie gestern gelandet. Abends finden die Partys wahrscheinlich weiter außerhalb des Zentrums statt. Schade eigentlich.

um pequininho quartinho

Nach dem Frühstück in der Pousada Schulz sind Steve und ich über Umwege zur Rodoviária gelangt. Da trifft man noch mal einen Deutschstämmigen, der uns erzählt, dass seine Tochter Architektur in Aserbaidschan studieren will, geht am Feiertag in einen Hipermercado, und gelangt mit dem Stadtbus schließlich zur Rodoviária.


Landschaft zwischen Joinville und Curitiba: Seen und hohe Berge

Durch das Gebirge geht es in zweistündiger Busfahrt in die Hauptstadt des Bundestaates Paraná. Curitiba hatte 1857 zehntausend Einwohner, 1950 etwa 300.000, und zählt heute mit 1,6 Millionen Einwohnern zu den größten Städten Südbrasiliens. In den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wuchs die Stadt schlagartig, und es gelang, ein vorbildliches Verkehrssystem sowie ein Programm zur Rettung der historischen Altstadt umzusetzen.


Glasschläuche als Bushaltestellen, wo die Busse passgenau anhalten und sich dann die Türen öffnen

Wir kommen an der Rodoferroviária an (ja, hier gibt es auch eine Eisenbahn), und machen uns auf Quartiersuche. Mit Hilfe einer ausgedruckten Liste mit Pousadas kommen wir nicht weit, und finden ein Hotel in der Nähe der Kathedrale. Eigentlich hätten wir schon beim Preis von 10 Reais pro Nacht und Person stutzig werden müssen, haben das Zimmer jedoch dann genommen. So musste der Dosensammler, der kurz nach uns ankam und um pequininho quadrinho (ein kleinstes Zimmerchen) suchte, leider diese Nacht auf der Straße verbringen. Das Zimmer war also in einer Absteige für die unteren Ebenen der brasilianischen Gesellschaft. Die Herbergsmutter war durchaus herzlich, aber nicht auf Gäste wie wir eingestellt. Nun wissen wir, warum man manchmal eben doch 20 Reais die Nacht zahlen sollte.
Am Nachmittag haben wir dann die Kathedrale besichtigt, von wo aus gerade die Fronleichnamsprozession gestartet war. Evtl. war Margot Honecker auch da, zumindest haben wir eine Frau gesehen, die ihr auffällig ähnlich sah.


In der Einkaufsmeile Rua quinze gab es mal eine Straßenbahn

Leider sind wir danach in die falsche Richtung gelaufen, und haben das historische Zentrum genau verfehlt. Auf der Frage nach dem Weg haben wir aber zwei Studentinnen aus Londrina kennen gelernt, die auf irgendeinem Kongress in der Stadt waren. Larissa und Klara sind sehr angenehme Leute, vor allem deshalb, weil sie auf unsere Herkunftsangabe nicht mit „Schumacher“ oder „Heil H…er“ reagierten, sondern man sich mit ihnen einfach gut unterhalten konnte.


Marcus, Karla, Steve und Larissa

Nach einer Pizza in der Kneipenstraße Rua 24 horas wurde es ziemlich kalt, um uns auf dem Rückweg aufzuwärmen sind wir noch in einer abgeschrammten Videoké-Bar gelandet, es hatte auch wegen dem Feiertag irgendwie nichts geöffnet.
Im Hotel Vitoria haben wir dann ernsthaft überlegt, aus hyginenischen Gründen angezogen zu schlafen.
Mehr zu Curitiba und dessen Verkehrssystem auf Wikipedia.


Ein Penner im Hotel Vitoria, wo morgens die Sonne durchs undichte Dach scheint

Joinville

Heute habe ich mein Notebook zu Hause gelassen, denn heute soll unser großer Ausflug über Joinville und Curitiba zur Ilha do Mel (Honiginsel) beginnen. Schließlich ist am Donnerstag Fronleichnam, und der Freitag ist in Brasilien ähnlich wie in Deutschland ein beliebter Brückentag. Bei Olsen müssen alle Mitarbeiter Zeitausgleich nehmen. So ein Tag auf der Arbeit ohne eigenen Rechner ist natürlich saumäßig langweilig, ich habe mir wieder freie Rechnerarbeitsplätze suchen müssen und begonnen, meinen angefangenen Praktikumsbericht ins Portugiesische zu übersetzen. Da ein Mittwoch vor einem langen Wochenende quasi ein Freitag ist, haben mir häufiger mal ein paar Kollegen über die Schulter geschaut und Ausdrucksfehler korrigiert.
Pünktlichst um sechs bin ich wieder mit Wanderlei Richtung Norden gefahren. Dieses Mal hat es nicht geregnet, so dass wir gut durchgekommen sind und er mich bis Joinville mitgenommen hat. Am Dienstagabend hatte ich nicht nur etwas Deutsches Bier für Wanderlei gekauft, sondern auch via Internet-Telefonie die Pousada Schulz klargemacht. Hier treffe ich Steve, der schon mit einigen Kollegen aus Jaraguá do Sul hochgekommen ist. Christian geht am Donnerstag noch auf die Hochzeit eines Kollegen in Blumenau, und auch Markus ist wieder fit, beide werden aber erst am Freitag in Curitiba zu uns stoßen. Steves Kollegen treffen wir in einer Kneipe in der Nähe des Mueller Shopping wieder. Einige von ihnen kenne ich schon aus Blumenau, inzwischen kann ich mir auch ihre Namen merken: Clodoaldo, Cristiano, Vinicio und Andrei. Zumindest Clodoaldo und Cristiano parecem muito alemão, sehen ziemlich Deutsch aus. Vinicio ist so ein Typ Ossistent, und fährt einen alten Ford Pampa (eine Art Escort mit Ladefläche), mit dem er andere Autofahrer zur Weißglut bringen kann, indem er ihnen im Schneckentempo die Vorfahrt nimmt. Wir waren mit ihnen noch in einer netten Studentendisko, wo eine Rockband aktuelle brasilianische Musik coverte, und in den Pausen wie so oft auf Techno umgeschaltet wurde.

Kalt auf der Arbeit

Als ich aufwache ist es auch zu Hause kalt. Ich drehe die Duschbrause ausnahmsweise auf Super Quente. Unsere Duschbrause zu Hause hat nämlich sogar vier Stufen: Aus, Moderado, Quente und Super Quente. Als ich in Brasilien angekommen bin, stand sie auf Moderado, und ich habe gedacht, die Brasilianer sind verrückt, wenn sie so heiß Duschen. Inzwischen ist das Haus ausgekühlt und die Zuflusstemperatur des Wassers sicherlich auch einige Dekaden kälter.


Die Dusche im Hermman ist abenteuerlich verkabelt. Vor dem Umschalten der Temperatur Dusche aussschalten!

Heute ist es auf der Arbeit auch kalt, es gibt natürlich keine Heizung. Also sitzt der brasilianische Bürobesatzer in Pullover und Jacke auf der Arbeit. Tudo tranqüile.