Tandempartnerschaft und Sushi

Abends habe ich mich wieder mit Vilson, dem Deutschlehrer, im Sprachzentrum getroffen. Wir werden ein Programm machen, was sich Tandempartnerschaft nennt: Man trifft sich, und redet die Hälfte der Zeit auf Portugiesisch, die andere auf Deutsch, über irgendwelche Themen, die einem gerade einfallen. Über die Wahlen für den StuRa in Florianópolis sind wir zum Fußball gekommen, und diskutierten über die Mehrdeutigkeit des Wortes „unentschieden“: Eine Personen kann (un-)entschieden sein (uma pessoa (in-)decidida), und eine Sache kann bisher nicht entschieden sein, dann heißt es indeciso. Ein Fußballspiel kann unentschieden enden (o jogo terminou empatado) – empate heißt Gleichstand. Daher kann eine Person niemals empatada sein.
Auch lernte ich weitere Feinheiten der Sprache: Ein Fußballspiel endet 3 zu 1, auf portugiesisch três a um. Aber ein Verhältnis (z.B. beim Mischen von Flüssigkeiten) ist 3 para 1, im Deutschen ebenfalls 3 zu 1.
Jetzt weiß Vilson, dass eine Kommune in Deutschland nicht nur die Stadt- oder Gemeindeverwaltung ist, sondern auch das 70er-Jahre Kultwort für Wohngemeinschaft, als die RAF die Schlagzeilen beherrschte.
Zur Deutschstunde bin ich heute nicht geblieben, habe mich aber statt dessen mit Vera, Sebastian, Anna, Rika, Takuyo und Dominik in einer Sushi-Bar in Lagoa de Conceição getroffen. Irgendwann sind auch noch Felipe und seine Freundin aus Maranhão hinzu gestoßen. In der Sushi-Bar gab es Gott sei Dank noch andere Sachen außer Rodízio de Sushi, so wählte ich ein japanisches Nudelgericht mit Gemüse und Hühnerfleisch, sehr schmackhaft.


Anna, Sebastian und Vera sind fast noch größere Sushifreunde als unsere beiden Japaner…

Dominik, der Physikstudent aus Freiburg, genießt seine letzte Woche in Floripa und versucht noch gerade krampfhaft, sein Surfbrett an den Mann zu bringen, bevor er sich wieder zu endlosen Messungen in sein UFSC-Physiklabor verkriecht:-)
Tja, und wir anderen sind schon ziemlich gespannt, schließlich wird es ein verlängertes Wochenende in São Paulo geben, wofür wir irgendwann mal im April die Tickets gekauft haben – ihr erinnert Euch? Aber eigentlich geht es nur in den Bundesstaat São Paulo, genauer gesagt nach São José dos Campos und nach Campos de Jordão. Ich melde mich, wenn ich wieder da bin.

Ein Montag wie jeder andere

Heute hat Wanderlei, meine Stammcarona nach Norden, gekündigt. Die lange Fahrt am Wochenende war ihm zu weit, und er hat in Joinville einen anderen Job gefunden. Das ist natürlich ein echter Verlust, und bei den Kündigungsfristen hier hat er morgen seinen letzten Arbeitstag. Ich habe mich derweil mal ein bisschen in die Statistische Prozessregelung eingearbeitet, die ja Adrián und Liliana hier einführen wollen. Ich erstelle gerade die Excel-Vorlagen dafür, das ist einigermaßen langweilig. Immerhin lerne ich ein paar vertiefende Excel-Funktionen. Schade, jetzt bräuchte ich Kenntnisse in Makroprogrammierung und VBA (Visual Basic for Applications).
Abends habe ich mich noch mit Markus getroffen. Langsam nimmt die Wohnungssuche Gestalt an. Sobald alles unter Dach und Fach ist, mehr auf dieser Welle.

Churrasco com Ricardo

So ein Tag kommt natürlich selten schwer in Gang. Ricardo hatte einige Tage zuvor Geburtstag, wegen einer Erkältung aber bisher nicht feiern können. Das hat er heute mit einigen seiner Freunde und uns nachgeholt.


Auf die Grundbedürfnisse reduziert: Bier, Grillen, Formel 1

Es gab Fleisch. Nur Fleisch. Kein Salat, keine Teller, keine Saußen. Aber lecker, nicht zuletzt weil auf Gaúcho-Art: in groben Salzkörnern paniert wird das Fleisch auf einen Grillrost gelegt, anstatt auf einen Spieß aufgesteckt. Einige Sachen werden auch aufgespießt, und später auf dem Rost weiter gebraten. Zwischendurch wechseln wir uns alle mal am Skype ab, synchronisieren mal wieder unsere Fotobestände und irgendwann abends mache ich mich mit Christian auf den Weg zur Rodoviária.

Jaraguá do Sul

Nach dem hastigen Frühstück in Christians Gastfamilie bringt uns der Gastbruder in die Stadt, und an der Rodoviária geht’s in den Pinga-Pinga, den Bummelbus nach Jaraguá. Für die 70 km braucht der mehr als 1,5 Stunden und hält an jeder Landbushaltestelle. Nach der Ankunft in Steves Wohnung, er wohnt mit Ricardo, einem weiteren WEG-Mitarbeiter zusammen in einer WG, machen wir uns nach einer Zwischenstation in einer Lanchonette auf den Weg zum Treffpunkt mit Wilson Bruch. Bruchi, so wird er hier ausgesprochen, ist ebenfalls ein Kollege von Steve und ehrenamtlicher Organisator des Jaraguáer Schützenfestes.


Bruch und Steve

Dahinter stehen einige Vereine, und Bruch engagiert sich im größten dieser Vereine, dem Clube Atlético Baependi. Es ist eine Mischung aus Karnevals- und Sportverein mit eigenem Stadion und Schwimmbad, und einem riesengroßen edlen Vereinshaus, wo heute eine vereinsinterne Feier stattfinden wird. Bruch hat uns eingeladen, und wir sind dabei. Zuerst gibt es einen Festumzug durch die Stadt, das ganze erinnerte etwas an eine Burschenschaftsprozession. In der Sociedade angekommen, gab es reichlich zu Essen und zu trinken. Dann kamen die Ehrungen für die besten Vereinsportler des Jahres, von Schwimmern, Keglern, Tischtennisspielern bis Schützen. Natürlich durfte dort unserer Schützenmeister, das ist der Titel von Bruch, auf dem Podium nicht fehlen. Schließlich wurde noch eine Misswahl durchgeführt, leider waren nur wenige junge Leute da. Dafür sprachen alle älteren fließend Deutsch. Ganz besonders für sie hat Christian dann noch mal seine Trompete hervorgeholt, als die Band schon Feierabend gemacht hatte. Bei der Band lief alles immer irgendwie auf „Anton aus Tirol“ hinaus, ähnlich wie Gitarrenspieler, die in ihre Konzentration auf die Basisakkorde von „Nothing else matters“ herunterfahren.


In der Band hatte Christian zuvor auch schon kräftig mitgetrötet.

Mit irgendeinem betrunkenen Rechtsanwalt haben wir dann im Schneckentempo Carona genommen.

Stippvisite in Blumenau

Meine Stammcarona Wanderlei ist schon am Donnerstag nach Joinville aufgebrochen, so dass ich heute nach der Arbeit wieder mit dem Bus nach Blumenau gefahren bin. Im Bus gab es ohne Ende Stress mit Tickets und den Sitzplätzen, weil die Schaffner vor Einlass in den Bus zwar das Fahrtziel kontrolliert hatten, aber dennoch Fahrgäste mit anderem Reiseziel im Bus saßen. Ich frage mich, ob man als Analphabet bei der Firma Auto Viação Catarinense als Busschaffner anheuern kann – offenbar. Im deutlich verspäteten Bus habe ich es tatsächlich geschafft, noch etwas am Praktikumsbericht zu tippen, bevor ich mich mit Christian in Blumenau in der neuen Chopperia getroffen habe. Wegen ausgeprägtem Hunger haben wir dann aber doch die Straßenseite gewechselt und sind mal wieder in der Tunga gelandet, hier ist der X-Salada einfach billiger. Übernachten konnte ich in Christians Gastfamilie, die ihr Zuhause ganz weit draußen hat.

Desbobinador fertig

…werde aber eines besseren belehrt: Schweißer Luiz hat ganze Arbeit geleistet, so dass der von mir konstruierte Desbobinador am Nachmittag seine Feuertaufe bestanden hat und nun in der Produktion eingesetzt wird.

A Argentina está qualificada para o copo de mundo!

Heute war großes Fußballspiel, o Brasil contre a Argentina. Was gleichbedeutend ist mit Deutschland gegen Holland. Als ich bei Vera und Sebastian ankomme, sind schon 20 Leute da, und das erste Tor ist gefallen. Für Argentinien. Neben den üblichen Verdächtigen (Anna und die beiden Japaner) rücken noch zwei weitere Deutsche (Dominik und Thomas), viele Brasilianer, einige Argentinier und eine Schwedin (auch Wirtschaftsingenieurin aus der ESTIEM-Gruppe in Stockholm) ins Appartement ein, doch alles Daumendrücken für die Brasilianischen Superstars um Ronaldinho Gaúcho hilft nichts: Zur Pause führen die deutlich überlegenen Argentinier 3:0, und als in der zweiten Halbzeit das 3:1 fällt, hört man keinen einzigen Jubelschrei auf den Straßen: Die Brasilianer sind schon im Bett. Schwache Leistung. Somit hat Argentinien als erste südamerikanische Mannschaft das Ticket zur WM in Deutschland sicher – und Brasilien noch nicht. Ich prophezeie, dass sich dieses auf das morgen zu erwirtschaftende BSP in Brasilien drastisch auswirkt – nämlich dass es gegen null gehen könnte…

Wohnungssuche die erste oder Wo bitte finde ich die Apotheke?

Leider hatte ich auf der Arbeit vergessen, mir die Handynummer eines Studenten aufzuschreiben, der ein Zimmer in seiner WG vermietet. Also habe ich dann in der UFSC mein Notebook in der Bibo aufgeklappt und nicht schlecht gestaunt, dass mein Tischnachbar ein deutsches Notebook mit deutschem Windows vor sich hatte: „Hey, bist Du ein Deutscher?“ frage ich. Nein, Vilson ist Brasilianer und Deutschlehrer, war bis vor kurzem für ein Jahr in Leipzig und spricht beinahe akzentfrei Deutsch. Falls ich nach meiner Wohnungsbesichtigung noch Zeit hätte, lädt er mich ein, noch in seiner Deutschstunde vorbeizuschauen.
Nun, die Wohnung war ein Flop, so ein paar schnoddrige Maschbauer mit illegal angezapftem Internet vom Nachbarn. So finde ich mich kurze Zeit später im Centro de Comunicação e Expressão, Sala 206 wieder, wo eine Handvoll Brasilianer, vom Maschinenbauer bis zum Wirtschaftsingenieur, gerade für das nächste Unibral-Programm lernen. Auf dem heutigen Stundenplan stehen Übungen zu Wegbeschreibungen auf Stadtplänen. Vilson hat einen kleinen Stadtplan auf die Tafel gemalt, und so heißt es durchfragen: Wo befindet sich die Apotheke? Immer geradeaus, und an der zweiten Kreuzung nach rechts in die Hauptstraße einbiegen.
Das war lustig, ich habe mich nützlich gemacht und Vokabeln an die Tafel geschrieben, hin und wieder nach dem Weg fragen müssen, und am Ende ein wenig erläutert, warum es in Deutschland den Buchstaben ß gibt. Auf dem Nachhauseweg habe ich mit zwei Studenten noch Palavrãos, Schimpfwörter ausgetauscht und bin ich sicher, dass ich dort noch einmal vorbeischauen werde.

Maria, cheia de graça

Heute bin ich noch gut in der Firma angekommen, aber die Internet-Gazetten verbreiten: Seit acht Uhr ist das TICEN wieder lahm gelegt. Dieses Mal sind es keine demonstrierende Studenten, die eine manifestação veranstalten, sondern die Motoristas und Cobradores: Busfahrer und Busschaffner streiken. Wenn schon die Kunden nicht protestieren, dann kann ja auch mal der Anbieter streiken… Solange sie nicht vor acht Uhr streiken und ich abends weiterhin bei Claudio Carona nehmen kann, kann mir das egal sein.
Abends habe ich mich mit Adrián und Liliana in ihrem Laboratório in der UFSC getroffen. Sie haben mir einige Sachen zur statistischen Prozessregelung erklärt, die in Brasilien CEP heißt – Controle estatitístico do processo.


mit Adrián und Liliana, den Doktoranden für Qualitätsmanagement in der UFSC

Danach waren wir noch in der Bar de Nina, wo beide nicht müde wurden, mit mir über japanische Qualitätsbegriffe zu diskutieren, so dass unsere virtuellen Tischnachbarn Ishikawa, Kaizen und Poka Yoke heißen.
Irgendwann kommt ein Freund von Liliana vorbei, der wie Liliana aus Bogotá stammt: Heute laufe doch ein kolumbianischer Film im Kulturkino CIC, und ob wir nicht Lust hätten, mitzukommen? Adrián lehnt ab, aber ich lass mir dass nicht zweimal sagen, werde durch die Hilfe kolumbianischer Studenten geschickt an der langen Schlange vorbeigeschleust und lande dieses Mal im großen Saal des CIC, wo es heute den pünktlich zum Beginn von „Maria cheia de graça“. In Deutschland müsste er vor kurzem als „Maria voll der Gnade“ im Kino angelaufen sein. Die 17-jährige Maria wird im ihrem tristen Rosenschnippler-Leben als Drogenkurierin angeworben, und schmuggelt in ihrem Körper würstchenartig verpacktes Heroin nach New York.

Ich habe den Film sehr gemocht, einzig Liliana war nicht zufrieden: Kolumbien habe in der Welt zu Unrecht ein Drogenimage, und der Film würde dieses befördern anstatt mit dem Vorurteil aufzuräumen.
Aus Deutschland gibt es gute Nachrichten: Endlich ist die Einladung für Franziska von der UFSC angekommen, dass sie sich ab Juli hier immatrikulieren kann. Am 13. Juli wird sie in Florianópolis eintreffen, so dass ich diesem Tagebuch jetzt eine neue Autorin hinzufügen werde. Außerdem heißt es nun: Franziska und Marcus in Brasilien.

Autobahn, bring mi haam

Markus und ich repräsentieren ja sozusagen die Küstenkinder unter uns Austauschstudenten. So gelang es uns heute, früh aufzustehen, schließlich wollten wir bei diesem schönen Tag noch mal in Floripa an den Strand. Wir erwischten nicht nur einen Direito nach Florianópolis, sondern auch zwei der vorderen Plätze in der oberen Busetage. Ein perfekter Ausblick, um ein paar Fotos von allen Weichenstellern zu machen, die sich so auf einer Autobahn herumtreiben.


Müllsammler in Balneário Camboriú


Fußgänger in Balneário Camboriú


Kleine Zwischenräume im Mittelstreifen ermöglichen es Fußgängern und Radfahrern, die Autobahn zu queren.


In dieser Siedlung haben sich die Einwohner mal an einer Fußgängerbrücke versucht (hier gibt es ja auch keine Zwischenräume im Mittelstreifen) – scheiterten allerdings wohl schon vor einigen Jahren…


Einfahrt nach Floripa über die Zubringerautobahn auf Continente


Ab auf die Insel

Wir kamen bereits um 13 Uhr in Floripa an, und die Verabredung lautete: Nach Hause, umziehen, ab an den Strand, frühstmögliches Treffen am TILAG.
Markus hatte es aber offenbar nicht so eilig, so bin ich schon mal vorgefahren, nachdem ich schon einen weiteren Bus am TILAG abgewartet hatte, um wenigstens noch ein paar Sonnenstrahlen zu genießen. Als Markus ankam, ging die Sonne schon fast unter, es wurde kalt, also ab nach Hause.