Gestern habe ich Luiz und Michelle zufällig einige idiomatische Begriffe, besser als Sprichwörter bekannt, gelernt. Nachdem sie mir versucht hatten, eine Sache zu erklären, und dieses einigermaßen lange gedauert hat, bis ich es verstanden hatte, habe ich ihnen erklärt: In Deutschland würde man jetzt sagen: Der Groschen ist gefallen. Oh, riefen sie, das gibt es auch im Portugiesischen: a ficha caiu. Aber was ist ficha? Denn Münzen heißen moedas, und alles was unter einem Real liegt, hört auf centavos. Haben die Geldstücke etwa auch apelidos, Spitznamen, wie etwa der deutsche Groschen? Nein, ficha ist etwas anderes: Vor nicht allzu langer Zeit wurde Brasilien immer wieder von schweren Inflationen heimgesucht. Und als es noch keine Kartentelefone gab, kauften die Leute Wertmünzen für Telefonzellen. Es wäre nämlich zu aufwändig gewesen, täglich die Tarife in den Millionen von Telefonzellen anzupassen, oder die Telefonzellen mit neuen Münzwaagen auszustatten. So konnte man in den Kiosken – zu inflationär steigenden Preisen – diese Wertmünzen namens ficha erwerben. Die natürlich ebenso wertlos wie das Geld waren, aber wie der Groschen auch nach ihrer Abschluss ihrer betrieblichen Nutzungsdauer der Sprache dauerhaft erhalten bleiben.
Seit heute habe ich auf der Arbeit eine Menge zu tun: Nach 5 Wochen betteln habe ich jetzt ein Login für den Linux-Server und soll Skripte programmieren, größtenteils Relatórios, Berichte, z.B. über einen Projektfortschritt. Und da ich programmiertechnisch ein ziemlicher Anfänger bin, wälze ich mich jetzt erst einmal durch Internetforen o.ä. zum Thema. Ein paar Sachen habe ich heute auf Anhieb geschafft, war regelrecht stolz auf mich.
Zwischendurch kreiste öffentlich der Stundenzettel rum. Dort stand drauf, wie sich bei jedem Mitarbeiter die Banco das Horas, das Stundensaldo, seit Monatsbeginn entwickelt hat. Man musste das unterschreiben, warum weiß ich auch nicht. Jedenfalls habe ich jetzt 18 Überstunden, ist ja auch kein Wunder wenn ich mit 40-Std-Vertrag 44 Stunden arbeite, wie alle anderen regulär. Dafür werde ich dann zum Ende und an günstigen Wochenenden mal Zeitausgleich – compenzação – nehmen. Das wird auch kein Problem sein, Tranqüile!
Heute Nachmittag rief mich Hélvio zu sich. (Nachdem er gestern geschäftlich in São Paulo war – das war der lässigste Tag aller Mitarbeiter, es wurde Kuchen bestellt, gemeinsam haben wir so eine Art Berliner mit Catupiry = Frischkäsefüllung gegessen.) Heute hatte Hélvio einen Doutorando und eine Mestranda – eine Masterstudentin – von der UFSC mit dabei, die mit mir gemeinsam etwas in Richtung CEP bei Zukaufteilen sowie Prozessrationalisierung in der Produktion machen sollen. CEP ist in Brasilien nicht nur die Abkürzung für Postleitzahl, sondern heißt auch controle estatístico de processo. Spezieller Gruß an Ilmenauer Studenten: Da habe ich jetzt also als Kollegen neuerdings einen Holm II. und eine Nadin II., zumindest auf den ersten Eindruck. Holm II. heißt Adrián und hat die Hosen an, Liliane hat bisher noch nicht so viel gesagt. Interessant ist, dass beide aus Argentinien bzw. Kolumbien kommen und ihre (oder vielmehr seine) erste Frage lautete: Sabes falar espanhol? – Ne, das vergesst man ganz schnell, ihr Spanjockels, ich hab schon mit Portugiesisch genug zu kämpfen.
Themenwechsel:
Franziska bittet darum, dass ich doch mal mehr als nur erwähnen solle, dass ich mir hier ein Hausmädchen leiste. Erwähnt habe ich es am 5. März, man möge es im Archiv nachschlagen. Interessant ist die Geschichte dennoch: Irgendwann um diese Zeit fragte mich Luiz, ob ich eigentlich meine Wäsche selbst machen wolle. Ich könne das machen, eine Waschmaschine stehe in einem Gartenschuppen, aber eigentlich wäre es doch verschwendete Zeit. Michelle und er hätten keine Lust dazu, und deswegen hätten sie Claudia eingestellt: Sie kommt jeden Dienstag- und Samstagmorgen, putzt, wäscht ab, wäscht und bügelt die roupas. Ich könne das selbst machen – aber ich könne auch Claudia 40 Reais im Monat in die Hand drücken. Nun, ich habe da nicht lange überlegt: Ich müsste mindestens zwei Stunden pro Woche investieren, hier schwitzt Mann um einiges mehr, macht acht Stunden im Monat, gegen den Lohn von etwa 12 Euro. Claudia. Ich denke, dass sie bei Luiz und Michelle und mir etwa mit 150-180 Reais rausgehen wird. Dann wird sie noch in der Woche bei anderen Leuten arbeiten (Hausmädchen werden übrigens per Mundpropaganda in der Nachbarschaft weitervermittelt – ein guter Leumund wird da einiges wert sein), ich kann mir vorstellen, dass Claudia durchaus auf ihre 800 Reais Monatsgehalt kommt – was 2,5 mal so viel wie der Mindestverdienst ist. Somit wird Claudia so schlecht nicht dastehen.
Es geht nämlich auch weit tiefer: Irgendwo haben wir mal erfahren, dass ein Dosensammler pro Kilo gesammelter Dosen 3 Reais vom Schrotthändler bekommt. Wenn Du auf der Straße mit einer Getränkedose, die es hier en masse gibt, herumläufst, hast Du garantiert bald einen an der Hand, der Dir die leere Lata abschwatzt. Soll er haben. Leider habe ich hier gerade weder eine Küchenwaage noch eine leere Dose zur Hand, aber die Dosen sind dünner ausgewalzt als wie sie es in Deutschland waren. Das heißt, der Kamerad muss ganz schön viele Mülleimer durchsuchen, bis er sein Kilo zusammengekratzt hat. Eine gefüllte Bierdose kostet etwa genauso viel.
Da haben wir es wieder: Alle Extreme liegen auf dichtestem Raum nebeneinander. Das sagt sich – implizit – auch die brasilianische Bundesregierung, die ein sehr schönes Markenlogo hat:

Brasilien – ein Land für alle
Um Armut und Hunger entgegenzutreten, gibt es das Programm fome zero (null Hunger)
Wobei die Wirkungen wohl maximal langfristig in Erscheinung treten werden.
