Holm II. und Claudia I.

Gestern habe ich Luiz und Michelle zufällig einige idiomatische Begriffe, besser als Sprichwörter bekannt, gelernt. Nachdem sie mir versucht hatten, eine Sache zu erklären, und dieses einigermaßen lange gedauert hat, bis ich es verstanden hatte, habe ich ihnen erklärt: In Deutschland würde man jetzt sagen: Der Groschen ist gefallen. Oh, riefen sie, das gibt es auch im Portugiesischen: a ficha caiu. Aber was ist ficha? Denn Münzen heißen moedas, und alles was unter einem Real liegt, hört auf centavos. Haben die Geldstücke etwa auch apelidos, Spitznamen, wie etwa der deutsche Groschen? Nein, ficha ist etwas anderes: Vor nicht allzu langer Zeit wurde Brasilien immer wieder von schweren Inflationen heimgesucht. Und als es noch keine Kartentelefone gab, kauften die Leute Wertmünzen für Telefonzellen. Es wäre nämlich zu aufwändig gewesen, täglich die Tarife in den Millionen von Telefonzellen anzupassen, oder die Telefonzellen mit neuen Münzwaagen auszustatten. So konnte man in den Kiosken – zu inflationär steigenden Preisen – diese Wertmünzen namens ficha erwerben. Die natürlich ebenso wertlos wie das Geld waren, aber wie der Groschen auch nach ihrer Abschluss ihrer betrieblichen Nutzungsdauer der Sprache dauerhaft erhalten bleiben.
Seit heute habe ich auf der Arbeit eine Menge zu tun: Nach 5 Wochen betteln habe ich jetzt ein Login für den Linux-Server und soll Skripte programmieren, größtenteils Relatórios, Berichte, z.B. über einen Projektfortschritt. Und da ich programmiertechnisch ein ziemlicher Anfänger bin, wälze ich mich jetzt erst einmal durch Internetforen o.ä. zum Thema. Ein paar Sachen habe ich heute auf Anhieb geschafft, war regelrecht stolz auf mich.
Zwischendurch kreiste öffentlich der Stundenzettel rum. Dort stand drauf, wie sich bei jedem Mitarbeiter die Banco das Horas, das Stundensaldo, seit Monatsbeginn entwickelt hat. Man musste das unterschreiben, warum weiß ich auch nicht. Jedenfalls habe ich jetzt 18 Überstunden, ist ja auch kein Wunder wenn ich mit 40-Std-Vertrag 44 Stunden arbeite, wie alle anderen regulär. Dafür werde ich dann zum Ende und an günstigen Wochenenden mal Zeitausgleich – compenzação – nehmen. Das wird auch kein Problem sein, Tranqüile!
Heute Nachmittag rief mich Hélvio zu sich. (Nachdem er gestern geschäftlich in São Paulo war – das war der lässigste Tag aller Mitarbeiter, es wurde Kuchen bestellt, gemeinsam haben wir so eine Art Berliner mit Catupiry = Frischkäsefüllung gegessen.) Heute hatte Hélvio einen Doutorando und eine Mestranda – eine Masterstudentin – von der UFSC mit dabei, die mit mir gemeinsam etwas in Richtung CEP bei Zukaufteilen sowie Prozessrationalisierung in der Produktion machen sollen. CEP ist in Brasilien nicht nur die Abkürzung für Postleitzahl, sondern heißt auch controle estatístico de processo. Spezieller Gruß an Ilmenauer Studenten: Da habe ich jetzt also als Kollegen neuerdings einen Holm II. und eine Nadin II., zumindest auf den ersten Eindruck. Holm II. heißt Adrián und hat die Hosen an, Liliane hat bisher noch nicht so viel gesagt. Interessant ist, dass beide aus Argentinien bzw. Kolumbien kommen und ihre (oder vielmehr seine) erste Frage lautete: Sabes falar espanhol? – Ne, das vergesst man ganz schnell, ihr Spanjockels, ich hab schon mit Portugiesisch genug zu kämpfen.
Themenwechsel:
Franziska bittet darum, dass ich doch mal mehr als nur erwähnen solle, dass ich mir hier ein Hausmädchen leiste. Erwähnt habe ich es am 5. März, man möge es im Archiv nachschlagen. Interessant ist die Geschichte dennoch: Irgendwann um diese Zeit fragte mich Luiz, ob ich eigentlich meine Wäsche selbst machen wolle. Ich könne das machen, eine Waschmaschine stehe in einem Gartenschuppen, aber eigentlich wäre es doch verschwendete Zeit. Michelle und er hätten keine Lust dazu, und deswegen hätten sie Claudia eingestellt: Sie kommt jeden Dienstag- und Samstagmorgen, putzt, wäscht ab, wäscht und bügelt die roupas. Ich könne das selbst machen – aber ich könne auch Claudia 40 Reais im Monat in die Hand drücken. Nun, ich habe da nicht lange überlegt: Ich müsste mindestens zwei Stunden pro Woche investieren, hier schwitzt Mann um einiges mehr, macht acht Stunden im Monat, gegen den Lohn von etwa 12 Euro. Claudia. Ich denke, dass sie bei Luiz und Michelle und mir etwa mit 150-180 Reais rausgehen wird. Dann wird sie noch in der Woche bei anderen Leuten arbeiten (Hausmädchen werden übrigens per Mundpropaganda in der Nachbarschaft weitervermittelt – ein guter Leumund wird da einiges wert sein), ich kann mir vorstellen, dass Claudia durchaus auf ihre 800 Reais Monatsgehalt kommt – was 2,5 mal so viel wie der Mindestverdienst ist. Somit wird Claudia so schlecht nicht dastehen.
Es geht nämlich auch weit tiefer: Irgendwo haben wir mal erfahren, dass ein Dosensammler pro Kilo gesammelter Dosen 3 Reais vom Schrotthändler bekommt. Wenn Du auf der Straße mit einer Getränkedose, die es hier en masse gibt, herumläufst, hast Du garantiert bald einen an der Hand, der Dir die leere Lata abschwatzt. Soll er haben. Leider habe ich hier gerade weder eine Küchenwaage noch eine leere Dose zur Hand, aber die Dosen sind dünner ausgewalzt als wie sie es in Deutschland waren. Das heißt, der Kamerad muss ganz schön viele Mülleimer durchsuchen, bis er sein Kilo zusammengekratzt hat. Eine gefüllte Bierdose kostet etwa genauso viel.
Da haben wir es wieder: Alle Extreme liegen auf dichtestem Raum nebeneinander. Das sagt sich – implizit – auch die brasilianische Bundesregierung, die ein sehr schönes Markenlogo hat:


Brasilien – ein Land für alle

Um Armut und Hunger entgegenzutreten, gibt es das Programm fome zero (null Hunger)
Wobei die Wirkungen wohl maximal langfristig in Erscheinung treten werden.

Erkältet – und Rückstand aufgeholt

Seit gestern kenne ich einige neue Vokabeln aus dem Gesundheitsbereich: Doktor Luiz hat mir Vitamintabletten (comprimidos erfervescentes) und Polivitaminas verschrieben. Denn ich bin erkältet, com narriz entupido. Carlos geht es in Deutschland ähnlich, schreibt er: Saukalt, aber Heizung und WLAN in den Gebäuden. Beides gibt es hier nicht.
Dafür gibt es an dieser Stelle sozusagen eine Erfolgsmeldung: Ich habe in den letzten Wochen nach und nach alle Berichte aus der letzten Märzwoche und den ersten Aprilwochen aufgearbeitet, so dass die Indexseite für einige Tage alle Berichte seit Foz zeigen wird (und daher etwas länger lädt, um wirres umhersuchen zu vermeiden). Man muss quasi nur artikelweise von unten nach oben lesen, was schwierig genug ist.
Und mir ist heute wieder eingefallen, dass mein Provider eine eingebaute Seitenstatistik hat, auf die ich mal geschaut habe: Ich grüße alle fleißigen Praktikantenlesezirkel von den Hosts volkswagen.de, porsche.de und brose.de sowie diverse Auslandsstudenten in Prag (eri***.mk.cvut.cz), Norwegen (s***c.studby.ntnu.no), Riga, Namibia, Neuseeland, Mexiko und natürlich meinen Lieblingsserver brain.rz.tu-ilmenau.de
Eine weitere technische Neuerung: Mein Tagebuch lässt sich ab sofort auch mit einem Lesegerät für dynamische Lesezeichen (Site Feed) lesen. Dazu braucht man nur einen guten Webseitenbetrachter. Andere Leute ohne Internetanschluss bekommen mein Tagebuch sicherlich auch heute zu ihrem Geburtstag in gewohnter Form von meinem Vater ausgedruckt und per Post zugestellt-:) Dafür ganz herzlichen Dank.

Dia das Mães: Muttertag

Für Michelle habe ich eine Kiste Ferrero Rocher und Luiz kommt mit einem großen Blumenstrauß. Als ich um 7 Uhr aufstehe, ist er schon wach und schreibt an irgendeinem englischen Fachartikel. Kurz nach dem Frühstück treffen die ersten fleißigen Hände ein, die Obst und Gemüse schälen und den Churrascoofen in Gang setzen.


Terese und Alessandra schnippeln allerlei Gemüse

Das heutige Fest, erklärt Michelle, feiern alle Leute aus der Studentengemeinde, deren Eltern zu weit weg wohnen, als dass man sie übers Wochenende besuchen könnte. Karina aus Rio Grande de Sul, Hallthmann aus Pará an der Amazonasmündung, Cássia und Fábio aus Paraná, Studenten aus Minas Gerais und Maranhão – ein ganzer Kontinent in unserem Haus. Leonice feiert sozusagen ihren ersten Muttertag – sie ist jetzt fast im siebten Monat schwanger.
Etwa 35 Leute sind dabei, und es ist ein schönes Fest, es wird gebetet und gesungen, es gibt in Brasilien nämlich auch extra Lieder zum Muttertag. Dem reichhaltigen Buffet werden mitgebrachte Punddingcremen und andere Sobremesas hinterher geschoben, und dann folgen Gesellschaftsspiele wie Trivial Pursiut.


Es gab übrigens Feijoada, das hatte ich noch nicht erwähnt

Da komme ich aber beim besten Willen mit meinen Sprachkenntnissen nicht mit, und außerdem warten auch Muttern und Schwiegermuttern auf Anrufe, und so setze ich mich ans Skype, wo ich fast den ganzen Abend verbringe.


Matscher in Ilmenau, Matthias in München, Eric in Prag, MMG in Florianópolis

Friseur

Am nächsten Morgen weiß er von alledem natürlich nichts mehr, als ich ihm am Frühstückstisch von den Ereignissen der letzten Nacht berichte. Nach dem Frühstück machen wir noch etwas descansar, da wir erst um 11 auschecken müssen. Christian fällt in mein Bett – da kann man mal sehen wie gut der sich selbst heute Morgen noch fühlen muss.


MMG beim Friseur

Auf dem Weg zum Neumarkt Shopping Center, wo wir uns mit Steve treffen wollen, kommen wir an einem Friseurladen vorbei, und denken beide: Ja, das müsste bald sein. Steve sieht das nicht so, erklärt sich aber gern bereit, mitzukommen. Im Neumarkt gibt es zwar auch einen Friseur, der ist uns aber mit 28 Reais zu teuer. In dem kleinen Laden, wo 4 Friseure arbeiten und Männer zwischen 20 und 60 Jahren im Zwanzigminutentakt abfertigen, zahlt jeder 10 Reais. Perfekt.


Haarewaschen kostet nicht unbedingt mehr: Christian

Ich kaufe mir in einem Kiosk in der Stadt noch ein Ticket für einen Semidireito heute Nachmittag, wir lernen unser erstes Kilorestaurant kennen, in dem es nicht schmeckt (wenngleich es Buffet livre mit Suco und Sobremesa für 5,50 Reais gibt).
Ich versuche noch Edgar zu erreichen, es ist aber heute Pfarrfest in seiner Gemeinde, wo wir dann einfach auf Gut Glück hingehen. Es war aber schon am Nachmittag, da war da eher weniger los und Kinderprogramm. Dennoch qualmten die Churrascoöfen aus allen Rohren, wie es Edgar uns prophezeit hatte. Edgar mache wohl gerade descansar, Steve und Christian bleiben noch da. Ich mache mich auf zur Rodoviária (auch hier: alles voll. Vor drei Wochen war da kein Mensch) und fahre zurück nach Florianópolis.
Zu Hause angekommen sind die Vorbereitungsarbeiten für den sonntäglichen Festtagschmaus bereits in vollem Gange. Es wird Feijoada geben, welches schon in großen Drucktöpfen vor sich hin kocht. Alicia, eine Freundin aus der Studentengemeinde, hilft mit, ich bediene die Knoblauchpresse, wasche ab, sammle mit Luiz Zubringerprodukte von anderen Leuten, die auch am Kochen sind, ein, und irgendwann ist es schon Mitternacht, als ich müde von der Reise und etwas erkältet von der Busklimaanlage ins Bett falle.

irgendwie ein verbockter Tag

Morgens bin ich kaum aus dem Bett gekommen, in Zweifeln, ob ich nicht ein Wochenende zum Ausspannen bräuchte und den Jungs für Blumenau absagen sollte. Na ja, was soll’s am Ende habe ich doch meine Tasche gepackt und beschlossen, am Samstagabend wieder zurück nach Florianópolis zu fahren. Den Dia das Mães, den Muttertag, werde ich doch mit meiner mãe brasilieira verbringen wollen, außerdem wird es bei uns zu Hause ein großes Fest mit der Studentengemeinde geben.
Auf zur Arbeit. Mit Hélvio und Uilians habe ich zunächst eine Besprechung, sie unterhalten sich über den Projektfortschritt bei der Einführung der neuen Produktreihe. Ich soll berichten, wie man mit Dotproject neue Aufgaben an freie Mitarbeiterkapazitäten vermitteln kann. So etwas geht, aber dazu bräuchte man eine Projektzeiterfassung, die registriert, wie viele Stunden welcher Mitarbeiter an welcher Aufgabe sitzt, und daraus die Gesamtauslastung jedes Mitarbeiters addiert. Dafür bräuchte ich die Daten, die nicht erfasst werden. Das leuchtet auch Hélvio ein. Selbst wenn ich die Daten hätte, werde ich mich wohl bald noch etwas mehr in PHP/MySQL-Programmierung einarbeiten müssen, ich muss da noch einige Spalten zu Berichtsabfragen hinzufügen… Jetzt bräuchte ich einen Martin Sawitzki oder einen Michael Menges hier! (Ist kein Witz, ich schaffe hier gerade einen Arbeitsplatz für einen „technischen Assistenten“, der sonst Berichte in Word zusammenstellt und von Hand berechnet, ab und schaffe einen für einen Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker, der das System betreuen kann. Hausinformatiker Marcelo hat nämlich auch nicht so viel mehr Ahnung von der Materie als ich). Der technische Assistent hat übrigens auch die Aufgabe, solche tausendfüßigen Chipsätze zu programmieren, die in die Steuereinheiten der Zahnarztstühle eingebaut werden. Dazu ruft er ein Linux-Programm (ja, so etwas gibt es im Microsoft-verrückten Brasilien) auf, und spielt an einem Tag der Woche 4 Stunden lang irgendwelche Steuersoftware auf die Chips einzeln auf, 20 Sekunden pro Chip.
Eine noch stupidere Aufgabe hat nur Simone: sie hat heute Werkstattzeichnungen in Klarsichthüllen verpackt, aktenordnerweise. Das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn sie die Klarsichthüllen nicht vorher lochen müsste. Denn den in Deutschland üblich weißen Lochstreifen gibt es hier wohl nicht, das sind einfach etwas breitete Klarsichttaschen.
Ich habe heute Federn für die Einstellung der Lagerweite meines Desbobinadores berechnet, und da ich meine Maschinenelemente-Unterlagen nicht da habe, und ich auf die TU-Downloads und ein brasilianisches Tabellenbuch mit DIN-Normen von 1940 zurückgreifen musste, habe ich damit auch locker den Nachmittag rumgebracht.


Die Rodoviária sieht aus wie eine Expo-Halle in 20 Jahren

Claudio hat mich dann in der Rodoviária abgesetzt, und da vor zwei Wochen dort nicht viel los war, habe ich mir auch vorher kein Ticket via cartão crédito gekauft. Heute war das ein kapitaler Fehler: Am Muttertag scheint es Brasilianer in Scharen an ihre Heimstatt zu ziehen, mit Geschenken wie zu Weihnachten beladen glich die im schlichten Betonstil gehaltene Rodoviária einem Basar. Ein Ticket für den Direktbus nach Blumenau habe ich nicht mehr bekommen, die Schlange war zu lang und als ich an der Reihe war, der Bus ausgebucht. Im Bus später sitze ich nun, ein Communal, der an jeder Milchkanne anhält.

Als ich auf den Bus warten musste: Florianópolis bei Nacht

Seit einer Stunde stehen wir im Stau, und das ist der Grund, warum ich dann auch irgendwann mein Notebook aufgeklappt habe, und etwas ausführlicher schreibe. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir gerade mal 20 km aus Florianópolis raus sind, Blumenau in weiter Ferne liegt, und inzwischen der Stau von hinten aufgerollt wird und uns die Autos auf unserer Autobahnfahrspur entgegenkommen. So was habe ich auch mal in Deutschland mitgemacht, sehr lustig und langwierig und mit einem Bus sicher nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen.
Inzwischen haben wir die Unfallstelle passiert, drei ineinander verkeilte LKW. Dazwischen ein paar Autos, die aber von einem der LKW, einem Autotransporter, heruntergefallen sind.
Ein LKW liegt quer über allen Fahrspuren der Gegenfahrbahn, und die Betonsegmente des Mittelstreifens, die dabei auf unserer Fahrbahn geschleudert wurden, sind inzwischen auch weggeräumt. Mit einem einfachen Abschleppwagen versuchen die Jungs jetzt, den quer liegenden Lastwagen erstmal auf der Seite liegend von der Straße zu ziehen, damit in der Gegenrichtung wenigstens eine Fahrspur wieder geöffnet werden kann. Schweres Gerät wird sicher eh nicht vor morgen anrücken. Inzwischen ist es 22:04 Uhr, mal schauen wann wir in Blumenau ankommen werden – eigentlich jetzt. Ich klappe das Notebook zu.
(Im Bus zurück klappe ich es jetzt gerade wieder auf).
Um fünf Minuten vor eins checke ich nachts im Hotel Hermann ein. Steve hatte bereits ein Doppelzimmer reserviert, wir sind da ja sozusagen schon bekannt. In Blumenau funktioniert auch mein Handy wieder, so dass ich zunächst einmal versuche, Christian und Steve zu erreichen. Mehr als dass sie mit einem Arbeitskollegen von Steve in die Danceteria „Observatório“ wollten, welche sich in der Nähe des Universitätscampus befinden soll, weiß ich nicht. Ich frage mich also mal wieder durch, wie so häufig, und gelange zum Ziel. Inzwischen habe ich so eine grobe Orientierung in Blumenau, und wenn mit jemand sagt: „Das sind 5 km bis dahin“, weiß ich, dass die Leute hier zu Übertreibungen neigen. Und ich sollte mir doch besser ein Taxi bestellen. Fußfaule Brasilianer, ich weiß genau, dass es max. 1,5 km sind und laufe weiter, nicht ohne erzählt zu haben, dass es in Deutschland Militärdienst gibt, wo man 40 km am Tag marschieren müsste. Auch wenn ich nicht beim Bund war: Das zieht. Und auf dem Weg wird mir klar, dass sowohl Bundeswehr als auch Zivildienst in Deutschland immerhin den Vorteil haben, dass sie erheblich zum Erwachsenwerden beitragen. Also genau das richtige für Carlos’ Freunde.
Im Observatório eingetroffen treffe ich Christian und Steve mitsamt Kollegen Egard und seinen Freunden sofort. Gott sei Dank, endlich mal wieder ein ordentlicher Schuppen für normale Leute und kein Schicki-Micki. Studenten, eine Rockband die unter anderem AC/DC (die Betonung liegt hier auf dem letzten C und nicht auf dem D wie in Deutschland) spielt. Spätestens als Steve zum dritten Mal fragt: „Sag mal Marcus, wo hast du eigentlich Deine Sachen?“ und „Marcus, hast du eigentlich schon beim Hermann eingecheckt?“ wird mir klar, dass beide schon gut dabei sind. Egard besteht darauf, uns nach Ende der Party noch nach Hause zu fahren. Da Forsti einen Zustand erreicht hat, der es ihm nicht ermöglicht, mit dem ersten Bus heimzukommen, übernachtet Steve bei Egard und Forsti mit im Hotel.

Aniversário

Heute ist Christi Himmelfahrt. In Deutschland nicht nur ein Feiertag, sondern ein Feriadão, ein langer Feiertag. Mal ehrlich: Wer geht dann da am Freitag zur Uni?
Wichtiger ist, dass ich heute Geburtstag habe. Also habe ich bei jedem im Büro (ca. 20 Personen) ein Ferrero Rocher auf den Platz gelegt und am Wasser- und Kaffeespender einen Teller mit kleinen Süßigkeiten aufgestellt. Der Mitdenkende unter diesen Tagebuchlesern hat sicher schon Mitleid mit mir, denn er hat daraus geschlossen, dass hier heute weder Feriado (Feiertag) noch Feriadão, noch Feriadinho (kleiner Feiertag) ist, sondern ein ganz normaler Arbeitstag. Alle gratulieren mir, und dann setze ich mich mit Diogo wieder ans SolidWorks. Für Leute, die ich gut kenne, habe ich noch ein paar Rochers in der Gaveta, in der Schreibtischschublade, wenn z.B. unsere Informatiker Sandro und Marcelo, die in einem Büro arbeiten, mal reinschneien. Irgendwann vormittags kommt die Sekretärin von Cesar herein und überreicht mir eine Glückwunschkarte vom Chef:

Als Dank gibt’s ein Rocher.

Den Nachmittag verbringe ich mit einigen Berechnungen, und dann kommt noch die Personalsekretärin: Geld! Die Abrechnungsperiode reicht eigenartigerweise nicht vom Monatsersten bis zum folgenden Monatsersten, sondern die Trennung ist am 25. So bekomme ich dieses Mal noch kein volles Monatsgehalt. Ich muss unterschreiben, dass ich mit den zeiterfassten Stunden concluído, einverstanden, bin, und erhalte mein Geld, in bar.

Als Dank gibt’s ein Rocher.

Das liegt aber nur daran, dass ich kein Konto bei der Banco do Brasil habe, die meisten Leute haben dort ein Konto und bekommen ihr Gehalt überwiesen. Jones fragt, ob in Europa der salário auch montlich gezahlt würde, oder wöchentlich wie in den Estados unidos. In der Firma, wo er zuvor gearbeitet hatte, gab es eine Niederlassung im Amazonasgebiet und in Bahia. Dort habe man den Lohn stets täglich bezahlt. Sonst würden sich die Arbeiter heillos betrinken, und am nächsten Tag nicht auf der Arbeit erscheinen. Oder halt 2 Tage Karneval feiern, aber so das Vorurteil, in Bahia, der Wiege des Karnevals, würden die Leute ja eh das ganze Jahr über Karneval feiern. Das sind weit verbreitete innerbrasilianische Vorurteile und Konflikte, der reiche Süden gegen den armen Norden.
Danach ging’s dann auch schon schwer auf Feierabend zu, und während ich noch mit Diogo in Excel meine und seine Stunden durchrechne, kommt Hélvio. Also schnell wieder auf SolidWorks umgeschaltet. Hélvio will irgendein wirres Zeug zum Desbobinador wissen, was ich ihm gestern alles schon erklärt hätte, und versucht mir dann unter die Nase zu reiben, Giselli aus der Qualität habe heute auch Geburtstag, und qual coincidência, welch ein Zufall, würde heute auch 27. Ist natürlich ein Brincadera, ein Scherz. Aber Silvia und Giselli bereiten irgendetwas vor, gar keine Frage. Simones Tisch haben sie schon in die Raummitte gezerrt, ein paar Refrigerantes und in Paniermehl überbackene heiße Bratwürstchenstücke darauf abgeladen. Hélvio ruft alle aus dem Büro zusammen und erklärt: Etwa alle zwei Monate machen sie eine kleine Geburtstagsfeier, und heute wäre ein guter Anlass. Marcos (der letzte Woche Freitag beim Boulespiel den Pokal gewonnen hatte) und ich – da könnte man ja einen Dia dos Marcos draus machen, und Silvia hatte wohl kurz vor meinem Arbeitsbeginn am letzten Märzwochenende Geburtstag, da wäre es jetzt mal wieder angebracht, Parabéns pra você zu singen.


Fast alle Kollegen von Olsen

Dann gab es noch ein paar nette Gespräche hier und da, und schon war auch dieser Tag geschafft. Na halt, noch nicht ganz:
Zu Hause kamen weitere Skype-Anrufe an, ich verabredete mich mit den Jungs für morgen abend in Blumenau, und rutzbutz war die Zeit um und ich musste in die Eisdiele, wo ich schon gestern abend einen mesa para 10 pessoas bestellt hatte. Vera, Sebastian, Takuyo und Rika waren schon da, und hatten einen leckeren Kuchen gebacken. Etwas später trudelte auch Felipe ein, viele von Euch werden ihn aus Ilmenau kennen, wo er im letzten Jahr zusammen mit uns Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat – mesmo intercâmbio, gleicher Austausch. Tatiana kommt noch und Mitpraktikant Rodrigo, und bei Crêpes, Säften und Bier schneiden wir mal den Kuchen an. Tatiana und Felipe haben uns versichert, dass es keinesfalls unhöflich sei, den Kellner nach zehn Tellern und Besteck zu fragen und mitgebrachten Kuchen zu essen – zumindest nicht an Geburtstagen. Außerdem hätten wir ja vorher auch Crêpes bestellt. Michelle kam und irgendwann auch Luiz, und sie haben mir einen dünnen Pullover geschenkt, den würde ich wohl in Kürze brauchen. Waren wohl nach’n Brenninkmeyer aus Mettingen gewesen. Interessant ist, dass alle aus verschiedenen Gruppen kommen (Gasteltern, Mitpraktikanten, Austauschstudenten, …) und sich auf Anhieb gut verstehen. Luiz und Michelle haben sich richtig nett amüsiert, sagen sie mir auf dem Heimweg.


Felipe, Vera und Sebastian

Bucho de Boi

Heute gab es Bucho de Boi in der Kantine. Ochsenmagen. Brrrr. Ich geh ja immer mit Claudio, Rodrigo und Diogo essen, und die haben gefeiert, als ich mir ein bisschen was zum Probieren aufgeladen haben und nicht verstanden habe, was es war.
Mit Diogo habe ich ein wenig weiterkonstruiert, und ansonsten mal mit meinem Praktikumsbericht angefangen.
Am Abend erreichen mich die ersten Skype-Anrufe von Leuten aus Deutschland, die mir zum Geburtstag gratulieren wollen – in Deutschland wäre es schon so weit.

neu eingekleidet

Mit Konstrukteur Diogo bin ich heute angefangen, den Desbobinador in SolidWorks zu konstruieren. Das ist schon ein nettes Programm, nur ist es für die Brasilianer sehr schwer zu verstehen: Es gibt offenbar keine Variante in brasilianischem Portugiesisch, und mit den Englischkenntnissen ist es ja auch meist nicht so weit her. Das heißt: Wenn die Hilfefunktion aufgerufen wird, muss ich übersetzen. Außerdem hat Olsen wohl nur das reine Programm gekauft, ohne Normteilbibliotheken. Will heißen: Als wir eine parafuso (Schraube) und eine Mutter (porca) benötigten, mussten wir sie zeichnen.
Außerdem habe ich jetzt von der Personal-Sekretärin mein Vale Transporte, eine Chipkarte (cartinho) für den Stadtbus bekommen. Da sind die Brasilianer weiter als die Deutschen.
Abends war ich noch im Beira-Mar Shopping Center, wo ich mir bei Renner eine Jacke und eine lange Hose gekauft habe – das wird jetzt erforderlich. Überhaupt gibt es in diesem Shopping Center nur teure Boutiquen, einzig zwei Klamottenläden, wo es normale Sachen gibt: Zum einen bei den Gebrüdern Brenninkmeyer aus Mettingen, zum anderen bei Renner, eine Art brasilianisches H&M.
Im Beira-Mar Supermarkt habe ich dann noch Süßigkeiten gekauft, die ich am Donnerstag ausgeben werde.

Convite para meu aniversário

Olá pessoal,

No dia 5ª, 05.05.05 farei aniversário.
Se vocês estiverem em Florianópolis neste dia, queria convidar-vos para celebrar esse evento comigo.
Porque não gosto de comer mais Rodízio de Churrasco nem Rodízio de Pizza (estou cheio destes), decidia de convidar-vos numa sorveteria.
Nós encontraremos-nos às 20:30 hrs. na sorveteria/creperia em Corrego Grande (que fica oposto ao posto de gasolina em Corrego Grande, 100m antes do Parque Florestal)

Qualquer tem perguntas, ligue-me, melhor depois 19 horas.

Marcus

Auf Deutsch:

Hallo!
Am fünften Tag (=Donnerstag), dem fünten fünften null-fünf werde ich Geburtstag haben.
Falls Ihr an diesem Tag in Florianópolis sein werdet, würde ich Euch gerne einladen, dieses Fest mit mir zu feiern. Da ich keine Rindfleischgrillrunde und auch keine Pizzarunde mehr mag (ich bin voll davon), habe ich mich entschieden, Euch in eine Eisdiele einzuladen.
Wir werden uns um 20:30 Uhr in der Eisdiele/Pfannkuchenhaus im Stadtteil Corrego Grande treffen (die sich gegenüber der Tankstelle, 100m vor dem botanischen Garten befindet).
Falls Du Fragen hast, ruf mich an, am besten nach 19 Uhr.

Marcus

Rodeo

Um 5 ins Bett kommen und um halb 9 aufstehen ist schwer. Nachdem wir drei fertig waren, haben wir uns mit Anne am Busbahnhof getroffen und Markus, Carlos sen. und jun. haben uns abgeholt. Heute in Forquilhinhas großes Rodeo, eines der größten Feste in Grande Florianópolis, gestern waren allein 60.000 Leute dort. Eine Gaúcho-Kirmes, mit Churrasco und Rodeo-Reiten bis zum Abwinken, die 10 Tage dauert. Carlos sen. ist im Organisationskomitee, und hat mit ein paar Freunden eine Art Zelt dort. Abends ist es ein Restaurant, und jetzt über den Tag haben sie Freunde und bekannte eingeladen, ein Schwein aufgespießt, und die Zapfanlage läuft kostenlos. Laut Wischmeyer ein Deutsches Paradies.


Carlos mit der Gabel am Rolete de Porco

Wir schauen uns ein bisschen Rodeo-Reiten an, obwohl dort noch nicht viel los ist, Kinder-Wettbewerbe etc. Am Abend wird hier der Bär toben, aber egal. Wir machen uns zurück, die Jungs und Anne müssen ja noch 200…250 km Busfahren und Carlos jun.: zum Flughafen.
Am Nachmittag sind bei mir wieder diverse Telefonate, danach großes Ausruhen angesagt. Carlos, Boa Viagem! Encontremos em Ilmenau no ano que vem!