Heute ist Christi Himmelfahrt. In Deutschland nicht nur ein Feiertag, sondern ein Feriadão, ein langer Feiertag. Mal ehrlich: Wer geht dann da am Freitag zur Uni?
Wichtiger ist, dass ich heute Geburtstag habe. Also habe ich bei jedem im Büro (ca. 20 Personen) ein Ferrero Rocher auf den Platz gelegt und am Wasser- und Kaffeespender einen Teller mit kleinen Süßigkeiten aufgestellt. Der Mitdenkende unter diesen Tagebuchlesern hat sicher schon Mitleid mit mir, denn er hat daraus geschlossen, dass hier heute weder Feriado (Feiertag) noch Feriadão, noch Feriadinho (kleiner Feiertag) ist, sondern ein ganz normaler Arbeitstag. Alle gratulieren mir, und dann setze ich mich mit Diogo wieder ans SolidWorks. Für Leute, die ich gut kenne, habe ich noch ein paar Rochers in der Gaveta, in der Schreibtischschublade, wenn z.B. unsere Informatiker Sandro und Marcelo, die in einem Büro arbeiten, mal reinschneien. Irgendwann vormittags kommt die Sekretärin von Cesar herein und überreicht mir eine Glückwunschkarte vom Chef:

Als Dank gibt’s ein Rocher.
Den Nachmittag verbringe ich mit einigen Berechnungen, und dann kommt noch die Personalsekretärin: Geld! Die Abrechnungsperiode reicht eigenartigerweise nicht vom Monatsersten bis zum folgenden Monatsersten, sondern die Trennung ist am 25. So bekomme ich dieses Mal noch kein volles Monatsgehalt. Ich muss unterschreiben, dass ich mit den zeiterfassten Stunden concluído, einverstanden, bin, und erhalte mein Geld, in bar.

Als Dank gibt’s ein Rocher.
Das liegt aber nur daran, dass ich kein Konto bei der Banco do Brasil habe, die meisten Leute haben dort ein Konto und bekommen ihr Gehalt überwiesen. Jones fragt, ob in Europa der salário auch montlich gezahlt würde, oder wöchentlich wie in den Estados unidos. In der Firma, wo er zuvor gearbeitet hatte, gab es eine Niederlassung im Amazonasgebiet und in Bahia. Dort habe man den Lohn stets täglich bezahlt. Sonst würden sich die Arbeiter heillos betrinken, und am nächsten Tag nicht auf der Arbeit erscheinen. Oder halt 2 Tage Karneval feiern, aber so das Vorurteil, in Bahia, der Wiege des Karnevals, würden die Leute ja eh das ganze Jahr über Karneval feiern. Das sind weit verbreitete innerbrasilianische Vorurteile und Konflikte, der reiche Süden gegen den armen Norden.
Danach ging’s dann auch schon schwer auf Feierabend zu, und während ich noch mit Diogo in Excel meine und seine Stunden durchrechne, kommt Hélvio. Also schnell wieder auf SolidWorks umgeschaltet. Hélvio will irgendein wirres Zeug zum Desbobinador wissen, was ich ihm gestern alles schon erklärt hätte, und versucht mir dann unter die Nase zu reiben, Giselli aus der Qualität habe heute auch Geburtstag, und qual coincidência, welch ein Zufall, würde heute auch 27. Ist natürlich ein Brincadera, ein Scherz. Aber Silvia und Giselli bereiten irgendetwas vor, gar keine Frage. Simones Tisch haben sie schon in die Raummitte gezerrt, ein paar Refrigerantes und in Paniermehl überbackene heiße Bratwürstchenstücke darauf abgeladen. Hélvio ruft alle aus dem Büro zusammen und erklärt: Etwa alle zwei Monate machen sie eine kleine Geburtstagsfeier, und heute wäre ein guter Anlass. Marcos (der letzte Woche Freitag beim Boulespiel den Pokal gewonnen hatte) und ich – da könnte man ja einen Dia dos Marcos draus machen, und Silvia hatte wohl kurz vor meinem Arbeitsbeginn am letzten Märzwochenende Geburtstag, da wäre es jetzt mal wieder angebracht, Parabéns pra você zu singen.

Fast alle Kollegen von Olsen
Dann gab es noch ein paar nette Gespräche hier und da, und schon war auch dieser Tag geschafft. Na halt, noch nicht ganz:
Zu Hause kamen weitere Skype-Anrufe an, ich verabredete mich mit den Jungs für morgen abend in Blumenau, und rutzbutz war die Zeit um und ich musste in die Eisdiele, wo ich schon gestern abend einen mesa para 10 pessoas bestellt hatte. Vera, Sebastian, Takuyo und Rika waren schon da, und hatten einen leckeren Kuchen gebacken. Etwas später trudelte auch Felipe ein, viele von Euch werden ihn aus Ilmenau kennen, wo er im letzten Jahr zusammen mit uns Wirtschaftsingenieurwesen studiert hat – mesmo intercâmbio, gleicher Austausch. Tatiana kommt noch und Mitpraktikant Rodrigo, und bei Crêpes, Säften und Bier schneiden wir mal den Kuchen an. Tatiana und Felipe haben uns versichert, dass es keinesfalls unhöflich sei, den Kellner nach zehn Tellern und Besteck zu fragen und mitgebrachten Kuchen zu essen – zumindest nicht an Geburtstagen. Außerdem hätten wir ja vorher auch Crêpes bestellt. Michelle kam und irgendwann auch Luiz, und sie haben mir einen dünnen Pullover geschenkt, den würde ich wohl in Kürze brauchen. Waren wohl nach’n Brenninkmeyer aus Mettingen gewesen. Interessant ist, dass alle aus verschiedenen Gruppen kommen (Gasteltern, Mitpraktikanten, Austauschstudenten, …) und sich auf Anhieb gut verstehen. Luiz und Michelle haben sich richtig nett amüsiert, sagen sie mir auf dem Heimweg.

Felipe, Vera und Sebastian
