So jetzt ist auch schon der zweite Tag vorbei. Ich werde morgen ausfuehrlich was ueber die Absolventenfeier einer Bekannten von Luiz und Michelle schreiben, ueber unsere Inselrundfahrt, uebers Einkaufen und erste tolle Fotos gibt es auch. Ein bisschen kenne ich jetzt brasilianische Dialekte und weiss, dass Floripa 220V hat – Santa Catarina ist schliesslich deutsch gepraegt…!
Jetzt ist es hier schon 20 vor 1 nachts, ich habe gerade den Artikel von gestern geschrieben und bin jetzt zu muede. Vielen Dank fuer alle Mails, ich werde sie nach und nach beantworten.Ist alles bestens, aber heiß…
00:42, Ventilator auf Volle Pulle, Fenster offen.
OK, jetzt ist es Sonntagmorgen und ich bin der erste der aufgestanden ist. Da werde ich mal eine Zusammenfassung des gestrigen Tages schreiben:
Mit dem Jetlack habe ich keine Probleme, ich bin abends zwar muede, aber komme dafuer morgens ziemlich gut aus dem Bett. Als ich aufstehe, ist Michelle aus dem Haus, ich fruehstuecke mit Luiz und wir unterhalten uns den ganzen Vormittag ueber, meistens auf Portugiesisch, was ich nicht erklaeren kann, sage ich auf Englisch. 70 Prozent von dem was er auf Portugiesisch sagt, kann ich verstehen.
Er ist Professor fuer Verwaltungsrecht, und seit einigen Jahren mit Michelle verheiratet, die Dozentin fuer Informatikkurse an einer Art Abendschule ist, und Elektrotechnik studiert hat. Jetzt, am Samstagmorgen nimmt sie Englischkurse.
Samstags kommt auch ein Hausmaedchen, Claudia, die etwas aufraeumt und buegelt.
Irgendwann mittags kommt Michelle zurueck, zusammen mit einem Studenten, ebenfalls Luiz, der 20 Jahre alt ist und wie ich Engenharia de Producao studiert. Er ist ein Freund von meinen Gasteltern, gemeinsam engagieren sie sich in der katholischen Universitaetsgemeinde. 2x Luiz und ich fahren zum Einkaufen, in den Angeloni, eine grosse Supermarktkette. Vorher machen wir noch eine kleine 10-minütige Tour auf der Avenida da Beira-Mare (?), der Küstenstrasse.
Dann haben wir gemeinsam gekocht, es gab Salat, Reis, Brocoli und Fleisch.
Vor dem Essen hat Luiz (Sr.) ein Tischgebet gesprochen, es war richtig lieb, er hat gedankt, dass Marcus da ist, das wir neue Freunde geworden sind und das wir uns so gut verstehen.
Inzwischen war es halb 3, und um 3 ist doch das Festa de Formatura em Engenharia die Materias (Abschlussfeier des Studienganges Werkstoffwissenschaften, da müssen wir doch hin! Schliesslich wird eine Bekannte von ihnen namens Ketner – auch aus der Hochschulgemeinde – heute dort ihren Hut aufsetzen. Also schick gemacht und auf zur Uni, dort gibt es einen grossen Festsaal, wo die gerade mal 25 Absolventen von ihren Professoren ihre Abschlusszuegnisse bekommen. Alles ist eine Riesenparty, es sind mindestens 500 Leute dabei, die wie Fans ihre Leute feiern, Lutftballons platzen lassen und mit Fanfaren aus Fussballstadien hupen.
Ansonsten ist alles perfekte Inszenierung, sehr amerikanisch, wie eine Bachelorfeier, mit entsprechenden Hüten und Roben,…
Am Ende kommt die Studentin, die sie kennen, dann zu ihrer Familie und ihren Bekannten, ich werde allen Leuten aus der katholischen Hochschulgruppe vorgestellt: Luiz sagt dann: „Er ist seit gestern hier, und kann schon Verben konjugieren – mehr oder weniger“, was allgemeine Erheiterung hervorruft. Wir werden fuer den Abend zum Dinner eingeladen und zum Abschlussball, der aber erst um halb 1 nachts beginnt. Das ist auch fuer Luiz und Michelle zu spaet, also beschliessen wir, noch zum Dinner zu gehen, aber nicht mehr zum Ball.
Da bis zum Abendessen noch ein paar Stunden Zeit sind, packen wir auch Luiz jr. mit ein und machen eine Inselrundfahrt. (Floripa liegt grösstenteils auf einer Insel.) Ich lerne die Lagoa (Stadtteil am See) kennen, das ist das Urlaubsgebiet. Wir fahren zum südamerikanischen Surfers Paradise, der Praia Joaquina, und geniessen vom Berg die Aussicht auf Lagoa.

2x Luiz und Michelle und die Aussicht auf die Lagoa, dahinter ein schmaler Küstenstreifen, danach der Antlantik
Dann gehts zurück in die Stadt, wir müssen ja noch auf den Morro da Cruz, den Kreuzberg. Es ist glaube ich die hoechste Erhebung der Insel, man hat einen wunderbaren Blick auf die Insel und den Stadtteil Continente, der wie der Name schon sagt eben nicht auf der Insel liegt, und über die bekannte Borgenbrücke von Gustave Eiffel sowie eine morderne Autobahnbrücke mit der Insel verbunden ist.
Auf dem Kreuzberg steht selbstverständlich ein Gipfelkreuz, überragt wird dieses von etwa 20 grossen Fernseh-, Radio-, Mobilfunk- und Satellitenmasten.

Morro da Cruz
Danach sind wir noch in den Angeloni gefahren und haben Blumen für Ketner gekauft, und sind dann zum Dinner in einem Restaurant aufgebrochen. Dort sind mir alle Gesichter aus der Hochschulgemeinde wieder begegnet, es ist wirklich eine nette Gruppe. Besonders lustig ist, dass sie alle aus verschiedenen Teilen Brasiliens nach Florianópolis gekommen sind und deswegen auch verschiedene Dialekte (Sotaques) sprechen. Mir wird erklärt, dass Leute aus Minas Gerais alle Endungen verschlucken und die Catarinenses brasilienweit für falar muito rápido – Schnellsprechen bekannt sind.
Es gibt eine grosse Buffetauswahl mit Speisen, deren Namen ich zum grössten Teil wieder vergessen habe, Luiz hat mich geschickt um Speisen mit Fisch herumdirigiert.
Zum Dessert gab es „typisch Deutsch“, denn Ketners Freund ist aus Pomerode, ein von deutschen Auswanderern aus Pommern gegründeter Ort. Er und seine Eltern sprechen gebrochen ein sehr altes Deutsch, und freuten sich, dass wir uns ein bisschen auf Deutsch unterhalten konnten.
Zum Dessert: Zu Griespudding mit Schokoüberzug sagen die Brasilianer „Puddschin“, Vannille- und Schokoladenpudding heissen Mousse chocolat e chocolat branco. Richtig lecker war jedoch „torta alemã“, eine Art Tiramisu ohne Alkohol.
Da nimmt man doch gern noch einen zweiten Gang, wenn einen der Tischnachbar auffordert: „Vamos enxer a pança“, lass uns noch mal den Pansen vollschlagen.
A pança ist aber auch in Brasilien sehr umgangssprachlich.

Ketner mit zwei Freundinnen
So, das wars.
MMG

Hi, Marcus!
Tolle Idee mit dieser Berichtsart! Aber dass du mir nicht in einem Jahr zurückkommst und (ähnlich wie deine kleine Schwester) einen Hund willst und Vegetarier wirst. Grüß deine Gasteltern!
Ludwig
Lieber Marcus,
toll, dass Du uns durch Dein Tagebauch an Deinem Brasilienaufenthalt teilnehmen läßt. Und alle Achtung, dass Du Dir soviel Mühe damit machst. Alles Gute weiterhin
wünschen G u. R
Hallo Marcus,
es macht Spaß Dein Tagebuch zu lesen. Hoffentlich wirst Du ímmer die Zeit haben es weiterzuführen. Viele Grüße
Angelika