Santo Antônio de Lisboa

Dieser Artikel lag lange auf meinem Notebook und wird leider erst jetzt veröffentlicht:

Heute bin ich wieder recht früh aufgestanden. Unter der Dusche habe ich beschlossen, dass ich neben Tagebucheinträgen auch mal „Themenparks“ machen müsste, z.B. über Autotypen in Brasilien, über Dialekte (Sotaques), und halt über die Vorteile von brasilianischen Duschbrausen mit elektrischem Durchlauferhitzer. Die sind nämlich echt muito bom.
Dazu werde ich in den nächsten Tagen und Wochen sicherlich noch etwas schreiben.
Geschrieben habe ich dann jedoch zuerst mal weiter am Tagebuch, es war noch niemand aufgestanden und der PC war frei, so dass ich mal eine Zusammenfassung vom Samstag begonnen habe. Irgendwann um 10 haben wir dann zusammen ausgiebig gefrühstückt: Pão francês sind Brötchen, die wie die Aufbackbrötchen aus dem Aldi/Kaufland aus Baguetteteig sind. Pão de quejo ist eine Spezialität aus Minas Gerais, winzige Käsebrötchen, welche man mit einem Happen essen kann. Als Brotaufstrich steht neben quejo und presunto (=Schinken) auch eine Art Käsequark namens Requejão cremoso zur Auswahl, der sehr lecker schmeckt.

Nach dem Frühstück habe ich etwa eine Stunde lang mir unregelmäßige Verben und ihre Vergangenheitsformen angschaut – ich merke dass ich dort die meisten Fehler mache. Dann habe ich das Telefonbuch von Florinanópolis entdeckt, von dem es heißt, dass es die einzige ordentliche Karte der Ilha da Santa Catarina und einen Stadtplan von Florípa enthalte. Gut, wer mich kennt, weiß, dass jetzt keine Vokabeln mehr gelernt wurden, und ich mir zunächst mal einen geographischen Überblick über unsere gestrige Inselrundfahrt verschafft habe.

Zum Mittagessen sind wir mit Bekannten von Luiz und Michelle aus Blumenau verabredet gewesen, die zu Besuch in Florípa sind. Wir waren in einem Ort namens Santo Antônio de Lisboa, der sehr bucólio – ländlich – an der nördlichen Innenseite der Insel gelegen ist. So ist die Brandung nicht so stark, ein Familienstrand. Die Bekannten haben einen kleinen Jungen – João (Joachim) – der dann mit dem mitgereisten Kindermädchen an den Strand ist. Wir haben uns in einem kleinen Restaurant am Strand niedergelassen, die hatten Austern, Mariscoes (Shrimps), Muscheln und anderes Meeresgetier auf der Speisekarte, was ja wirklich nicht so mein Ding ist, allein schon wegen dem Geruch. Luiz hatte Verständnis, dass ich nichts bestellen wollte, und ich sagte, ich habe bei der Hitze auch nicht wirklich Hunger und bräuchte nichts zu essen. Er schlug vor, dass wir schon in ein kleines Café vorgehen sollten, wo alle sowieso später hingehen würden, und dort gäbe es ausgesucht gute Nudeln und darauf habe er auch mehr Appetit – sein Tenor war wohl: die Austern seien gute Delikatessen, aber satt machen, vergiss es.
So zogen wir also los durch den kleinen „mittelalterlichen“ Ort, der durch von den Azoren stammenden Siedlern geprägt wurde. Luiz erklärte mir, an welchen Häusern man azorische Einflüsse (janelas azuls = blaue Fensterläden) erkennen könne. Auf den Azoren war irgendwann im 17. oder 18. Jahrhundert eine Hungersnot ausgebrochen, es gab nicht genug zu essen und viele Einwohner zogen mit den Handelsschiffen, die zwischen Brasilien und Portugal verkehrten und auf den Azoren Zwischenstation machten, mit nach Brasilien. Dort ließen sie sich in Florianópolis nieder, weil sie dort auf ähnliche klimatische Bedingungen trafen. (Mittelalterlich in Anführungszeichen: Ich weiß, dass das Mittelalter gemeinhin mit der Entdeckung Amerikas endetete, aber ein Ort, der hier 200…300 Jahre alt ist, ist hier einfach eine Attraktion).

Santo Antônio de Lisboa

Inzwischen sind unsere Spaghetti mit Basilikum fertig, muito gostoso!, und die anderen kommen nach und trinken noch einen Kaffee, es gibt noch ein wenig Kuchen und irgendwann machen wir uns wieder auf den Nachhauseweg.

Abends waren wir noch in der Kirche, das war recht interessant:
Der Gottesdienst beginnt pünktlich, auch wenn während der ersten Lieder erst die Mehrheit der Gemeinde eintrudelt, und zunächst noch die Neuigkeiten vom Tage austauscht. Jugendliche machen Musik, aber das eigentlich beste ist ein Faltblatt, in der alle Lieder und Gebete, die gesungen und gesprochen werden, die gesamte Lesung, das Evangelium, das Glaubensbekenntnis, die Wandlung etc. abgedruckt stehen. Dieses Blatt wird zentral von der brasilianischen Kirche an alle Gemeinden verteilt, und ich kann dank dieser „Untertitel“ auch fast alles verstehen.
Nach der Kommunion werden die Vermeldungen verlesen, und beim Schlusslied lichten sich dann die Reihen erheblich. Draußen treffen wir uns noch mit den Leuten von der Studentengemeinde, der Pastor schüttelt allen Leuten die Hand und ich bekomme erklärt, dass Luiz‘ Kommentar von gestern, ich könne ja sogar Verben konjugieren,
1. ein Lob war und
2. ein Seitenhieb auf die Amis war, denn Amis sind wohl für ihre Infinitivbildungen verschrien…

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