Regen und Präsentation

Schon gestern hat es den ganzen Tag über geregnet, aber heute ist Weltuntergang. Die Gullideckel auf dem Campus quillen über, mein immerhin acht Reais teurer Regenschirm wurde vom Wind zerrissen, und in Winterjacke und dickem Pullover komme ich in die Industrierobotertechnikvorlesung. Von sechs Gruppen haben nur zwei Gruppen und ich eine Präsentation erstellt. Die anderen Gruppen sind nicht da, es ist ja schließlich schlechtes Wetter. Andere Ausreden lauten: Derjenige, der die CD hat, ist nicht da, wir warten noch auf unseren vierten Mann, …
Ich bin als dritter dran und stelle nicht nur die Modelle vor, sondern bin auch der einizge, der zumindest zwei Wörter darüber verliert, dass so ein Roboter auch Sensoren oder gar Software benötigt (z.B. Gewichtssensoren, ein Beispiel dazu: Wird programmiert, dass der Roboter eine 100g schwere Last transportieren soll, kann man mit größeren Beschleunigungswerten arbeiten als bei einer 2kg schweren Last. Also muss der Roboter zumindest aus Sicherheitsaspekten über ein Gewichtssensor verfügen, falls durch einen Benutzerfehler 100g eingegeben wird, die Steuerungssoftware dafür die Wege und Verfahrgeschwindigkeiten berechnet, sollte der Roboter erkennen, wenn er tatsächliche eine 2kg schwere Last anhebt, um sich nicht selbst zu beschädigen.)
Naja, wer mehr über Roboter von ABB wissen will und der portugiesischen Sprache mächtig ist, kann sich ja mal die Präsentation anschauen:

Klick auf Bild führt zur Powerpoint-Präsentation (2MB)

Die Sprachkurse finden heute noch nicht statt, dafür beweist Prof. Dalvio, dass er mit Kreide werfen kann, als ein paar seiner Schüler in der letzten Reihe quatschen.
Als wir zu Hause ankommen, sitzt Eduardo vor dem Fernseher, in Schlafkleidung. Não tens que trabalhar hoje? – Musst du gar nicht arbeiten heute? Nein, er habe auf der Arbeit angerufen, heute sei es kalt und regnerisch, da bleibe er zu Hause. War offenbar kein Problem…

Präsentation vobereiten

Meinen von Helvio durchgesehenen Praktikumsbericht, die Bewertungsbögen und den ganzen Formularkrempel aus dem Praktikum habe ich heute bei Cássia abgegeben. Danach habe ich mich weiter, bewaffnet mit einigen Büchern über Industrierobotertechnik und der ABB-Homepage in der Bibo um meine Präsentation gekümmert.

almoço musical

Die Studentengemeinde hat heute eingeladen zum almoço musical, zum musikalischen Mittagessen. So ein Hit ist es nicht, Franziska und ich lassen uns nur kurz zum Mittag dort blicken und Cássia bricht wie immer in Lachanfälle aus. Meine Präsentation für Industrierobotertechnik beschäftigt mich den ganzen Nachmittag, und abends verabreden wir uns mit Rebecca und Jürgen und Steve, Forsti und Conny in der Pipa, der Weinstube von Trindade. Geschlossen. Zwei andere Kneipen auf dem Weg haben auch zu. Ist ja auch schlechtes Wetter, weshalb sollte man dann eine Kneipe öffnen? So landen wir schlussendlich in einer Lanchonette in Trindade, bei der der Orangenvorrat nur für drei frisch gepresste O-Säfte reicht.

Wanderung und Wetterumbruch

Bei allerbestem Sonnenschein packen wir Badehose und Sonnenmilch ein, um uns mit der Studentengemeinde zum Wandern zu treffen. Als wir am TITRI ankommen, sind bereits etwa 30 Leute da, so dass wir auf der Fahrt zum TIALG fast alle im Bus gequetscht stehen müssen. Dort stoßen weitere Leute dazu, unter anderem Steve, Forsti und Conny, aber der Anschlussbus fährt nicht: Die Abfahrtszeiten wurden vor einigen Wochen geändert, aber der Internetfahrplan nicht aktualisiert. Nun, mit einer Gruppe von 40 Leuten ist so etwas an einem Samstagmorgen relativ schnell zu lösen: Wir sind an einem Terminal, es stehen ein paar Busse und Fahrer herum, und kurzerhand wird für uns ein eigener Bus bereitgestellt. Dar um jeito. Schnell eine Lösung finden. In Brasilien häufig einfacher als man denkt. Die Wanderstrecke ist die gleiche wie die Wanderung, die ich schon vor einigen Wochen, genauer am 15. Mai gemacht habe: Costa de Lagoa. Nur sind es diesmal 40 statt 20 Leutchen.


Fischerdorf Costa de Lagoa

Wieder waren wir am Wasserfall und in der alten Mühle, als wir jedoch gerade in der Bar am Ende der Wanderstrecke saßen, kam plötzlich Wind auf, Wellen schlugen über die Lagoa, und es wurde schlagartig kalt. Der Wind blies leere Gläser von den Tischen, und die Kellner hatten alle Mühe, das Geschirr zu retten, bevor der Wind noch stärker wurde. Das Baden fiel somit förmlich ins Wasser, und wir telefonierten ein größeres Boot herbei, welches alle Wanderer aufnehmen konnte.


Kalt in der Bar


Wenn Dein Stern nicht strahlt, versuche nicht, meinen zu bezahlen

Zurück im Centrinho von Lagoa, gibt es am TILAG eine Riesenschlange von Leuten, die an der Joaquina oder an der Mole surfen oder am Strand waren, vom Wind überrascht wurden und jetzt alle möglichst schnell zurück ins Zentrum wollen. Also reagiert die Busgesellschaft wieder flexibel und stellt einen weiteren Bus bereit.
Abends gehen wir noch mit den Rika und Takuya sowie Eduardo und ein Bekannten von ihm in eine Kneipe in der Innenstadt. Mit dem Ergebnis, dass die Cachassaria da Ilha auch so ein teurer Nobelschuppen ist und wir nach wie vor keine wirklich alternative oder gute Kneipe kennen.

Besuch bei Olsen

Eigentlich wollte ich ja den Direktbus direkt morgens um 7:30 Uhr vom TICEN nehmen, aber irgendwie bin ich doch wohl etwas länger im Bett geblieben, so das ich mit einem Tingelbus durch São José fahre, und erst gegen 9 Uhr bei Olsen ankomme. Von Personalchef Névio erhalte ich mein Geld für den letzten Monat, und meine Überstunden werden mir sogar ausgezahlt. So erhalte ich ein paar Reais mehr als ich erwartet habe, von einem Geldsegen kann man aber keinesfalls sprechen: Es sind 2,50 R$ pro Stunde…
Helvio hat meinen Praktikumsbericht noch auf seinem Tisch liegen, und natürlich noch nicht gelesen. Aber er nimmt sich sofort Zeit, plaudert noch ein bisschen und ist in bester Freitagslaune. Meine Feststellung im Fazit des Berichtes, die ich nach dem deutschen Sprichwort „Die Glühbirne wurde nicht durch die kontinuierliche Weiterentwicklung der Kerze erfunden“ ins Portugiesische übersetzt habe, notiert er sich aus meinem Bericht auf die erste Innenseite seines Terminkalenders: „A lampâda elétrica não foi inventada pelo desenvolvimento contínuo da vela“.
Mein Bewertungsbogen, mit dem das Unternehmen auf einem UFSC-Formular die Leistungen des Praktikanten mit Noten zwischen 1 und 10 bewertet, fällt durchweg zwischen 9 und 10 aus. 10 ist die beste Note, so dass ich auf einen Mittelwert von 9,5 komme.
Alles beleza. Ich mache mich auf den Rückweg, wieder gibt es keinen Direktbus, und erst recht keinen Claudio, bei dem ich Carona nehmen könnte. Also muss ich wie an den ersten beiden Arbeitstagen bei Olsen mit dem Bus zurückfahren. Der Slum, durch den der Bus fährt, ist etwas größer geworden, prompt wurde die Busline erweitert, so dass ich geschlagene 1h 20 min zum TICEN brauche, dort in einen UFSC Semidireito springe und beinahe pünktlich zum Mittagessen mit Franziska, Steve, Rebecca, Jürgen, und den Neuankömmlingen aus Blumenau, Forsti und Conny, in einem verabredeten Kilorestaurant eintreffe.
Nach dem Mittag versuche ich mit Franziska Schuhe für die morgige Wanderung zu finden, aber weder im Beira-Mar Shopping Center noch im Camelodromo (ein anderer Name für den Mercado Público im Zentrum finden wir etwas passendes, so dass für die Wanderung morgen wohl Franziskas gute Schuhe herhalten müssen. Was solls, regnen wird’s eh nicht, denn das Wetter ist seit Tagen allerbest. Abends treffen wir uns noch kurz mit Steve, Forsti, Conny und Jürgen in der Lagoa. Sie hatten den Tag bereits am Strand verbracht, und sind einigermaßen cansado. Da bis auf Jürgen morgen alle wandern werden, machen wir uns einen ruhigen Abend.

Sprachtest

Nach der Industrierobotertechnikvorlesung war heute der Sprachtest, zum „Nivelamento“. Neben den ganzen Franzecken, die übrigens mit 15 Leuten angereist sind und alle aus Lyon kommen, lernen wir zwei weitere Deutsche kennen: Rebecca und Jürgen. Jürgen ist fast fertig ausgebildeter Erdkundelehrer und macht noch einen Aufbaustudiengang Informatik, und Rebecca studiert Chemieingenieurwesen.
Der Sprachtest ist relativ einfach, man muss Inhalte aus einer Geschichte mit Multiple Choice erkennen, ein paar Verben in einer Geschichte in der richtigen Zeitform konjugieren und eine kleine Geschichte schreiben.

Kurze Vorlesungen und langes Churrasco

Vorlesungen morgens um 7:30 Uhr erinnern an Ilmenauer Verhältnisse. Prof. Ricardo Pereira e Silva, der Engenharia de Software liest, ist einer der am besten organisierten Brasilianer, die ich je erlebt habe. Steve sagt später, dass Softwareingenieure überhaupt immer sehr organisiert sind. So hat die obligatorische Anwesenheitsliste zum Unterschreiben bei ihm zwei Spalten pro Tag: „Das ist fair“, führt Prof. Ricardo an, „wenn Ihr mal zu spät kommt, bekommt Ihr bei mir nur eine SWS abgezogen. Aber wer immer zu spät kommen, und dieses Fach hat 3 SWS, kommt nicht auf die erforderlichen 75% Anwesenheitspflicht.“ Nach einer kurzen Einführung über die Notwendigkeit und Geschichte des Software Engineering ist Schluss, und meine nächste Vorlesung ist erst abends wieder. So bleibt mir den Tag über Zeit, mich in der Bibo mal um das Referat in Industrierobotertechnik zu kümmern. Abends um 18:30 Uhr ist dann Empreendedorismo, neudeutsch Entrepreneurship. An den Dialekt von Prof. Álvaro Rojas Lezana muss ich mich wohl erst noch gewöhnen, nach einem kurzen Überblick, welche ethischen Anforderungen an Unternehmer und Unternehmen gestellt werden, ist aber dann Feierabend.
Zu Hause angekommen gibt es noch einmal Churrasco. Da Delmo morgen für seinen Arbeitgeber Deggy in die USA fliegt, wird Batinga das Churrasco machen, damit Delmo Koffer packen kann. Unter den Gästen sind auch Annes und Annas Eltern. Der Vater von Anna erzählt mir spannende Geschichten (teils auf Deutsch, teils op Nederlands) aus dem Pantanal-Reservat, wo sie im Urlaub waren. Irgendwann treffen noch die französischen Freundinnen von Aurore ein, und auch Delmo kann nicht mehr länger zusehen, und übernimmt die Kontrolle an den Churrascospießen.


Franziska mit Cécile und Aurore aus Frankreich und Takuya

Boas Aulas

Um 8:20 Uhr beginnt die erste Vorlesung: Introdução à Robótica Industrial = Einführung in die Industrierobotertechnik. Den Professor kenne ich, es ist der Vater von Felipe, bei dem wir vor ein paar Wochen zu Hause auf der Geburtstagsfeier waren. Es gibt ein paar einleitende Worte, und dann geht es mit dem Stoff los. Weiterhin zeigt er per Notebook und Beamer einige Videos, in welchen Branchen Industrieroboter für welche Aufgaben eingesetzt werden. Bisher wusste ich keinen wirklich plausiblen Grund, warum in unserem Austauschprogramm das Praktikum vor dem Studium an der UFSC liegt, jetzt weiß ich ihn: Alle Vokabeln, z.B. für Herstellungsprozesse, hatte ich im Praktikum gelernt, so dass ich dem Prof (sein Name ist übrigens Raul Günther) ohne großen Konzentrationsaufwand folgen konnte. Ich melde mich freiwillig für ein Referat, nächste Woche eine kleine 10-minütige Präsentation über Industrieroboter von ABB zu halten.


Lackierroboter von ABB

Mittags war die Einschreibung in die Sprachen, wo wir auch die Französin, Aurore, wieder treffen. Wahrscheinlich alle ausländischen Studenten stehen hier an, um sich für Português para Estrangeiros (Portugiesisch für Ausländer) einzuschreiben. Am Donnerstag wird es einen Sprachtest geben.
Nachmittags war die Vorlesung Produktionsmanagement, die hier Planejamento e Controle da Produção heißt. Der braungebrannte Professor Dalvio Ferrari Tubino preist sein Buch an, und spricht ansonsten ziemlich schnell. Von der Vorlesung habe ich nicht viel mehr verstanden als die Unterscheidung zwischen strategischer, taktischer und operativer Planung und Unterschieden von Massen- oder kontinuierlichen Gütern, Losproduktion in kleinen Auflagen und Einzelteilproduktion. Wieder hilft das Olsen-Wissen, zwangsweise vorhandene Lücken in der portugiesischen Sprache einigermaßen zu flicken.
Am Abend gibt es ein kleines Churrasco. Die Schwester von Ângela hat Geburtstag, Ângela wird bald Geburtstag haben, da bietet sich das an.


Ich bin ein Spießer!

Boa Praia

Heute beginnt die Uni. Oder zumindest das Semester, denn ich habe mir keine Kurse auf den Montag gelegt. Bei allerbestem Wetter schauen Franziska und ich mal bei Cássia vorbei, und treffen dort auch auf die anderen üblichen Verdächtigen. Wir müssen uns manuell für unsere Kurse immatrikulieren, während brasilianische Studenten das elektronische Einschreibesystem nutzen.
Apropos einschreiben: Franziska muss ja noch an der Uni immatrikuliert werden. Also zunächst ins Auslandsamt, wo alles locker abläuft. Nach dem Mittagessen in der Estrela, einem Kilorestaurant, fahren Franziska, Markus, Steve und ich mit dem Fusca bei der Policia Federal vor, um Franziska zu registrieren und für alle anderen die inzwischen fertigen Plastikkarten abzuholen. Das ist eine Art Personalausweis für in Brasilien lebende Ausländer.
Am Nachmittag lockt uns dann das Wetter an den Strand, und wir inspizieren mal den südlichen Teil der Praia Joaquina, die ja nun beim Steve mehr oder weniger im Garten liegt. Es sind dann aber doch noch ein paar hundert Meter zum Strand. Für mehr als zum Füße hereinhalten ist das Wasser aber definitiv zu kalt. In Ângelas zweiter Wohnung, wo auch die Holländerin Anna wohnt, ist noch eine Französin, Aurore, eingezogen, die Werkstoffwissenschaften studiert.