Fusca

Um 5 Uhr morgens bin ich dann wieder aufgestanden, damit ich um kurz vor sechs mit dem Bus erst zum Terminal, und dann um 7 nach Blumenau fahren kann. Was für ein Aufwand, wenn man sich um halb 11 in Blumenau beim Friseur verabredet hat. Nun, verständlicherweise habe ich die gesamte Busfahrt gepennt. Forsti treffe ich wie verabredet in der Schlange beim Cabalereiro, und auch Steve ruft an, dass er endlich den perfekten Fusca gefunden habe. Baujahr 1974. Bis er mit dem Geschäft alles klar gemacht hat, bleibt noch etwas Zeit für Descansar im beliebten Hotel Hermann, danach fährt ein quietschgrüner Fusca vor: Wir wechseln uns dann mit den Probefahrten ab, landen in Pomerode in der bekannten Ausflugsgaststätte „Siedlertal“ und kehren pünktlich zum Kaffee nach Blumenau zurück. Schließlich gilt es zu überprüfen, ob der Kuchen im Café „Hilda“ wirklich besser schmeckt als im „Kaffeehaus Gloria“. Der Test wurde erfolgreich abgeschlossen, wenngleich bei „Hilda“ die Kassiererin kein Deutsch spricht – na ja, für Blumenau schon fast ein Minuspünktchen. Danach wird es auch schon Zeit für den Gottesdienst – unser Versuch, an diesem Wochenende Edgar zu treffen, aber er ist nicht da.
In der Rua Joinville, der Straße seiner Pfarrei, gibt es am Anfang ein nettes Restaurant, wo wir zu Abend essen, und danach wird es auch schon Zeit, in Richtung „Dona D“ aufzubrechen. Eine Disco, in die wir heute wollen. Perfekt. Wieder eine Rock-Cover-Band, gute Stimmung. Danach falle ich im Hermann tot ins Bett. Wie gut dass wir das alles heute nicht laufen mussten, und der Fusca gut schnurrt. Aber beim Rückwärtsgang, da zickt er manchmal.


SC- Timbó LYI 4775 gehört nun Steve.

Americanos

Die erste Mail, die ich heute auf der Arbeit abrufe, hat Luiz mir gestern Abend geschickt:

Marcus,

Chegou aqui em casa a caixa com a encomenda que os seus pais lhe mandaram da Alemanha.

Podemos combinar de nos encontrarmos amanhã a noite para que eu possa levar até sua nova casa a caixa, o que achas?

Abraços,
Luiz Magno


Das Fresspaket ist da! Leider werde ich heute Abend keine Zeit haben, denn sechs weitere Fresspakete treffen ein: Heute kommen doch die amerikanischen Austauschstudenten, und eine wird bei Ângela und Delmo untergebracht werden. Richtig, und das Willkommens-Churrasco ist natürlich auch bei uns. Wie ich das von meinem ersten Tag in Brasilien auch kenne. Teilweise sprechen sie schon ganz gut Portugiesisch, teilweise Englisch mit breitem Texas-Slang, denn dort kommen sie her. Einige sprechen auch Spanisch, das ist ja in Südtexas üblich, deswegen klappt’s schon irgendwie. Später am Abend gehen wir dann noch in die Republica-Bar. Der Mann von Delmos Schwester spielt in einer Rock-Cover-Band, und die hatten heute einen Auftritt dort. Wir bekommen über irgendwelche Kanäle Freikarten, tolles Konzert, und erst um 3 Uhr morgens lag ich dann im Bett.

Die fetten Jahre sind vorbei

Adrián, der Qualitätsdoktorand, ist heute wieder im Unternehmen. Für seine Doktorarbeit benötigt er Daten für eine Durchlaufzeitmessung, also nehmen wir uns ein Los Aluprofile, die für die Tablettarme der Stühle verwendet werden, und begleiten diese vom Lager über die Fräs- und Bohrmaschinen und über die Entgratungsabteilung bis durch die Lackierkabine. Zuvor hatten wir die Profile an für den Kunden unsichtbaren Stellen mit dem Schlagdorn markiert. Adrián ist ein Top-Theoretiker und kommt mir mit der Lei Little (in Deutschland auch als Little’s Law bekannt) und diversen Produktionsstrategien.

Für den Abend lade ich ihn ins Kino ein, leider kann er nicht. Aber Markus, Anna und Ângela sehen sich mit mir in der UDESC den Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ mit Daniel Brühl und Julia Jentsch an, der im Portugiesischen „Educadores“ heißt – Die Erziehungsberechtigten. Sehr genialer Film, sollte man gesehen haben. Auch hier wohnen die Hauptdarsteller sicherlich nicht zufällig in der Hausnummer 23.

Simones letzter Arbeitstag

Heute hatte Mitpraktikantin Simone ihren letzten Arbeitstag. Da hat sie noch ein bisschen weniger gemacht als sonst, aber immerhin einige Fotos. Sie wird jetzt ihre Graduação abschließen, was dem Bachelorgrad entspricht. Wieder mal fällt auf: Brasilianische Universitäten sind vergleichbar mit deutschen Volkhochschulen, nicht mal eine Conclusão, eine Abschlussarbeit muss sie schreiben. Mein Verbesserungsvorschlag ist inzwischen in Produktion, und das ist ganz schön anstrengend: Da muss ich mit den Zeichnungen zu allen Leuten in der Werkstatt laufen. Fräs mir mal diesen Absatz hier drin, bohr mir dort ein Gewinde herein. Zu Hause wäre eigentlich ich mit Kochen dran gewesen. Es gibt jedoch noch genügend Suppe aus den letzten Tagen, so dass ich noch einmal davon komme. Stattdessen habe ich mal versucht, das Internet für meinen Rechner hier einzurichten, hat aber noch nicht funktioniert, so dass ich weiterhin nur auf der Arbeit Netz habe.

Cesars neues Auto

Die Morgentemperatur ist von 26°C gestern auf 11°C heute gefallen.
Heute war der Federnvertreter von Molas Brusque da, irgendwie scheine ich der einzige in der Firma zu sein, der einigermaßen Federn dimensionieren kann, deswegen war natürlich dabei. Die Vokabeln für Windungsabstand, federnde Windungen und Blocklänge musste ich also auch erst einmal lernen, aber die Mathematik ist dann ja die gleiche.
Abends war ich mit Markus und Gastbruder Eduardo noch auf der Geburtstagsfeier einer seiner Kumpels, Felipe. Da ich als einziger nüchtern geblieben bin, habe ich von Corrego Grande bis Carvoeira meine erste Autofahrt absolviert. Und auch Cesar Olsen hat ein neues Auto:


Corvette, sprich: Korwetschi

Kurzzeitmitbewohner

Mein Zimmer ist wirklich ziemlich klein, und nachts ist es ziemlich laut auf den Straßen Carvoeiras. Aber wie es aussieht kann ich bald mit Franziska in Vera und Sebastians altes Zimmer einziehen. Delmo arbeitet in São José, und kann mich deshalb bis zum Hipermercado BIG auf dem Kontinent mitnehmen, von dort sind es nur noch 10 Minuten mit dem Bus.
Auf der Rückfahrt mit Claudio stellen Rodrigo und Jones klar: Der Sommer ist vorbei, es gibt Südwind aus Rio Grande der Sul. Das gibt es nur einige Male im Jahr, und der komme direkt vom Südpol. Morgen, sagt Jones mit seiner 20-jährigen Fischererfahrung, wird es kalt. Und heute regnet es.
Zum Abendbrot hat Ângela Suppe gekocht, und Sebastian wird morgen schon nach Deutschland zurückfliegen. Also ist die Mähne abgekommen und hier präsentieren sich Marcus Maria und Markus Barriga mit ihrem Kurzzeitmitbewohner:

Trilha Galheta

Heute wurde es mit Ausschlafen wieder nichts: Pünktlich um 8:30 Uhr stand ich am TITRI, um mit der Wandergruppe der Studentengemeinde per Bus nach Barra de Lagoa aufzubrechen. In Barra mündet die Lagoa ins Meer, und von dort sind wir über den Berg zur Praia Galheta und zur Praia Mole gelaufen. Man hat einen wunderbaren Ausblick, auf der einen Seite aufs offene Meer und die vorgelagerte Ilha Xavier, auf der anderen Seite auf die Lagoa und den Stadtteil Lagoa de Conceição. An beiden Stränden waren wir Schwimmen, sehr genial. Wenngleich hier inzwischen der Winter begonnen hat, ist es in den letzten Tagen ungewöhnlich warm, so dass man ohne Probleme baden kann.



Zu Hause angekommen, musste ich nur noch duschen und den gepackten Koffer schnappen, und dann hieß es Abschied nehmen aus Santa Mônica. Luiz hat mich zu Ângela und Delmo gefahren. Ich werde zunächst bei Rika im Zimmer schlafen, die zusammen mit Takuya und weiteren Japanern heute zu einer einmonatigen Brasilien-Rundreise aufgebrochen ist. Hier ist es üblich, dass jeder 1x pro Woche kocht, ich werde mittwochs kochen. Markus ist auch heute eingezogen. Anna, die Holländerin, gehört ja quasi auch zum Inventar, und Sebastian wird bis Dienstag mein Kurzzeitmitbewohner.

Meine neue Adresse lautet:
Rua das Acácias, 113
Bloco A2, Apto. 501
Carvoeira
88040 – 560 Florianópolis

Festa Julina bei uns zu Hause

Manchmal feiert man ein Festa Junina auch im Juli. Dann heißt es dementsprechend Festa Julina. Und das Festa Julina der Studentengemeinde findet traditionell bei Luiz und Michelle im Hause statt. Morgens um neun fällt wieder eine Gruppe Freiwilliger bei uns zu Hause ein, und spätestens als Cássia (die „Lachmaschine“) eintrifft, weiß ich, dass das mit dem Ausschlafen heute mal wieder nichts wird. Also stürze ich mich mit in die Vorbereitungen. Fähnchen werden gebastelt, es wird gekocht, Lichterketten und Papierschlangen aufgehängt, eine Fotowand mit Geburtstagskindern erstellt, …


Unser Haus wird geschmückt

Irgendwann nachmittags sind wir fertig, und ich lege mich noch zwei Stunden hin und mache descansar.
Abends ab 19 Uhr trudeln die ersten Gäste ein, auch Anne und Ingmar haben sich angekündigt. Etwa die Hälfte kenne ich zumindest vom sehen aus der Studentengemeinde, die andere Hälfte sind Freunde. Insgesamt kommen etwa 60 bis 80 Personen. Am Anfang kommt noch nicht so richtig Stimmung auf, aber irgendwann kommen dann die typischen Spielchen: Es gibt ein Cadeia, ein Gefängnis. Jeder bekam beim Eintritt vier Kärtchen: zwei, um jemanden ins Gefängnis zu stecken, und zwei, um eine Person der Wahl zu befreien. Es gibt auch zwei Polizisten, die die Leute dann filmreif im Wildwest-Stil festnehmen. Immer, wenn im Gefängnis mehr Stimmung ist, als auf der Party (z.B. weil im Gefängnis getanzt wird, auf der Party aber nicht), werden alle Gefangenen unter der Bedingung, dass die Stimmung auf die Party mitnehmen, freigelassen.


Wer traut diesen beiden Gefängniswärtern über den Weg?


Wagner wird zur Hochzeit gezwungen.


Alle Geburtstagskinder der Monate Juni und Juli aus der Studentengemeinde

Auf dem Abschiedsfest von Vera war Wagner der Polizist, der gleichzeitig auch als Sittenwächter diente, dass die Leute nicht zu eng aneinander tanzten. Heute war Wagner wieder da, allerdings als Bräutigam wider willen. Richtig, es gibt immer eine Hochzeit auf einem Festa Junina. Wurden letzte Woche Vera und Sebastian verheiratet, so waren es heute Wagner und Nilda aus der Studentengemeinde, in Wirklichkeit kein Paar. Der heutige Polizist musste also zunächst Wagner mit sanfter Gewalt vor den Traualtar führen, wo schon Nilda wartete, welche die Hochzeit wünschte. Luiz als Hausherr hat den Pfarrer gemimt, und musste etwas mehr Gewalt anwenden, um eine positive Antwort auf die Frage, ob Wagner die Nilda heiraten wolle, aus Wagner herauszuquetschen. Inzwischen war also die Stimmung allerbest, und da das Grundstück zum Tanzen für alle zu klein war, wurde dann auf der Straße weitergetanzt.


Ana, meine Tanzpartnerin auf dem Fest


Spät abends in der Rua Capitão Amaro Seixas Ribeiro

Sebastians Abschiedsfest

Auf der Arbeit muss man die Feste feiern, wie sie fallen: Kurz vor Feierabend ist Hélvios Zeit für seinen Via Sacre (den „heiligen Weg“, wenn er bei allen Mitarbeitern von Tisch zu Tisch geht und sich nach der Lage erkundigt). Als er bei mir ankommt, sagt er: Heute ist doch in der Pré-Corte, der Zuschnittsabteilung, wieder ein Festa de Salgados – Häppchenfest. Ich sage: Ich habe jetzt nicht wirklich Hunger. Er: Ja, aber wir müssen uns da doch wenigstens sehen lassen. Und du hast für Abteilung doch auch ein paar Vorrichtungen entworfen, du kennst die Leute doch auch alle… Wir also runter. Ich frage: Quem faz aniversário? – Wer hat Geburtstag? – Nein, niemand! Es ist doch weil wir den Boden gestrichen haben, und das feiern wir. Moral: Gibt dem Volk Brot und Spiele, dann sind sie zufrieden. Und wenn’s nur eine Pizza-Schachtel voll mit Häppchen und drei Flaschen Cola sind, macht sich immer gut.
Eine Woche nach Veras Abschied (die inzwischen wieder gut in Deutschland gelandet ist) wird auch Sebastian zurück nach Deutschland fliegen. So gab es heute Abend wieder ein Fest in der Rua das Acácias, wo ich einziehen werde. Leider kannte ich erheblich weniger Leute.


Gitarre raus, und ich spiel unplugged, Baby!


Sebastian im Paradies: mit Zapfanlage, Churruascospieß und Fußballfahne

Als das Fest zu Ende war, bin ich noch mit Takuya, Sebastian, Anna und Juan auf eine Uni-Party in der Odontológia-Lanchonette gewesen, das war natürlich sehr cool. Juan ist Spanier, und ich kannte ihn vorher nicht. Er ist jedoch der lebende Beweis dafür, das Floripa ziemlich klein ist: Im März war bei Steve in Floripa, als er Flávio gewohnt hat, eben dieser Juan eingezogen, den Anna vom Portugiesischkurs für Estrangeiros (Ausländer) kennt.