Morgens bin ich kaum aus dem Bett gekommen, in Zweifeln, ob ich nicht ein Wochenende zum Ausspannen bräuchte und den Jungs für Blumenau absagen sollte. Na ja, was soll’s am Ende habe ich doch meine Tasche gepackt und beschlossen, am Samstagabend wieder zurück nach Florianópolis zu fahren. Den Dia das Mães, den Muttertag, werde ich doch mit meiner mãe brasilieira verbringen wollen, außerdem wird es bei uns zu Hause ein großes Fest mit der Studentengemeinde geben.
Auf zur Arbeit. Mit Hélvio und Uilians habe ich zunächst eine Besprechung, sie unterhalten sich über den Projektfortschritt bei der Einführung der neuen Produktreihe. Ich soll berichten, wie man mit Dotproject neue Aufgaben an freie Mitarbeiterkapazitäten vermitteln kann. So etwas geht, aber dazu bräuchte man eine Projektzeiterfassung, die registriert, wie viele Stunden welcher Mitarbeiter an welcher Aufgabe sitzt, und daraus die Gesamtauslastung jedes Mitarbeiters addiert. Dafür bräuchte ich die Daten, die nicht erfasst werden. Das leuchtet auch Hélvio ein. Selbst wenn ich die Daten hätte, werde ich mich wohl bald noch etwas mehr in PHP/MySQL-Programmierung einarbeiten müssen, ich muss da noch einige Spalten zu Berichtsabfragen hinzufügen… Jetzt bräuchte ich einen Martin Sawitzki oder einen Michael Menges hier! (Ist kein Witz, ich schaffe hier gerade einen Arbeitsplatz für einen „technischen Assistenten“, der sonst Berichte in Word zusammenstellt und von Hand berechnet, ab und schaffe einen für einen Informatiker oder Wirtschaftsinformatiker, der das System betreuen kann. Hausinformatiker Marcelo hat nämlich auch nicht so viel mehr Ahnung von der Materie als ich). Der technische Assistent hat übrigens auch die Aufgabe, solche tausendfüßigen Chipsätze zu programmieren, die in die Steuereinheiten der Zahnarztstühle eingebaut werden. Dazu ruft er ein Linux-Programm (ja, so etwas gibt es im Microsoft-verrückten Brasilien) auf, und spielt an einem Tag der Woche 4 Stunden lang irgendwelche Steuersoftware auf die Chips einzeln auf, 20 Sekunden pro Chip.
Eine noch stupidere Aufgabe hat nur Simone: sie hat heute Werkstattzeichnungen in Klarsichthüllen verpackt, aktenordnerweise. Das wäre ja gar nicht so schlimm, wenn sie die Klarsichthüllen nicht vorher lochen müsste. Denn den in Deutschland üblich weißen Lochstreifen gibt es hier wohl nicht, das sind einfach etwas breitete Klarsichttaschen.
Ich habe heute Federn für die Einstellung der Lagerweite meines Desbobinadores berechnet, und da ich meine Maschinenelemente-Unterlagen nicht da habe, und ich auf die TU-Downloads und ein brasilianisches Tabellenbuch mit DIN-Normen von 1940 zurückgreifen musste, habe ich damit auch locker den Nachmittag rumgebracht.

Die Rodoviária sieht aus wie eine Expo-Halle in 20 Jahren
Claudio hat mich dann in der Rodoviária abgesetzt, und da vor zwei Wochen dort nicht viel los war, habe ich mir auch vorher kein Ticket via cartão crédito gekauft. Heute war das ein kapitaler Fehler: Am Muttertag scheint es Brasilianer in Scharen an ihre Heimstatt zu ziehen, mit Geschenken wie zu Weihnachten beladen glich die im schlichten Betonstil gehaltene Rodoviária einem Basar. Ein Ticket für den Direktbus nach Blumenau habe ich nicht mehr bekommen, die Schlange war zu lang und als ich an der Reihe war, der Bus ausgebucht. Im Bus später sitze ich nun, ein Communal, der an jeder Milchkanne anhält.

Als ich auf den Bus warten musste: Florianópolis bei Nacht
Seit einer Stunde stehen wir im Stau, und das ist der Grund, warum ich dann auch irgendwann mein Notebook aufgeklappt habe, und etwas ausführlicher schreibe. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir gerade mal 20 km aus Florianópolis raus sind, Blumenau in weiter Ferne liegt, und inzwischen der Stau von hinten aufgerollt wird und uns die Autos auf unserer Autobahnfahrspur entgegenkommen. So was habe ich auch mal in Deutschland mitgemacht, sehr lustig und langwierig und mit einem Bus sicher nicht ganz so einfach zu bewerkstelligen.
Inzwischen haben wir die Unfallstelle passiert, drei ineinander verkeilte LKW. Dazwischen ein paar Autos, die aber von einem der LKW, einem Autotransporter, heruntergefallen sind.
Ein LKW liegt quer über allen Fahrspuren der Gegenfahrbahn, und die Betonsegmente des Mittelstreifens, die dabei auf unserer Fahrbahn geschleudert wurden, sind inzwischen auch weggeräumt. Mit einem einfachen Abschleppwagen versuchen die Jungs jetzt, den quer liegenden Lastwagen erstmal auf der Seite liegend von der Straße zu ziehen, damit in der Gegenrichtung wenigstens eine Fahrspur wieder geöffnet werden kann. Schweres Gerät wird sicher eh nicht vor morgen anrücken. Inzwischen ist es 22:04 Uhr, mal schauen wann wir in Blumenau ankommen werden – eigentlich jetzt. Ich klappe das Notebook zu.
(Im Bus zurück klappe ich es jetzt gerade wieder auf).
Um fünf Minuten vor eins checke ich nachts im Hotel Hermann ein. Steve hatte bereits ein Doppelzimmer reserviert, wir sind da ja sozusagen schon bekannt. In Blumenau funktioniert auch mein Handy wieder, so dass ich zunächst einmal versuche, Christian und Steve zu erreichen. Mehr als dass sie mit einem Arbeitskollegen von Steve in die Danceteria „Observatório“ wollten, welche sich in der Nähe des Universitätscampus befinden soll, weiß ich nicht. Ich frage mich also mal wieder durch, wie so häufig, und gelange zum Ziel. Inzwischen habe ich so eine grobe Orientierung in Blumenau, und wenn mit jemand sagt: „Das sind 5 km bis dahin“, weiß ich, dass die Leute hier zu Übertreibungen neigen. Und ich sollte mir doch besser ein Taxi bestellen. Fußfaule Brasilianer, ich weiß genau, dass es max. 1,5 km sind und laufe weiter, nicht ohne erzählt zu haben, dass es in Deutschland Militärdienst gibt, wo man 40 km am Tag marschieren müsste. Auch wenn ich nicht beim Bund war: Das zieht. Und auf dem Weg wird mir klar, dass sowohl Bundeswehr als auch Zivildienst in Deutschland immerhin den Vorteil haben, dass sie erheblich zum Erwachsenwerden beitragen. Also genau das richtige für Carlos’ Freunde.
Im Observatório eingetroffen treffe ich Christian und Steve mitsamt Kollegen Egard und seinen Freunden sofort. Gott sei Dank, endlich mal wieder ein ordentlicher Schuppen für normale Leute und kein Schicki-Micki. Studenten, eine Rockband die unter anderem AC/DC (die Betonung liegt hier auf dem letzten C und nicht auf dem D wie in Deutschland) spielt. Spätestens als Steve zum dritten Mal fragt: „Sag mal Marcus, wo hast du eigentlich Deine Sachen?“ und „Marcus, hast du eigentlich schon beim Hermann eingecheckt?“ wird mir klar, dass beide schon gut dabei sind. Egard besteht darauf, uns nach Ende der Party noch nach Hause zu fahren. Da Forsti einen Zustand erreicht hat, der es ihm nicht ermöglicht, mit dem ersten Bus heimzukommen, übernachtet Steve bei Egard und Forsti mit im Hotel.