Weit entfernt von Ordnung und Fortschritt

Nach Engenharia de Software mache ich mich mit Hilfe von Lonely Planet und dem neu erschienenen Reise-Know-How von Jürgen (war zum Zeitpunkt unseres Abflugs noch nicht erhältlich, ist zu empfehlen!) noch etwas an die Pantanal- und Bonitoplanung.
In Empreendedorismo fragt Prof. Álvaro, welche Branchen in Floripa fehlen und wo man als Unternehmer Erfolg haben könnte. Ich schlage vor: „Uma Loja de Movéis de Grande Porte“ – ein Möbelhaus im großen Stil. Die Brasilianer wollen das nicht, sie finden alle ein Bootsverkehrsunternehmen oder noch ein Schulbusunternehmen toller. Als ob es davon nicht genug geben würde. Nur der portugiesische Austauschstudent versteht mein Anliegen, stupst mich von hinten an und fragt: „Tá pensado de IKEA?“ – Denkst du an IKEA? „Isso!“, er findet auch, so etwas täte Floripa gut. Seinem Vorschlag, ein portugiesisches Bacalhão-Restaurant zu eröffnen, können die Brasilianer aber ebenfalls nichts abgewinnen, Prof. Álvaro muss den Studenten noch erklären, dass Bacalhão Backfisch – das portugiesische Nationalgericht – ist.
Abends kommen Steve und Forsti noch mal vorbei, und bevor wir zwecks weiterer Reiseplanung zu Jürgen wechseln, vertiefen wir uns mit Ângela in eine Streikdiskussion: Die Mitarbeiter wollen etwa 15% Lohnerhöhung, 0,1% ist ihnen zugesichert worden. In der Mensa sind die Mitarbeiter direkt über die Uni angestellt und erhalten als Bundesangestellte etwa 1500 Reais monatlich, und streiken für mehr. Inzwischen werden jedoch auch für die gleiche Arbeit Drittfirmen angeheuert, deren Angestellten etwa 350 Reais verdienen. Wir sagen: Warum wirft man die Streikenden nicht raus, und stellt die billigen Kräfte ein?
Im Übrigen wird bei einem Streik der Lohn vom Arbeitgeber weitergezahlt. Wir fragen: Welche Motivation hat da der Arbeitnehmer, wieder an die Arbeit zu kommen, und den Streik möglichst schnell zu beenden? Ist doch viel besser, auszuschlafen und trotzdem Geld zu erhalten. Außerdem entspräche das nicht dem Grundsatz: Keine Arbeitsleistung = kein Geld.
Wir behaupten, es sei relativ unsinnig, wenn eine Universität streike: Sie sei dienstleistungstechnisch nicht in eine Art Zulieferkette eingebunden, und könne somit auch nichts lahm legen. Und wenn nur einzelne Professoren oder einzelne Mitarbeiter streikten, erst recht nicht. Ângela ist ja bekanntlich eine große Streikfunktionärin, die immer brav 1x im Jahr für ein bis zwei Monate streikt. „Und was macht man so bei einem Streik?“, fragen wir. Die meisten Mitarbeiter gehen wohl nach Hause, muss auch Ângela einsehen. Etwa 30 bleiben im Foyer des Rektorats sitzen und malen Plakate, schauen sich politische Filme an, organisieren Vorträge über die Missstände im brasilianischen Bildungssystem, … Forsti erzählt mir nachher, er sei mal durch das Rektoratsfoyer geschlendert, Skat hätten sie gespielt. Ich frage: „Haben sie wenigstens einen Pressesprecher?“, aber der ist wohl auch mit lustigen Plakatmalaktionen beschäftigt, denn im Fernsehen war bisher nichts davon zu sehen. Da hatten im Juni die Studentendemos für geringere Busfahrpreise eine deutlich bessere Presseresonanz.
Danach sind wir noch zu Jürgen, und haben uns über verschiedene Touranbieter ins Pantanal informiert.
Auf dem Rückweg sinniere ich noch etwas über den Streik. Wird es den brasilianischen Präsidenten, durch eine Korruptions- und Schmiergeldaffäre gerade ernorm am Straucheln, interessieren, ob an irgendeiner Universität auf einer kleinen Insel im kleinsten Bundesstaat Brasiliens für höhere Löhne gestreikt wird? Kaum, er wird andere Probleme haben. Von Ordem e Progresso (Ordnung und Fortschritt), so wie es auf der brasilianischen Flagge steht, scheint diese kleine Universität weit entfernt. Eigentlich das ganze Land. Viel besser passt das alte Frühstyxradio-Motto „Freiheit Schönheit Reichtum“. Auf Portugiesisch:


Der Untergang von Ordnung und Fortschritt

Der kleine Tierfreund passte gut in die endlosen Feuchtgebiete des Pantanals, und auch in Pomerode gäbe es propere Vorgärten für alle Friedas und Annelieses dieser Welt.