{"id":182,"date":"2005-05-13T00:35:00","date_gmt":"2005-05-13T00:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/ganseforth.org\/?p=182"},"modified":"2019-04-21T23:01:44","modified_gmt":"2019-04-21T23:01:44","slug":"holm-ii-und-claudia-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ganseforth.org\/?p=182","title":{"rendered":"Holm II. und Claudia I."},"content":{"rendered":"<p>Gestern habe ich Luiz und Michelle zuf\u00e4llig einige idiomatische Begriffe, besser als Sprichw\u00f6rter bekannt, gelernt. Nachdem sie mir versucht hatten, eine Sache zu erkl\u00e4ren, und dieses einigerma\u00dfen lange gedauert hat, bis ich es verstanden hatte, habe ich ihnen erkl\u00e4rt: In Deutschland w\u00fcrde man jetzt sagen: Der Groschen ist gefallen. Oh, riefen sie, das gibt es auch im Portugiesischen: a ficha caiu. Aber was ist ficha? Denn M\u00fcnzen hei\u00dfen moedas, und alles was unter einem Real liegt, h\u00f6rt auf centavos. Haben die Geldst\u00fccke etwa auch apelidos, Spitznamen, wie etwa der deutsche Groschen? Nein, ficha ist etwas anderes: Vor nicht allzu langer Zeit wurde Brasilien immer wieder von schweren Inflationen heimgesucht. Und als es noch keine Kartentelefone gab, kauften die Leute Wertm\u00fcnzen f\u00fcr Telefonzellen. Es w\u00e4re n\u00e4mlich zu aufw\u00e4ndig gewesen, t\u00e4glich die Tarife in den Millionen von Telefonzellen anzupassen, oder die Telefonzellen mit neuen M\u00fcnzwaagen auszustatten. So konnte man in den Kiosken \u2013 zu inflation\u00e4r steigenden Preisen \u2013 diese Wertm\u00fcnzen namens ficha erwerben. Die nat\u00fcrlich ebenso wertlos wie das Geld waren, aber wie der Groschen auch nach ihrer Abschluss ihrer betrieblichen Nutzungsdauer der Sprache dauerhaft erhalten bleiben.<br \/>\nSeit heute habe ich auf der Arbeit eine Menge zu tun: Nach 5 Wochen betteln habe ich jetzt ein Login f\u00fcr den Linux-Server und soll Skripte programmieren, gr\u00f6\u00dftenteils Relat\u00f3rios, Berichte, z.B. \u00fcber einen Projektfortschritt. Und da ich programmiertechnisch ein ziemlicher Anf\u00e4nger bin, w\u00e4lze ich mich jetzt erst einmal durch Internetforen o.\u00e4. zum Thema. Ein paar Sachen habe ich heute auf Anhieb geschafft, war regelrecht stolz auf mich.<br \/>\nZwischendurch kreiste \u00f6ffentlich der Stundenzettel rum. Dort stand drauf, wie sich bei jedem Mitarbeiter die Banco das Horas, das Stundensaldo, seit Monatsbeginn entwickelt hat. Man musste das unterschreiben, warum wei\u00df ich auch nicht. Jedenfalls habe ich jetzt 18 \u00dcberstunden, ist ja auch kein Wunder wenn ich mit 40-Std-Vertrag 44 Stunden arbeite, wie alle anderen regul\u00e4r. Daf\u00fcr werde ich dann zum Ende und an g\u00fcnstigen Wochenenden mal Zeitausgleich \u2013 compenza\u00e7\u00e3o \u2013 nehmen. Das wird auch kein Problem sein, Tranq\u00fcile!<br \/>\nHeute Nachmittag rief mich H\u00e9lvio zu sich. (Nachdem er gestern gesch\u00e4ftlich in S\u00e3o Paulo war \u2013 das war der l\u00e4ssigste Tag aller Mitarbeiter, es wurde Kuchen bestellt, gemeinsam haben wir so eine Art Berliner mit Catupiry = Frischk\u00e4sef\u00fcllung gegessen.) Heute hatte H\u00e9lvio einen Doutorando und eine Mestranda \u2013 eine Masterstudentin \u2013 von der UFSC mit dabei, die mit mir gemeinsam etwas in Richtung CEP bei Zukaufteilen sowie Prozessrationalisierung in der Produktion machen sollen. CEP ist in Brasilien nicht nur die Abk\u00fcrzung f\u00fcr Postleitzahl, sondern hei\u00dft auch controle estat\u00edstico de processo. Spezieller Gru\u00df an Ilmenauer Studenten: Da habe ich jetzt also als Kollegen neuerdings einen Holm II. und eine Nadin II., zumindest auf den ersten Eindruck. Holm II. hei\u00dft Adri\u00e1n und hat die Hosen an, Liliane hat bisher noch nicht so viel gesagt. Interessant ist, dass beide aus Argentinien bzw. Kolumbien kommen und ihre (oder vielmehr seine) erste Frage lautete: Sabes falar espanhol? \u2013 Ne, das vergesst man ganz schnell, ihr Spanjockels, ich hab schon mit Portugiesisch genug zu k\u00e4mpfen.<br \/>\nThemenwechsel:<br \/>\nFranziska bittet darum, dass ich doch mal mehr als nur erw\u00e4hnen solle, dass ich mir hier ein Hausm\u00e4dchen leiste. Erw\u00e4hnt habe ich es am 5. M\u00e4rz, man m\u00f6ge es im Archiv nachschlagen. Interessant ist die Geschichte dennoch: Irgendwann um diese Zeit fragte mich Luiz, ob ich eigentlich meine W\u00e4sche selbst machen wolle. Ich k\u00f6nne das machen, eine Waschmaschine stehe in einem Gartenschuppen, aber eigentlich w\u00e4re es doch verschwendete Zeit. Michelle und er h\u00e4tten keine Lust dazu, und deswegen h\u00e4tten sie Claudia eingestellt: Sie kommt jeden Dienstag- und Samstagmorgen, putzt, w\u00e4scht ab, w\u00e4scht und b\u00fcgelt die roupas. Ich k\u00f6nne das selbst machen \u2013 aber ich k\u00f6nne auch Claudia 40 Reais im Monat in die Hand dr\u00fccken. Nun, ich habe da nicht lange \u00fcberlegt: Ich m\u00fcsste mindestens zwei Stunden pro Woche investieren, hier schwitzt Mann um einiges mehr, macht acht Stunden im Monat, gegen den Lohn von etwa 12 Euro. Claudia. Ich denke, dass sie bei Luiz und Michelle und mir etwa mit 150-180 Reais rausgehen wird. Dann wird sie noch in der Woche bei anderen Leuten arbeiten (Hausm\u00e4dchen werden \u00fcbrigens per Mundpropaganda in der Nachbarschaft weitervermittelt \u2013 ein guter Leumund wird da einiges wert sein), ich kann mir vorstellen, dass Claudia durchaus auf ihre 800 Reais Monatsgehalt kommt \u2013 was 2,5 mal so viel wie der Mindestverdienst ist. Somit wird Claudia so schlecht nicht dastehen.<br \/>\nEs geht n\u00e4mlich auch weit tiefer: Irgendwo haben wir mal erfahren, dass ein Dosensammler pro Kilo gesammelter Dosen 3 Reais vom Schrotth\u00e4ndler bekommt. Wenn Du auf der Stra\u00dfe mit einer Getr\u00e4nkedose, die es hier en masse gibt, heruml\u00e4ufst, hast Du garantiert bald einen an der Hand, der Dir die leere Lata abschwatzt. Soll er haben. Leider habe ich hier gerade weder eine K\u00fcchenwaage noch eine leere Dose zur Hand, aber die Dosen sind d\u00fcnner ausgewalzt als wie sie es in Deutschland waren. Das hei\u00dft, der Kamerad muss ganz sch\u00f6n viele M\u00fclleimer durchsuchen, bis er sein Kilo zusammengekratzt hat. Eine gef\u00fcllte Bierdose kostet etwa genauso viel.<br \/>\nDa haben wir es wieder: Alle Extreme liegen auf dichtestem Raum nebeneinander. Das sagt sich \u2013 implizit \u2013 auch die brasilianische Bundesregierung, die ein sehr sch\u00f6nes Markenlogo hat:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-584\" src=\"http:\/\/ganseforth.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/brasil.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"227\" srcset=\"http:\/\/ganseforth.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/brasil.jpg 640w, http:\/\/ganseforth.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/brasil-300x106.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-style: italic;\">Brasilien &#8211; ein Land f\u00fcr alle<\/span><\/p>\n<p>Um Armut und Hunger entgegenzutreten, gibt es das Programm fome zero (null Hunger)<br \/>\nWobei die Wirkungen wohl maximal langfristig in Erscheinung treten werden.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-639\" src=\"http:\/\/ganseforth.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/fomezero.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"396\" srcset=\"http:\/\/ganseforth.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/fomezero.jpg 640w, http:\/\/ganseforth.org\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/fomezero-300x186.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern habe ich Luiz und Michelle zuf\u00e4llig einige idiomatische Begriffe, besser als Sprichw\u00f6rter bekannt, gelernt. 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