{"id":177,"date":"2005-05-18T02:40:00","date_gmt":"2005-05-18T02:40:00","guid":{"rendered":"http:\/\/ganseforth.org\/?p=177"},"modified":"2019-04-21T12:56:01","modified_gmt":"2019-04-21T12:56:01","slug":"im-supermarkt-oder-die-angst-des","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ganseforth.org\/?p=177","title":{"rendered":"Im Supermarkt oder die Angst des Brasilianers vor Bargeld"},"content":{"rendered":"<p>Ein l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliger Themenpark. Als Untersuchungsobjekt diene der Angeloni (die gro\u00dfe Supermarktkette Brasiliens) in Santa M\u00f4nica oder jeder andere supermercado. Er ist etwa halb so gro\u00df wie das Kaufland in Ilmenau und doppelt so gro\u00df wie ein Aldi- oder Lidl-Markt und bietet vom Churrascospie\u00df und B\u00e4ckertheke bis zum K\u00f6stritzer Schwarzbier und Requeij\u00e3o Catupiry einfach alles was man so ben\u00f6tigt. Interessant wird es eigentlich erst, wenn sich die zahlungswillige Kundschaft der Kasse n\u00e4hert: Es gibt mindestens 20 Kassen, die alle ge\u00f6ffnet sind. Verglichen mit dem Ilmenauer Kaufland (ca. 10 Kassen, meist nur f\u00fcnf ge\u00f6ffnet, durchschnittliche Wartezeit unter zwei Minuten, durchschnittliche Dauer eines Kassiervorganges 20\u202640 Sekunden) setzt Brasilien hier andere Ma\u00dfst\u00e4be: etwa die H\u00e4lfte der Kunden wie im Kaufland, durchschnittliche Wartezeit schlappe acht Minuten. Es befinden sich stets mehr Kunden in der Warteschlange als beim Einkauf im Markt. Woran das liegen mag? An der Dauer des Kassiervorganges. Dieser streut gewaltig und reicht von einer Minute (deutscher Student, der ein Brot, eine Packung Salami und einen Frischk\u00e4se erwirbt, bei Barzahlung mit passendem Geld und kleinen Scheinen, und welcher darauf besteht, und seine Waren selbst in den mitgebrachten Rucksack zu packen) bis etwa 10 Minuten (Mutter mit einem Einkaufswagen und viel Gem\u00fcse, welches an der Kasse gewogen wird, die sich alles in etwa 50 Plastikt\u00fcten einpacken l\u00e4sst und mit Kreditkarte oder gro\u00dfen Scheinen zahlt).<br \/>Nun, wer einmal hinter einem solchem Einkaufsraumschiff gestanden hat, wei\u00df wie das abl\u00e4uft: Die Kassiererin zieht Artikel f\u00fcr Artikel \u00fcber den Scanner. In Ilmenau vielleicht ein Artikel pro Sekunde. In Brasilien eher alle 10 Sekunden einen Artikel. So eine Handbewegung ist ja auch au\u00dferordentlich komplex, und man sollte auch nicht verlangen k\u00f6nnen, dass die Kassiererin vorher wei\u00df, wo sich denn der Strichcode am Artikel verstecken k\u00f6nnte. Alle drei Artikel wird eine neue Plastikt\u00fcte hervorgekramt und die Waren werden darin liebevoll verstaut. Gem\u00fcse wird an der Kasse gewogen. Oberhalb der Kasse befindet sich ein gro\u00dfer Monitor, wo der Preis aller Artikel und die Summe angezeigt werden. Das finde ich grunds\u00e4tzlich gut, \u00e4rgerlich ist, dass es ein System aus DOS-Zeiten ist und die Aufsummierung zur Preissumme weitere 10 Sekunden in Anspruch nimmt. Der angezeigte Preis ist in dem Moment, in welchem man sein Portemonnaie z\u00fcckt, noch der Einzelpreis des letzten Artikels.<br \/>Kommen wir zum Zahlvorgang: Dieser geschieht in Brasilien grunds\u00e4tzlich mit Kreditkarte oder Scheck. Bargeld ist das, was man f\u00fcr Bettler \u00fcbrig hat. In Ilmenau habe ich einige Male beobachtet, dass ein Barzahlvorgang in der Regel deutlich flotter geht als das elektronische Zahlen mit Bank- oder Kreditkarte. Ausf\u00e4lle von Karten und zugeh\u00f6riger Leseger\u00e4te nicht mitgerechnet, die in Brasilien offenbar an der Tagesordnung sind, jeder Brasilianer schleppt mindestens drei Plastikkarten mit sich rum und an jeder Kasse stehen mehrere Terminals. So ganz traut man der Technik wohl nicht, deshalb wohl nicht ausgestorben ist das gute alte Scheckbuch, mit dem man im Supermarkt und Restaurant gern bezahlt. Zwei zus\u00e4tzliche Minuten zum Ausf\u00fcllen des Schecks nach Durchprobieren aller m\u00f6glichen Kombinationen aus vorhandenen Karten und an der Kasse verf\u00fcgbaren Leseger\u00e4ten verstreichen.<br \/>Manchmal stellt sich der deutsche Student nat\u00fcrlich auch an der caixa r\u00e1pido, der Schnellkasse an, die schneller hei\u00dft als sie ist. Es gibt derer vier im Angeloni, f\u00fcr einen Einkaufskorb mit maximal 15 Artikeln. Eine Warteschlange f\u00fcr alle Anstehenden an der cixa r\u00e1pido, die sich mit m\u00e4anderf\u00f6rmig aufgestellten Absperrb\u00e4ndern in den Markt reinschl\u00e4ngelt. Im Minimum 20 Kunden vor dem Protagonisten. Noch ist in t\u00e4glichen Dauertests mit Handystoppuhr nicht bewiesen worden, ob es hier tats\u00e4chlich schneller zugeht. Immerhin sind es dann nur noch f\u00fcnf Kunden pro Kasse, aber auch hier kommt die Kreditkartenproblematik wieder hoch, so dass es dann doch ziemlich lange dauert, bis eine der Kassiererinnen \u201ePr\u00f3ximo!\u201c \u2013 Der n\u00e4chste Bitte! \u2013 ruft. Nun stellen wir uns den Fall vor, dass das Bargeld, f\u00fcr einen Betrag von sagen wir 5 Reias (1,50 Euro), nicht ann\u00e4hernd passend vorliegt. Der Kunde bezahle mit einer 10-Reais-Note. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist nicht gen\u00fcgend Wechselgeld in der Kasse. Die Kassiererin macht ein rotes L\u00e4mpchen an der Kasse an, innerhalb von 3 Sekunden (das geht ja wirklich schnell!) steht so\u2019n Sicherheitsfuzzi neben mir, und muss erst mal beruhigt werden: Kein Alarm, er soll nur Bargeld tauschen. Er hat eine G\u00fcrteltasche, und z\u00e4hlt 10 Reias in 1-Real-Scheinen raus, die Kassiererin z\u00e4hlt sie noch mal durch und gibt meinen 10-Reais-Schein weg. Einmal musste ich mit einem 50-Reais-Schein bezahlen, da wurde die Note zun\u00e4chst beknibbelt, geknickt, \u00fcber die Metallkante der Kasse hinweg abgezogen, und nach erfolgreichem Echtheitstest musste der Sicherheitsstratege in den hinteren Bereich laufen, kleinere Noten holen. Da m\u00fcssen also drei Leute z\u00e4hlen: Die Kassiererin, der Sicherheitsmann, und sein Kollege im hinteren Bereich. Zwei weitere Minuten Warten an der Kasse.<br \/>Entnervt verlasse ich den Supermarkt, und frage mich, was die soeben in Deutschland eingetroffenen Brasilianer vom Kaufland halten werden. Da liegt die Ware abgefertigt im hinteren Bereich der Kasse und die Summe vor, bevor die ihre Kreditkarte oder Bargeld auch nur z\u00fccken k\u00f6nnten. Staunend werden sie dieses Gesch\u00e4ft verlassen. Kein Wunder, dass es hier hei\u00dft, die Deutschen seien flei\u00dfig und w\u00fcrden schnell und zuverl\u00e4ssig arbeiten.<br \/>Als ich beim Bekleidungseinkauf einmal auf eine Summe von 120 Reais (35 Euro) kam, habe ich gro\u00dfe Augen der Kassiererin geerntet, als ich drei 50-Reias-Scheine hervorgekramt habe. So eine gro\u00dfe Summe Bargeld! Inimagin\u00e1vel \u2013 unvorstellbar. So stehe ich nun vor dem Problem, wie ich meinen Lohn, u.a. drei seltene gro\u00dfe 100-Reais-Scheine, an den Mann bringe, und welche weitere Sicherheitspr\u00fcfungen die Geldscheine \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lliger Themenpark. 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