{"id":114,"date":"2005-07-29T18:05:00","date_gmt":"2005-07-29T18:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/ganseforth.org\/?p=114"},"modified":"2019-04-21T12:56:07","modified_gmt":"2019-04-21T12:56:07","slug":"letzter-arbeitstag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ganseforth.org\/?p=114","title":{"rendered":"Letzter Arbeitstag"},"content":{"rendered":"<p>Es ist wieder w\u00e4rmer geworden, und der Kurs des Euros erholt sich langsam in Relation zum brasilianischen Real. Perfekte Voraussetzungen f\u00fcr den letzten Arbeitstag, schlie\u00dflich wird der sich dem Praktikum anschlie\u00dfende Studienurlaub dann sehr viel g\u00fcnstiger ausfallen.<br \/>Morgens lege ich auf der Arbeit einen Aktenordner mit allen meinen Dokumenten an (wahrscheinlich wird irgendjemand diesen am Montagmorgen auf den Schrott werfen \u2013 aber egal. Ansonsten mache ich dann erst mal Beleza zu allen: Daumen hoch und foi um prazer. Es war mir ein Vergn\u00fcgen. Mittags erwische zum ersten Mal seit drei Tagen Helvio, und lege ihm endlich meinen Praktikumsbericht vor. \u201eSehe ich mir am Wochenende an\u201c, sagt er knapp. Er hat n\u00e4mlich in den letzten Tagen nur Konferenzen und Besprechungen gehabt. Aber alles beleza. Und er habe jetzt leider schon wieder einen Termin bei Intelbras. Dort wird ein Verbesserungsvorschlag im Qualit\u00e4tswesen von dem brasilianischen IHK-Pendant pr\u00e4miert. Helvio ist eines von drei Jurymitgliedern, und sagt: \u201eV\u00e1 comigo\u201c. Komm doch einfach mit. Ist doch eh dein letzter Tag. \u201eUm vier Uhr kommt Franziska\u201c, sage ich. \u201eTranq\u00fcile, um 3 sind wir zur\u00fcck.\u201c Intelbras ist ja auch quasi in der Nachbarschaft, und so wie ich das verstanden habe, S\u00fcdamerikas gr\u00f6\u00dfter Telefonhersteller. 500.000 Apparate hauen die jedes Jahr raus, und auf vielen steht nicht Intelbras, sondern Philips, NEC, usw. Eine Arbeitergruppe wird pr\u00e4miert, die im Geh\u00e4use den Gabelschalter einer Telefonserie umgestaltet haben will. Das ist witzig genug: Durch Miniaturisierung wurde die Technik im H\u00f6rer immer leichter, so dass man in den letzten Jahren zus\u00e4tzliche Bleikappen um die Ohrmuschel befestigten musste, um das notwendige Gewicht zur Ausl\u00f6sung der Gabel zu erhalten. L\u00f6sung der Gruppe: Sie haben den Schalter ausgewechselt, und kaufen jetzt bei einem anderen Zulieferer ein. Dieser Schalter ist etwas anders konstruiert, und l\u00e4sst sich leichter herunterdr\u00fccken. Die Bleigewichte entfallen, und der H\u00f6rer wird leichter, der Transport billiger. 200.000 R$ spart Intelbras dadurch j\u00e4hrlich. Na gut, die sparen durch das enorme Produktionsvolumen so viel, aber so besonders kreativ finde ich den Vorschlag, den Zulieferer zu wechseln, jetzt nicht. Immerhin haben sie den Vorschlag immerhin von zwei Jahren umgesetzt \u2013 scheint ja ein megaflexibles Unternehmen zu sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ganseforth.net\/brasil\/intelbras.jpg\" \/><br \/><span style=\"font-style: italic;\">Intelbras<\/span><\/p>\n<p>Als einer der drei Kammermitglieder \u00fcberreicht Helvio dann die Medaillen und einen Pokal f\u00fcr die Mitarbeiter, dann gibt\u2019s noch ein kleines Buffet. Der Abteilungsleiter Logistik bietet noch eine F\u00fchrung durchs Unternehmen an: Das werden wir uns nat\u00fcrlich nicht entgehen lassen, sagt Helvio, und mein dezenter Hinweis, um 4 Uhr erwarte ich Franziska bei Olsen, d\u00fcrfte im allgemeinen Beleza untergegangen sein. Das Werk ist aber schon ziemlich krass: 1976 gegr\u00fcndet, als man in Brasilien Gespr\u00e4che noch von Hand vermittelte (was man in Deutschland bis in die 20er Jahre machte?). 90% der Mitarbeiter sind weiblich, und es kam mir vor wie eine Textilfabrik in Bangladesh. Platinen werden zum Teil handgel\u00f6tet, zum Teil mit modernen Maschinen best\u00fcckt. Sehr interessant. Man darf nie vergessen: Die m\u00e3o-de-obra, die menschliche Arbeitskraft, kostet hier einfach nichts. Ein weiteres Highlight: Eine eigene Bankfiliale im Haus. Und eine Monatstafel mit allen Mitarbeiten, wo sie ein gr\u00fcnes, gelbes oder rotes Gesicht magnetisch anheften, je nach Zufriedenheit. Soll wahrscheinlich so ein \u201ewir sind alle eine gl\u00fcckliche Familie\u201c symbolisieren. Alles Beleza. Auch die ausgebeutete kleine Frau am L\u00f6tkolben ist zufrieden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ganseforth.net\/brasil\/alle-gluecklich.jpg\" \/><br \/><span style=\"font-style: italic;\">Alle gl\u00fccklich<\/span><\/p>\n<p>Um zwanzig nach vier treffen wir wieder bei Olsen ein, wo mich Franziska im Empfang erwartet. Es musste ja so kommen. Ich mache mit ihr eine F\u00fchrung, angefangen im Ausstellungsraum, durch die ganze Fabrik bis in meine Ingenieurabteilung. Ich rieche f\u00f6rmlich schon, dass es wieder ein Festa de Salgadinhos (H\u00e4ppchenfest) geben wird, denn auch Mitpraktikant Claudio hat heute seinen letzten Tag. Helvio bedankt sich f\u00fcr unsere Mitarbeit, as portas ficam sempre abertas (die T\u00fcren bleiben immer offen f\u00fcr Euch), und weitere Praktikanten aus Deutschland sind nat\u00fcrlich immer willkommen. Wir m\u00fcssen auch noch was sagen, da bedanken wir uns nat\u00fcrlich f\u00fcr die Hilfe und Unterst\u00fctzung und die vielen freundlichen Kollegen. Nach dem Kuchen und den Salgadinhos geht\u2019s dann zum letzten Feierabend zum letzten Mal mit Claudio zur\u00fcck nach Floripa. Er setzt Franziska und mich an der Rodovi\u00e1ria ab, und wir erreichen gerade noch den Semidireito nach Blumenau um 18:35 Uhr. Dort kommen wir gegen 21 Uhr an, checken im Hermann ein und treffen Forsti und seine Freundin Conny, die seit letzter Woche ebenfalls hier ist. Wir gehen nett zusammen im Casa Velha essen, und landen wie gew\u00f6hnlich im Obervat\u00f3rio, Blumenaus Studentendisco.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wieder w\u00e4rmer geworden, und der Kurs des Euros erholt sich langsam in Relation zum brasilianischen Real. 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